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Rellingen : Der letzte Geigenbauer im Kreis Pinneberg hört auf

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Seit 46 Jahren repariert und baut Hans-Gerold Seeberger Saiteninstrumente. Er ist der letzte seiner Zunft im Kreis Pinneberg.

Rellingen | Hauptstraße 74 in Rellingen. Die Geigenbau-Werkstatt von Hans-Gerold Seeberger liegt etwas versteckt in einer rückseitigen Passage. Doch damit hat der 65-Jährige kein Problem: Seit dem 1. Oktober 1998 finden ihn dort seine Kunden. Immer dann, wenn ihre Instrumente streiken. Seine Klientel, das sind Saiten-Zauberer – Amateure und Profis von Süddeutschland bis nach Skandinavien – auf der Violine, dem Cello, der Gitarre, dem Kontrabass. Diskret behält er Namen für sich. „Berufsethos“. Fotos von Promi-Geigern? Fehlanzeige. Auf 46 Jahre Erfahrung blickt Seeberger zurück. Und hat für sich einen Schluss-Strich gezogen: „Am 31. März 2016 gehen bei mir die Jalousien runter.“

Ortstermin in Seebergers einsamem Reich, das anmutet wie ein Operationssaal. An den Wänden hängen – fein säuberlich aufgereiht und griffbereit – Hobel, Schnitzer und Ausstecheisen sowie Fughobel, Stemmeisen, Reibahle zum Aufdrehen des Saitenhalters. Auf den Werkbänken finden sich Adergrabenausheber, Ausstecheisen, Spannstock, kleine Hobel und Garn, Feile, Biegeeisen, Retuschierpinsel aus Marderhaar, Rissklammern, Wirbelschneider, Zuleimschrauben und Stimmstocksetzer.

Zigmal hat Seeberger das Spezialwerkzeug in seinen feingliedrigen Händen gehalten. Doch er repariert und baut nicht nur edle Instrumente aus Ahorn, Fichte und Ebenholz, sondern hat die Musik selbst im Blut. „Eine Voraussetzung, um an der Geigenbauschule im oberbayerischen Mittenwald von 1966 bis 1970 überhaupt als Lehrling aufgenommen worden zu sein“, erinnert sich der in Soltau geborene Meister.

Der geöffnete Korpus wird mit Zuleimschrauben verbunden. (Foto: Vogel)
Der geöffnete Korpus wird mit Zuleimschrauben verbunden. (Foto: Vogel)
 

Musik – das war der Alltag in seiner Familie. Der Vater Berufs-Pauker an der Oper Düsseldorf, die Mutter Geigerin, seine acht Geschwister beherrschten alle ein Instrument. „Ein Haus voller Musik“, schmunzelt Seeberger.

Mit sechs Jahren hielt er seine erste Geige in den Händen, übte fleißig. Und saß als Kind jahrelang im Orchestergraben mit seinem Vater, durfte die Notenseiten umblättern. Doch mit elf Jahren hatte Seeberger ein Schlüsselerlebnis: „Ich konnte, wenn nötig, Violinen zum Geigenbauer bringen. Es war faszinierend, in der Werkstatt zu sein. Dieser Ort inspirierte mich.“

Ohne Schnitzer – große und  kleine – geht nichts.
Ohne Schnitzer – große und kleine – geht nichts. (Foto: Vogel)
 

Momente, die ihn nicht mehr losließen. Mit 16 Jahren entschloss er sich, sein Leben mit Schnecke, Wirbel, Obersattel, Griffbrett, Zarge, Feinstimmer und Saitenhalter zu verbringen.

Je älter, desto besser: die kostbaren Violinstege. (Foto: Vogel)
Je älter, desto besser: die kostbaren Violinstege. (Foto: Vogel)
 

Es folgten Stationen in zig Werkstätten: „Als Geselle fängt das Lernen erst richtig an.“ In guter Erinnerung sind die Jahre im fernen Saarbrücken. „Dort habe ich viel über französische Instrumente gelernt, über die französische Geigenbauschule“, zehrt Seeberger bis heute von seinen Wanderjahren.

Damit ist jetzt Schluss. Noch knapp fünf Monate „brennt“ er für seine Kunden. Und freut sich auf sein zweites Leben: mit Reisen und Wandern. Denn: „Ich bin ein Naturbursche.“

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erstellt am 06.Nov.2015 | 16:00 Uhr

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