Der Mann in der blauen Weste

Wolfgang Zimmermann hat vor dem Eintritt ins die Rente als Sozialpädagoge gearbeitet. „Aber mein Wissen habe ich nicht vom Studium, sondern vom Leben.“
1 von 2
Wolfgang Zimmermann hat vor dem Eintritt ins die Rente als Sozialpädagoge gearbeitet. „Aber mein Wissen habe ich nicht vom Studium, sondern vom Leben.“

Der Kleinnordender Wolfgang Zimmermann engagiert sich in mehreren Ehrenämtern – etwa bei der Bahnhofsmission in Elmshorn

Avatar_shz von
20. Oktober 2018, 16:00 Uhr

Wer Wolfgang Zimmermann sucht, muss nicht ins Büro gehen. „Der läuft hier irgendwo rum“, ruft die Kollegin von der Bahnhofsmission. „Ein Herr in blauer Weste.“ Ein guter Tipp und Zimmermann ist schnell gefunden. „Ich bin nicht so er Schreibtisch-Typ. Ich bin gern draußen“, erzählt er. Da komme er mehr mit Menschen in Kontakt.

Zimmermann ist 66 Jahre alt und im März 2017 in Rente gegangen. Seit April 2018 engagiert er sich bei der Elmshorner Bahnhofsmission. „Ich bin froh, dass ich nicht zu Hause rumsitzen muss“, sagt er lachend. Zur Mission sei er eher zufällig gekommen, weil ein Kollege sie ihm empfohlen habe. „Ich wusste zuerst nicht, was sie hier genau machen. Ich dachte, älteren Damen in den Zug helfen, das sei die Hauptaufgabe.“ Stattdessen fand Zimmermann eine richtige Sozialstation vor. „Einsame Menschen kommen morgens hier her, reden, vertreiben sich Zeit und bekommen einen Kaffee, den sie nicht bezahlen brauchen. Und ich bin da und höre zu.“

Besonders viel Zeit verbringt der Klein Nordender dabei mit Menschen, die eine Suchterkrankung entwickelt haben. „Ich habe einfach ein Herz für sie – obwohl sie morgens eine Fahne haben und manchmal auch ein bisschen müffeln. Ich mag sie.“ Unsicherheit und Unwissenheit fallen ihm im Umgang mit Suchtkranken immer wieder auf. „Während andere Krankheiten hingenommen werden, heißt es bei einem Alkoholabhängigen schnell: ‚Die sind doch selber schuld.‘“ Zimmermann sagt, eine Sucht sei eine Krankheit, keine moralische Verfehlung. „Die meisten schlittern da einfach rein. Und bei vielen beginnt es schon bei den Eltern.“

Mit Menschen, die eine Suchterkrankung haben, arbeitet Zimmermann schon lange. Vor der Rente hat er als Sozialpädagoge sein Geld verdient. Zuletzt hat er eine Wohngemeinschaft für Suchtkranke in Wilster betreut. „Früher musste ich mich um sechs Leute kümmern; heute helfe ich viel mehr Menschen. Als Rentner werde ich viel mehr gebraucht.“

Das Studium zum Sozialpädagogen habe er erst mit Ende 20 begonnen. Vorher hatte er in verschiedenen Jobs gearbeitet und war zum Beispiel Stapler gefahren. Im Rückblick, findet Zimmermann, war das eher späte Studium eine richtige Entscheidung. „Ich habe erst einmal ein bisschen Lebenserfahrung gesammelt.“

Als junger Mensch habe er gemerkt, wie gut es tut, anderen Menschen zu geben. Geholfen habe auch sein christlicher Glaube, an dem sich seine Arbeit auch heute orientiere. „Aber ich mache keine Reklame für Gott“, sagt Zimmermann. Spirituell sein bedeute für ihn, das Leben als Aneinanderreihung von Veränderungen zu sehen – und darüber nicht zynisch oder verbissen zu werden. Mit sich im Reinen sein – dieses Gefühl strahlt Zimmermann aus. Seine Antwort nach seinen Wünschen für die Zukunft überrascht deshalb kein bisschen: „Nichts. Es gibt keine Wünsche mehr. Ich habe alles, was ich brauche. Alles ist gut, so wie es ist.“ Nur eine Sache wäre schön, gibt er irgendwann zu: „Ich habe immer über diesen Spruch der Alten geschmunzelt, wenn sie sich zum Geburtstag ‚Vor allem Gesundheit‘ wünschen. Aber es stimmt. Mit dem Alter zwickt und zwackt es immer mehr.“

Neben seiner Arbeit bei der Bahnhofsmission engagiert sich Zimmermann noch in mehreren anderen Ehrenämtern. So leitet er eine Gruppe für Angehörige von psychisch Erkrankten bei der Brücke Elmshorn und arbeitet in der Suchtberatung der Diakonie mit. Zweimal im Monat leitet er auch dort eine Angehörigengruppe. „Das ist ein lockerer Austausch ohne Druck“, erklärt Zimmermann. Noch sei die Gruppe wenig bekannt, weshalb sich Zimmermann über mehr Interessierte freuen würde.

>

www.die-diakonie.org

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen