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Ein eingespieltes Leselern-Team : Der Verein Mentor hilft Grundschülern, in Buchstaben Texte zu erkennen

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Mentor Hans-Jürgen Brandt und Olli treffen sich einmal in der Woche. Kinderzeitung und Buchstabenspiele stehen auf dem Programm.

shz.de von
erstellt am 20.Jun.2015 | 13:15 Uhr

Pinneberg | Ertappt! Oliver, der lieber Olli genannt werden möchte, lässt seinen Kopf auf den Unterarm fallen. Den Text über die längste Nacht des Jahres hat er gerade fertig gelesen, und schnell die nächste Seite der Kinderzeitung aufgeschlagen. Die, auf der das Rätsel-Labyrinth ist. Doch sein Mentor Hans-Jürgen Brandt hat noch einen Artikel auf der anderen Seite gesehen. „Die schwierigen Wörter wollen wir doch nicht auslassen, oder?“, fragt Brandt. „Na gut“, sagt Olli und blättert zurück.

Einmal in der Woche treffen sich Brandt und Olli nach dem Unterricht im Klassenzimmer und üben gemeinsam das Lesen. Brandt ist einer von derzeit zirka 75 ehrenamtlichen Mentoren, die an 22 Schulen im Kreis Pinneberg als Leselernhelfer aktiv sind. Da Olli anfangs Schwierigkeiten beim Lesenlernen hatte, hat seine Lehrerin dafür gesorgt, dass er Unterstützung vom Verein Mentor – die Leselernhelfer erhält. Seitdem bleibt er jeden Mittwoch noch eine Stunde länger in der Schule, während seine Klassenkameraden nach Hause gehen.

„Erzähl’ mal, wie war’s auf der Klassenfahrt“, fordert Brandt Olli auf, als sich die beiden um 13 Uhr auf dem Flur vorm Klassenzimmer treffen. Olli berichtet, dass es auf Sylt eigentlich gut war. Nur sein Zimmergenosse habe ihn ein wenig genervt: „Der hat jeden Tag gesungen“, sagt er und hebt einen der Stühle von dem Tisch, an dem er gleich mit seinem Mentor sitzen möchte.

„Die Mentoren-Stunde besteht nicht nur aus Lesen“, sagt Brandt. Wenn er sich zum ersten Mal mit einem Kind treffe, lasse er sich zunächst einmal von den Hobbys erzählen. So könne er abschätzen, welche Lektüre seinem neuen Schützling Spaß machen könnte. Später berichteten ihm die Kinder auch oft, was sie in der vergangenen Woche erlebt hätten. Doch natürlich steht das Lesen im Vordergrund.

„Die Mentoren-Stunde besteht nicht nur aus Lesen“, sagt Brandt. (Foto: Voigt)
„Die Mentoren-Stunde besteht nicht nur aus Lesen“, sagt Brandt. (Foto: Voigt)
 

Sobald Brandt und Olli Platz genommen haben, holt der Mentor die aktuelle Ausgabe der Kinderzeitung aus seinem dicken Mentor-Ordner. Schwerpunktthema der Woche sind fleischfressende Pflanzen. „Den Sonnentau gibt es auch in Deutschland“, sagt Brandt. „Cool!“, findet Olli. Und sieht zur Tür, die gerade aufgeht. „Entschuldigung, wir wollen nur schnell unsere Sachen holen“, sagen zwei Mädchen, gehen langsam zu ihren Tischen und verlassen den Raum dann wieder.

„Das Mentor-Konzept wird in der Klasse gut aufgenommen“, berichtet Brandt. Bisher habe er nur mitbekommen, dass die Mitschüler seiner Schützlinge neugierig darauf sind, was diese eigentlich mit ihrem Mentor hinter der verschlossenen Tür machen. „Das hat mich gewundert“, sagt Brandt, „ich dachte die Reaktion der Mitschüler würde härter ausfallen.“ Doch einige Schüler hätten sogar darum gebeten, ein paar Minuten mit dabei sein zu können. Das lasse Brandt aber nur im Ausnahmefall zu, schließlich gehe es um Eins-zu-eins-Betreuung.

Die Mitschüler macht Mentor neugierig

Sobald die Mädchen weg sind, liest Olli die Überschrift des nächsten Kapitels vor: „Viele tückische Fallen“. Brandt unterbricht ihn: „Weißt du, was ‚tückisch‘ bedeutet?“, fragt er. „Keine Ahnung“, gibt der Schüler zu, „vielleicht etwas, das es nicht so oft gibt?“. Brandt klärt den Jungen über die Bedeutung des Wortes auf. Dann geht es weiter im Text. Nach drei Absätzen fragt Brandt: „Machen wir weiter oder soll ich den nächsten Satz übernehmen?“. Olli lässt seinen Mentor einen Satz lesen und steigt dann sofort wieder selbst ein. Man merkt, dass die beiden im Laufe des Schuljahrs ein eingespieltes Team geworden sind.

Das Mentor-Konzept ist so angelegt, dass die Schüler in der Regel ein Jahr lang Unterstützung von einem Leselernhelfer erhalten. Brandt sagt jedoch, dass die Kinder oft gern länger mit ihrem Mentor zusammenarbeiten würden. „Man wird in der Zeit oft eine weitere Bezugsperson für die Kinder“, berichtet er und erzählt, dass er sogar schon einmal einen Hausbesuch abgestattet hat, weil das Kind seine Lesestunde nicht verpassen wollte, obwohl es krank war. „Da hat die Mutter mich gefragt, ob ich nicht vorbeikommen könnte und ich habe das gemacht“, sagt Brandt. Er habe jedoch auch schon Eltern erlebt, die an dem Projekt nicht interessiert gewesen seien und die ihm nicht einmal Bescheid gegeben hätten, wenn ihr Kind nicht in der Schule war und die Stunde ausfallen musste. „Das finde ich schade“, sagt er. Aber das Kind könne ja nichts dafür.

Aktuelle Themen: Streiks bei Post und Bahn

Die nächste Seite der Kinderzeitung befasst sich mit aktuellen Themen. „Das was jetzt kommt, wirst du auch erlebt haben“, sagt Brand beim Umblättern. Es geht um den Poststreik. Olli liest und Brandt fragt ihn, was denn ein Streik sei. „Das, was die zum Beispiel bei der Bahn sehr oft machen, die machen so Schilder und gehen damit rum“, sagt der Schüler. Brandt möchte wissen, weshalb. Auch das weiß Olli: „Die Bahnfahrer, die wollen mehr Geld haben.“ Die beiden besprechen kurz das Für und Wider eines Streiks. Dann widmen sie sich erneut der Post. Und Olli stellt fest: „Also, ich habe Glück gehabt. Als ich für Mama Post aus Sylt verschickt habe, ist sie gleich am nächsten Tag angekommen.“

Das Ziel von Mentor sei nicht nur, dass die Kinder die Texte vorlesen können, sondern sie auch verstehen, erläutert Brandt. Aus diesem Grund spreche er mit ihnen immer über den Inhalt. Vom Verein Mentor werden alle Leselernhelfer geschult, um sich auf das Üben mit den Schülern vorzubereiten: Wieso haben Kinder Schwierigkeiten beim Lesenlernen? Wie übt man am besten mit ihnen? Was soll man mit ihnen lesen? Wie setzt man seine Stimme ein? Das sind einige der Fragen, die in den Schulungen beantwortet werden.

Fragen überprüfen das Textverständnis

Nach zwei textlastigen Seiten darf Olli das Rätsel-Labyrinth lösen. „Ich weiß schon den Weg“, sagt er nach nicht einmal 30 Sekunden, nimmt einen Stift und zeigt, wie die Biene fliegen muss, um zur Blume zu gelangen. Dann soll er fünf Fragen zum Text beantworten: Drei Antwortmöglichkeiten hat er jeweils, für jede Antwort notiert er einen Buchstaben. „Fahse“, liest er am Ende vor. „Kennst du das Wort?“, fragt Brand. Olli schüttelt den Kopf. Gemeinsam sehen sie sich an, wo Olli Fehler unterlaufen sind. „Ah, Falle!“, stellt Olli fest, nachdem er seine Antworten noch einmal überdacht hat. „Und jetzt spielen wir“, sagt der Zehnjährige.

Die Kinder könnten nicht die ganze Stunde lang Texte lesen, sagt Brand. Auch Spiele, bei denen es um Buchstaben geht, seien eine Möglichkeit, weiter zu üben. Und für die Motivation gebe es Stempel, die einem Nichtleser mit der Zeit bestätigen, dass er erst ein Lesefloh, dann eine Lesemaus und nach zirka einem Jahr eine Leseratte geworden ist.

Brandt packt das Spiel „Boggle“ aus. Olli schüttelt die 16 Buchstabenwürfel, die dann auf einem Feld von vier mal vier Stück liegenbleiben. Jetzt hat er zehn Minuten Zeit, möglichst viele Wörter zu finden. Mit der linken Hand verdeckt er sein Blatt, schließlich soll sein Mentor nicht bei ihm abschreiben. „Ich seh’ nichts mehr“, sagt Olli. Beide gleichen ihre Wörter ab.

Um 14 Uhr ist die Mentor-Stunde vorbei. Ollis Mutter wartet vor der Schule. „Hallo, Kröte!“, begrüßt sie ihren Sohn. Dieser gibt ihr einen Kuss: „Hallo, Mama!“. Dann fragt Brandt, wie es mit einem Ausflug zur Eisdiele aussehe. An diesem Tag nicht, sagt Ollis Mutter. Der Zehnjährige ist enttäuscht. Er schlägt vor, dass er noch ein Eis bekommen darf, wenn er anschließend sofort Hausaufgaben macht. „Dann bis gleich“, gibt seine Mutter nach. Brandt und Olli fahren los. Das Eis haben sie sich an diesem Tag verdient.

Derzeit arbeiten zirka 75 Menschen ehrenamtlich für den Verein Mentor – die Leselernhelfer Kreis Pinneberg. Der Bedarf nach weiteren Mentoren, die zirka eine Stunde wöchentlich mit Zweit- bis Viertklässlern lesen, ist jedoch größer. Wer Interesse an dieser ehrenamtlichen Tätigkeit hat, kann sich per E-Mail an info@mentor-pinneberg oder unter Telefon 0160-31105 14 melden. www.mentor-pinneberg.de
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