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Pinneberger Tageblatt

11. Dezember 2017 | 20:35 Uhr

Der Sozialstaat entsteht nach 1918

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Teil 6Pinneberger Arbeiterrat forderte Errichtung eines Arbeitsamtes / Mieteinigungsamt zur Schlichtung von Streitigkeiten

shz.de von
erstellt am 28.Dez.2016 | 16:00 Uhr

Nachdem unter Bismarck zur Zeit des Sozialistengesetzes die Grundlagen der Sozialversicherung geschaffen worden waren und im Ersten Weltkrieg als Zugeständnis an die Sozialdemokratie für deren Zustimmung zu den Kriegskrediten das Sozialsystem weiter ausgebaut wurde, entstand nach dem Krieg mit der Weimarer Republik der erste deutsche Sozialstaat. Dies machte sich auch in Pinneberg bemerkbar.

Eine der ersten Forderungen des Pinneberger Arbeiterrates war die Einrichtung eines Arbeitsamtes. Anfang Dezember 1918 beschlossen die Kollegien die Einführung des städtischen Arbeitsnachweises, der vom Erwerbslosen-Fürsorge-Ausschuss verwaltet werden sollte. Dessen Mitglieder wurden in der gleichen Sitzung zu gleichen Teilen aus Arbeitgebern und Arbeitnehmern bestimmt. Die Geschäftsführung übernahm zunächst bis Juli 1919 der Wupperman-Angestellte Carl Flindt.

Die Einrichtung dieses Ausschusses ging auf eine Verordnung des Reichsamtes für wirtschaftliche Demobilmachung zurück. Das Arbeitsamt für Pinneberg und Umgegend war eine kommunale Behörde und hatte seinen Sitz im Stadthaus Dingstätte 5. Erst ein im Juli 1927 verabschiedetes Gesetz führt zur Gründung der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung und damit zum Ende der kommunalen Arbeitsämter.

Durch Kollegienbeschluss wurde am 26. November 1918 ein Mieteeinigungsamt gegründet: Aufgabe war zunächst, bei Mietstreitigkeiten zu schlichten. Darüber hinaus hatte das Mieteeinigungsamt aber auch ein Mitspracherecht bei der Festsetzung von Höchstmieten. Den Vorsitz bei der Schlichtung hatte ein Richter des Amtsgerichts.

Im Gegensatz zum Mieteeinigungsamt war die Aufgabe des Wohnungsamtes die Vermittlung von Wohnraum an Wohnungssuchende. Spätestens mit der Kommunalwahl am 2. März 1919 nahm das Pinneberger Wohnungsamt seine Arbeit auf. Allerdings konnte das Wohnungsamt erst dann tätig werden, wenn wirklich freie Wohnungen vorhanden waren. Während des ersten Weltkrieges war der Wohnungsbau völlig zum Erliegen gekommen. Nach Kriegsende begann die Stadt mit der Errichtung von Sozialwohnungen. 1919 plante und erbaute die Stadt am Ossenpadd fünf  Häuser mit je zwei oder drei Wohnungen. Auf die elf Wohnungen bewarben sich 62 Familien. Die Wohnungen wurden an die Bewohner günstig verkauft.


Errichtung von Sozialwohnungen


Demgegenüber trat die Stadt im Dreieck Wedeler Weg, Kirchhofsweg, Blauer Kamp 1920/21 nicht mehr als Bauherr auf. Stadtbaumeister Hansen entwarf die Pläne, Maurermeister Friedrich Strupp erbaute die Häuser auf Parzellen eines städtischen Grundstücks (der Wulf’schen Koppel), die die Stadt zur Förderung des Wohnungsbaus besonders günstig abgegeben hatte. Die 26 Häuser dieses Projekts sind noch heute gut zu erkennen.

Als nächstes entstanden 1923 an der Mühlenstraße 114 sechs Reihenhäuser, die für je 800  000 Mark verkauft wurden. Die Inflation näherte sich ihrem Höhepunkt und behinderte auch weitere städtische Sozialbaupläne an der Mühlenau. Neben den städtischen Sozialwohnungen entstanden in dieser Zeit in nennenswertem Umfang Werkswohnungen der Firma Wupperman am Peiner Weg und an der Prisdorfer Straße. Der junge Architekt Klaus Groth gründete eine gemeinnützige Wohnungsbaugenossenschaft, die nach wenigen Bauten in den Inflationswirren endete. Während des Krieges hatte der Vaterländische Frauenverein zur Betreuung von Alten und Pflegebedürftigen eine Gemeindeschwester eingestellt und dafür von Beginn an einen Zuschuss der Stadt erhalten. Im Dezember 1920 wurde diese Gemeindeschwester auf die Stadt übernommen.

Am 14. September 1916 eröffnete in den kreiseigenen Räumen von Rübekamp 4 eine Säuglings-Fürsorgestelle. In Pinneberg wurde die Säuglingsfürsorge zum Betätigungsfeld von Ottilie Franck, einer jungen Mutter, deren Mann Wilhelm Franck der erste Pinneberger Gefallene des Weltkrieges war. Nach dem Krieg erhielt die Säuglingsfürsorge Räume im Stadthaus und wurde von der Stadt weiter unterstützt.

Ausdruck einer besonderen Betonung der Sozialpolitik war auch die Gründung des Kreiswohlfahrtsamtes am 1. August 1919. Das Kreiswohlfahrtsamt sah sich zunächst als Koordinierungsstelle. Unterstützt wurde die Arbeit des Kreiswohlfahrtsamtes gerade in der schlechtesten Zeit von Vereinen in die USA ausgewanderter ehemaliger Kreis-Pinneberger.

Als wichtiges Aufgabengebiet wurde die Kriegsfürsorge (Kriegshinterbliebene, Kriegsbeschädigte, Kriegsgefangene) angesehen. Dazu kamen die Gesundheitsfürsorge (Säuglinge, Kleinkinder, Schulkinder). So traten 1920 die Bezirksfürsorgerinnen des Kreises und zwei Kreiskommunalärzte ihre Arbeit an. Den dritten Aufgabenbereich bildete das Volksbildungswesen mit der Jugendpflege.


Gründung des Kreiswohlfahrtsamtes


Im Mai 1921 eröffnete das Kreiskinderheim in Ording, das 1928 durch Spenden des „Vereins der Kreis Pinneberger in New York“ nach Plänen des Pinneberger Architekten Klaus Groth erheblich ausgebaut werden konnte und als „Haus Heimattreue“ Generationen von Kreis-Pinneberger Kindern bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg beherbergte. Unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkrieges versuchte man der entstehenden Arbeitslosigkeit mit kreditfinanzierten Notstandsarbeiten zu begegnen. Arbeitslose wurden von der Stadt eingestellt, um im öffentlichen Interesse liegende Arbeiten auszuführen. Am 6. Dezember 1918 beschlossen die städtischen Kollegien den Bau einer Straße zur Gasanstalt, Säuberung des Hafenplatzes, Beschüttung mehrerer Straßen mit Steinschlag und Verlegung eines Gasrohres zum Kirchhofsweg.

Ähnliche Maßnahmen folgten 1919 und 1920. Ab 1920 wurden auf Reichsebene Maßnahmen zur „produktiven Erwerbslosenfürsorge“ eingeführt. Die Arbeitslosen sollten ihre Arbeitskraft im Interesse der Allgemeinheit einsetzen und dabei eine die Unterstützung übersteigende Vergütung erlangen. In Pinneberg führte das zunächst zu drei kleineren Maßnahmen, bis dann im Januar 1926 als Großprojekt der Bau des Hindenburgdamms als Notstandsmaßnahme beschlossen wurde. Das nächste Großprojekt, Bau von Sportplatz und Schwimmbad an den Fahltwiesen, wurde nicht mehr in Angriff genommen, weil die Stadt den hohen Eigenanteil nicht aufbringen konnte.

Ab 1930 machten sich die Folgen der Weltwirtschaftskrise deutlich bemerkbar. Dadurch, dass einerseits Einnahmen wegbrachen, andererseits aber die Ausgabe für die Arbeitslosen immer stärker stiegen, geriet die Stadt in eine fast ausweglose Lage. Dieser starke Anstieg der Ausgaben erklärt sich nicht nur aus der Massenarbeitslosigkeit allein, sondern auch dadurch, dass die staatliche Arbeitslosenversicherung auf einen solchen Fall nicht vorbereitet war und nur für relativ kurze Zeit Unterstützung zahlte. Danach unterhielt die Gemeinde die „Wohlfahrtserwerbslosen“ allein. Viele Menschen verloren die Hoffnung auf Besserung und wählten bei der Reichstagswahl am 14. September 1930 in Pinneberg die NSDAP erstmals zur stärksten Partei.


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