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Pinneberger Tageblatt

17. Dezember 2017 | 15:12 Uhr

Pinneberg : Der Salafismus vor unserer Haustür

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

2011 bedrohte der Islamist Harry M. den Juden Wolfgang Seibert – weil der schon damals vor der Radikalisierung junger Muslime warnte

Pinneberg | Junge Deutsche kämpfen in Syrien an der Seite der Terrormiliz IS. Auf Hamburgs Straßen eskaliert die Gewalt zwischen Kurden und Salafisten. In Pinneberg werden angesichts dieser Geschehnisse Erinnerungen wach. An Tage im Frühjahr 2011. An eine Hinterhof-Moschee in der Fußgängerzone, in der radikale Muslime ein und ausgingen. An das Gastspiel des Rappers „Deso Dogg“, der mittlerweile in Syrien kämpft – und vom Verfassungsschutz zur Führungsriege der islamistischen IS gezählt wird. Wolfgang Seibert hatte 2011 vor zunehmender Radikalisierung gewarnt, die Schließung der Moschee gefordert – und war ins Fadenkreuz des jungen Islamisten Harry M. geraten. „Heute zeigt sich, dass ich damals Recht hatte“, sagt Seibert, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Pinneberg.

Für Harry M., der Seibert im Internet bedrohte und als „dreckigen Juden“ beschimpfte, hatte sein Auftreten juristische Folgen gehabt. Der damals 20-jährige Pinneberger war 2012 wegen Unterstützung terroristischer Vereinigungen ins Gefängnis gewandert. Claudia Dantschke verfolgt das Schicksal des Harry M. seit dem ganz genau. Die Berlinerin zählt zu den führenden Extremismus-Experten in Deutschland. Sie arbeitet für das Zentrum Demokratische Kultur und kann sich derzeit vor Interviewanfragen kaum retten. Dantschke bestätigt, dass der junge Pinneberger die Haftanstalt mittlerweile verlassen durfte – dem Salafismus jedoch keineswegs abgeschworen habe. „Harry M. ist wieder voll in der Szene aktiv“, sagt sie.

Hinweise finden sich beim sozialen Netzwerk Facebook, wo der mittlerweile in Neumünster lebende Harry M. sowohl unter seinem Klarnamen als auch unter dem Namen Isa Al Khattab auftritt. Das Profilfoto zeigt einen Kämpfer im Gegenlicht – mit Maschinengewehr in der Hand.

Für Seibert muss das ernüchternd sein. Er hatte gehofft, dass Harry M. im Gefängnis betreut und von seinem Weg abgebracht wird. „Ich befürchte, dass auch er in Syrien landen wird, um als so genannter Märtyrer zu sterben“, so Seibert. „Es ist schade um jeden jungen Menschen, der dort erschossen wird.“

Der Verfassungsschutz geht davon aus, dass 50 Salafisten aus Hamburg und Schleswig-Holstein bereits ins syrische Kriegsgebiet aufgebrochen sind. Mindestens neun von ihnen sind nach Erkenntnissen der Behörden getötet worden.

Wer glaubt, die Salafisten vor der Haustür seien nach Schließung der Hinterhof-Moschee aus Pinneberg verschwunden, der irrt. Sie treffen sich in Privatwohnungen. Nach Recherchen etwa im Umfeld der Berliner Straße. „Wir wissen, wo sie sind“, sagt auch Seibert, der nach den Vorfällen 2011 immer wieder auf offener Straße bedroht worden war. Zuletzt hatte es 2013 eine Razzia in der Kreisstadt gegeben. Auch in Elmshorn hatten Ermittler seinerzeit Propagandamaterial sichergestellt. Seibert hat angesichts der wachsenden Gewalt und Auseinandersetzungen auf Hamburgs Straßen reagiert: „Wir haben aktuell besondere Sicherheitsmaßnahmen ergriffen.“ Vor Harry M. hat er keine Angst mehr: „Ich verspüre eher Neugier, wie es mit ihm weitergeht.“

Salafismus gilt als wachsende radikale Strömung des Islam. Salafisten interpretieren den Koran wortwörtlich und betrachten ihn als Richtschnur für alle Lebensbereiche. Anhänger anderer Religionen, Atheisten und auch gemäßigte Muslime landen dem Salafismus zufolge in der Hölle. Das Ideal der Anhänger ist ein Gottesstaat, in dem das islamische Rechtssystem, die Scharia, gilt. Radikale Salafisten lehnen die westliche Lebensweise ab. Für sie ist Geschlechtertrennung unabdingbar. Homosexualität gilt ihnen als schwere Sünde. Vertreter des dschihadistischen Salafismus legitimieren auch den so genannten Heiligen Krieg.
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