zur Navigation springen

Amateurfunker aus Pinneberg : Der Reiz des Ungewissen

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Amateurfunker aus Pinneberg pflegen ihr Hobby – auch im Handy-Zeitalter. Einer von ihnen ist Thomas Anthony.

shz.de von
erstellt am 14.Dez.2013 | 13:56 Uhr

Wo bei den meisten Menschen ein Fernseher im Wohnzimmerregal steht, hat Thomas Anthony zwei Funkgeräte untergebracht. Schwarz und jeweils so groß wie ein Tastentelefon nehmen sie einen zentralen Platz zwischen seinen Büchern ein. Mit den Apparaten kommuniziert der Pinneberger mit Gleichgesinnten: Meistens spricht er auf Ultrakurzwelle (UKW) mit Funkern aus der Region. Über eine Kurzwellenfrequenz hat er aber auch Kontakt mit Kollegen am anderen Ende der Welt.

Thomas Anthony ist Amateurfunker. Mehr noch: Er ist seit 2009 Vorsitzender des Deutschen Amateur Radio Clubs (DARC) in Pinneberg. Zu der Gruppe gehören 48 Mitglieder, unter ihnen zehn Frauen. Sie alle vereint eine Affinität zur Technik – und ein ausgeprägtes Mitteilungsbedürfnis. Letzterem frönt die Gemeinschaft regelmäßig. An jedem ersten und dritten Montag des Monats trifft sie sich ab 20.15 Uhr auf 145,375 oder 438,850 Megahertz (MHz). Darüber hinaus verabreden sich einzelne Mitglieder zu individuellen Plauderstündchen. Eine Lizenz zum Funken besitzt jeder von ihnen.

„Wir sind bei unseren Gesprächen unabhängig von Handy-, Telefon- oder Internetverbindungen“, schwärmt der 50-Jährige. Das ist ein Vorteil, der vor allem in Katastrophensituationen zum Tragen kommt. Denn wenn herkömmliche Netze – wie kürzlich nach dem Orkan auf den Philippinen – zusammenbrechen, können manchmal nur Funkamateure eine Verbindung zwischen Opfern, Polizei und Hilfsorganisationen herstellen.

Amateurfunk ist also eine nützliche Alternative zu üblichen Kommunikationswegen. Gleichzeitig besteht aber auch eine Konkurrenz zwischen den Systemen – zumindest wenn es darum geht, junge Leute für die analoge Vorgängertechnik zu begeistern. „Vor 20 Jahren war drahtlose Verbindung noch etwas Besonderes“, sagt Anthony. Heute gehört ein Handy zur Grundausstattung eines Teenagers. „Das Kommunikationsbedürfnis der Kinder ist viel mehr abgedeckt als damals“, fügt der Vorsitzende hinzu.

Um dennoch den Nachwuchs für die Pinneberger DARC-Gruppe zu gewinnen, organisieren die Vereinskollegen einmal pro Monat ein Treffen für zwölf Jungen und Mädchen im Alter von zwölf bis 15 Jahren. Jeweils 90 Minuten bauen die Teenager während dieser Sitzungen mit Lötkolben und Schraubenzieher einen einfachen Funkempfänger. Entsprechende Bausätze und eine Anleitung haben ihre Betreuer für sie zuvor vorbereitet. „Das Zusammensetzen finden die Jugendlichen spannend, denn sie lernen das Prinzip der Funktechnik kennen. Bei den komplexen Handy-Systemen ist das für Laien nicht möglich“, sagt der DARC-Vorsitzende.

Als Jugendlicher zum Amateurfunk

Auch Anthony kam als Jugendlicher zum Amateurfunk. Bereits als Kind hatte er festgestellt, dass es am Radio seiner Eltern mehr als nur eine UKW-Taste gibt und dass auch auf den anderen Frequenzen Stimmen zu hören sind. Das faszinierte ihn. Ende der 1970er Jahre traf er im Pinneberger Rathaus während einer Veranstaltung auf Vertreter der örtlichen Amateurfunkergruppe. Wenig später wurde er Mitglied.

Seitdem hat sich Anthony, der als Informatiker angestellt ist, tief in die Materie hineingearbeitet. Bei der Bundesnetzagentur erwarb er die höchste Amateurfunk-Lizenz, die „Genehmigung zum Errichten und Betreiben von Amateurfunkstellen“. Die Ausbildung war umfangreich – und teuer. Viel Geld kosteten auch die Antennen und zehn Funkgeräte, die Anthony im Laufe der Jahrzehnte anschaffte. „Die meisten von ihnen benutze ich gar nicht mehr, weil sie eine veraltete Technik haben. Aber trennen kann ich mich trotzdem nicht, denn ich verbinde mit ihnen Erinnerungen.“

Technik mit sentimentalem Wert: An vielen Geräten hat Anthony stundenlang herumgeschraubt und gelötet. Er wollte die Systeme umbauen und verstehen. Außerdem führte er mit Hilfe der Apparate Gespräche – mit Freunden und Fremden, auf Deutsch und auf Englisch. „Das Tolle am Amateurfunk ist der Reiz des Ungewissen“, sagt Anthony. „Wenn man mit einem Handy anruft, ist von vornherein klar, wer der Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung sein wird. Beim Amateurfunk antwortet manchmal ein Kollege aus der Nachbarschaft, manchmal aber auch ein Funker aus Südamerika.“

Über seine Kontakte führt Anthony Buch. Genauer gesagt sammelt er Bestätigungskarten, so genannte QSL-Karten, die ihm der Amateurfunkverband für jede erfolgreiche Verbindung zusendet. Die Dokumente gleichen einer Postkarte: Die Rückseiten sind individuell mit Fotos und Symbolen bedruckt. Auf der Vorderseite stehen Infos über Gesprächspartner und Funkverbindung. „Die QSL-Karten sind für Amateurfunker wie Trophäen. Sie haben einen hohen Sammlerwert. Wer Kontakte mit mehr als 200 Ländern hatte, bekommt ein Diplom“, sagt Anthony, der mehrere Tausend Exemplare in Kisten und Alben hortet.

„Über den Amateurfunk entwickeln sich tolle Kontakte“, betont der Pinneberger. Manchmal kommt es nach der Kommunikation zum Treffen. Hin und wieder entstehen sogar Freundschaften. Um auch im Urlaub Bekanntschaften zu schließen oder Insiderwissen über die jeweilige Region zu bekommen, nimmt der DARC-Vorsitzende oft ein Funkgerät mit. Eine Angewohnheit, die laut Anthony in der Szene verbreitet ist: „Vor kurzem erhielt ich eine Anfrage von einem Mann, der sich in Hamburg nicht auskannte und nach einem Restaurant suchte. Ich habe ihm dann meinen Lieblings-Portugiesen empfohlen.“

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen