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Rüpel-Radler und Aggro-Autofahrer : Der Streit um die Straßenhoheit

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Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Die Stimmung zwischen Rennradfahrern und Autofahrern im Kreis Pinneberg ist angespannt. Anwohner und Autofahrer sind genervt von den Radsportlern – und die Radsportler von ihnen.

Kreis Pinneberg | Rennradfahrer auf der Straße: Autofahrer sind genervt, Anwohner haben Angst. Autofahrer auf der Straße: Rennradfahrer werden bedrängt und bedroht. Den Konflikt gibt es schon so lange wie die Fahrzeuge selbst. Doch wem gehört die Straße?

Das sagt die Straßenverkehrsordnung: (1) Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht. (2) Jeder Verkehrsteilnehmer hat sich so zu verhalten, dass kein anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.

510 Fahrradunfälle gab es 2015. Wie viele darunter mit Rennrädern, darüber gibt es laut Polizei keine Zahlen. Fest steht aber: Die Verkehrssituation ist angespannt. „Auf den Straßen sind schließlich Motorradfahrer, Rennradfahrer, Inlineskater, Autofahrer – es ist viel los und schwer, Konsens zu finden“, sagt Joachim Lang von der Polizeidirektion Bad Segeberg, zuständig für das Sachgebiet Verkehr. Die Spannung zwischen beiden Parteien ist ihm bekannt. „Vor allem am Wochenende, da sind zusätzlich viele Hamburger in der Marsch unterwegs“, berichtet er. „Aber Radfahrer sind auch Verkehrsteilnehmer, sie dürfen nicht stiefmütterlich behandelt werden.“ Generell sei es – bis auf Radwegen mit Benutzungspflicht – Radfahrern seit 1998  erlaubt, auf der Straße zu fahren. „Die Radwege zu nutzen, wäre auch selbstmörderisch“, sagt Rennradfahrer Sascha Beckmann.

Problem im Kreis Pinneberg: „Es ist der bevölkerungsreichste und einer der verkehrsreichsten Kreise in Schleswig-Holstein“, so Lang. 200.962 Pkw seien im Kreis angemeldet. Und die Zahlen steigen. „Es wird immer enger“, sagt der Verkehrs-Experte. Laut Lang können die Radfahrer auch nicht auf die Radwege verbannt werden. „Außer Rennrädern sind auch  immer mehr E-Bikes unterwegs. Beide sind so schnell, dass sie gefährlich für Fußgänger wären.“  Die Lösung? „Mehr Toleranz.“

Abfahrbereit für ihre Trainingsstrecke: Hans-Henning Hein (v. l.), Sascha Beckmann und Sara-Melissa Beckmann. Das Lächeln vergeht ihnen, wenn Autofahrer sie ausbremsen, anhupen und mit Scheibenwischwasser bespritzen.
Abfahrbereit für ihre Trainingsstrecke: Hans-Henning Hein (v. l.), Sascha Beckmann und Sara-Melissa Beckmann. Das Lächeln vergeht ihnen, wenn Autofahrer sie ausbremsen, anhupen und mit Scheibenwischwasser bespritzen. Foto: Oster
 

Insbesondere im Kreis Pinneberg gibt es viele Routen, die Rennradfahrer für ihr Training nutzen. Sie werden angehupt, ausgebremst, mit Scheibenwischwasser angespritzt. „Und das bei jedem Training“, sagt Sascha Beckmann von den Rad-Sport-Freunden (RSF) Pinneberg. Die Fronten sind verhärtet.

Anwohnerin Tanja Hamster aus Haselau reicht es jetzt. Sie und ihre Familie fühlen sich nicht mehr sicher in ihrer Wohnstraße Achtern Dörp. Regelmäßig sausen die Velos an ihnen vorbei. „Die schießen hier mit 30 bis 40 Sachen um die Ecke“, sagt die Mutter. Nun sei ihr vier Jahre alter Sohn Mads beim Spielen fast angefahren worden. „Es hat schon oft beinahe gekracht“, sagt Hamster. „‚Nehmen Sie ihr Gör‘ da weg, haben sie mich schon angepöbelt“, ergänzt sie. Ihr Sohn spiele regelmäßig vor der Haustür. Gegenüber ist eine Rutsche, die Mads gern benutzt. Auf seinem Weg über die Straße sei es schon mehrmals brenzlig gewesen. Um eine Spielstraße handelt es sich jedoch nicht. Achtern Dörp ist eine ausgewiesene 30er-Zone. An das Tempolimit müssen sich auch die Radfahrer halten.

Hamster vermutet: „Die Radler wollen nicht abbremsen, weil sie sich ihre Trainingszeiten nicht verderben wollen.“ Am schlimmsten finde sie, dass sie lautlos unterwegs sind, keine Klingel haben. „Sie sind wie aus dem Nichts einfach da“, sagt Hamster.

„Das Problem haben wir schon ewig“, sagt der stellvertretende Haselauer Bürgermeister Gunter Küchler bestätigend. Anwohner seien genervt. Für den Verkehr seien die Radler gefährlich. „Bei meinem nächsten Auto lasse ich mir zwei Behälter fürs Scheibenwischen einbauen. Einen auf der rechten Seite, mit Jauche fürs Überholen“, scherzt Küchler und offenbart damit wie aufgeheizt die Stimmung ist. Aber sind die Rennradfahrer tatsächlich solch rücksichtslosen Rüpel? Oder die Autofahrer und Anwohner schlicht aggressiv geladen?

Tanja Hamster (l.), Sohn Mads und Ehemann Gunnar Hamster (r.) reicht es.

Tanja Hamster (l.), Sohn Mads und Ehemann Gunnar Hamster (r.) reicht es.

Foto: Habekost

Bis zu 50 Kilometer pro Stunde fahren die Radfahrer bei Rückenwind. „Im Training sind es im Schnitt um die 30 Kilometer pro Stunde“, sagt Rennradfahrer Beckmann. Der Zusammenschluss RSF bestehe im Kern aus etwa 40 Mitgliedern. Meistens fahren sie durch die Haseldorfer Marsch, Holm und Wedel. „Wir und Rennrad-Vereine aus dem Kreis haben ein Abkommen mit manchen Gemeinden geschlossen, fahren schon lange an einem Bereich am Neuendeich nicht mehr entlang. Klar kann man Kompromisse eingehen“, sagt Beckmann. Aber die Pinneberger machen nur einen geringen Teil aus. „Am Wochenende kommen viele Hamburger, vor allem einzelne Fahrer. Auf die haben wir keinen Einfluss.“

Die Sportler haben es nicht leicht auf den Straßen des Kreisgebiets. Laut Beckmann drängeln Autofahrer, fahren viel zu dicht auf. „Bei einer unserer letzten Touren hat ein Pkw–Fahrer uns genötigt immer wieder abzubremsen. Er hat uns absichtlich behindert. So etwas macht mich wütend“, sagt Sara-Melissa Beckmann. Und ihr Vater Sascha Beckmann sagt: „Es vergeht kein Training, ohne dass wir angehupt werden. Und manche Autofahrer machen absichtlich die Scheibenwischer an, wenn sie an uns vorbeifahren.“ Der Rennradfahrer sagt: „Ich wünsche mir mehr Rücksichtnahme in beiderlei Hinsicht.“

„Der Mindestabstand beträgt klassischerweise 1,50 Meter. Aber manche Autofahrer fahren mit nur 20 Zentimetern Abstand an einem vorbei.“ Die Radwege im Kreis kommen für Beckmann nicht in Frage: „Das wäre selbstmörderisch – sie sind so marode“, sagt er. Unterstützung bekommt er vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub Pinneberg (ADFC): „Die Rennradfahrer gehören auf die Straße“, so Sprecher Ulf Brügmann. Der Allgemeine Deutsche Automobil Club (ADAC) Schleswig-Holstein bezieht keine klare Stellung für die Autofahrer. Rennradfahrer verpflichtend auf die Radwege? „So einfach ist es nicht. Dann würden sie die Fußgänger und die normalen Radfahrer gefährden“, antwortet Pressesprecher Ulf Evert.

Gastkommentare von Ulf Brüggmann (Fahrradclub ADFC Pinneberg) und von Gunter Küchler (Stv. Bürgermeister von Haselau) zum Thema finden Sie in der Sonnabendausgabe Ihrer Tageszeitung.

 
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erstellt am 11.Jun.2016 | 15:00 Uhr

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