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Vor Gericht : Der Knöllchen-Rebell aus Wedel

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Pastor Hans-Günter Werner, der seit 30 Jahren in Brokdorf gegen Atomkraft demonstriert, will Bußgeld nicht bezahlen.

Wedel | Es klang zunächst alltäglich: Ein Mann wird vor das Itzehoer Amtsgericht zitiert, weil er sich weigert, ein Knöllchen fürs Falschparken zu bezahlen. Doch der Mann ist ein bekannter Pastor aus Wedel. Und hinter dem Fall verbirgt sich eine spannende Geschichte, die bis in die 1980er Jahre zurückreicht.

Der Knöllchen-Rebell ist Hans-Günter Werner. Er ist seit langem in der Friedens- und Antiatomkraftbewegung aktiv. Wedelern ist er auch als Geschäftsführer der Arbeitslosenselbsthilfe bekannt. Der Pastor in Rente demonstriert seit mehr als 30 Jahren gegen das Atomkraftwerk (AKW) Brokdorf. Jeden Monat. Immer am Sechsten. Bis zu 400 Mitstreiter scharte er einst um sich.

Heute kommen noch etwa zehn Demonstranten. Und an manch kalten Wintertagen steht Werner auch mal allein vor dem Tor des Kraftwerks. Am 6. Dezember 2016 jedoch war er nicht allein. Wie stets parkten die Teilnehmer der Mahnwache ihre Autos an der Zufahrt zum AKW – im absoluten Halteverbot. Wie stets verlief die Demo friedlich. Wie stets feierten sie eine Andacht. Und wie stets machte sich die Gruppe dann auf zu einem Gedenkstein am Elbdeich, der an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl erinnert. Doch eines war anders als sonst. Wohl zufällig kam eine Polizeistreife vorbei. Und verpasste sechs Demo-Teilnehmern Knöllchen wegen Falschparkens. Jeweils 15 Euro sollten dafür an die Staatskasse gehen. Alle zahlten später – bis auf Werner.

Ein Ausflug in längst vergangene Zeit

Der Wedeler bekam eine Ladung. Am Freitagmittag erschien er vor dem Itzehoer Amtsgericht. Der Bau im Renaissance-Stil bietet gediegenes Ambietente. Saal 8 ist dunkel holzvertäfelt. Die engen Besucherbänke knarzen. Richter Grünfried Meisterjahn hält Werner die Ordnungswidrigkeit vor. „Es stimmt. Das hat sich so zugetragen“, sagte Werner. Dass er und andere im Halteverbot standen, bestreitet er nicht. Was dann folgt, ist ein Ausflug in die Geschichte der Antiatomkraftbewegung. Ein Ausflug in eine längst vergangenen Zeit. Werner erzählt von den Anfängen. Wie die Demonstranten die Zufahrt zum Werksgelände blockierten. Wie sie Rechtsgeschichte schreiben, weil das Bundesverfassungsgericht in einem richtungweisenden Urteil die Versammlungsfreiheit stärkt. Und er erzählt davon, wie unkompliziert heute die Zusammenarbeit mit der Polizei und der Werksleitung des AKW funktioniere. „Die vom AKW haben uns sogar angeboten, Betriebsparkplätze zu nutzen“, sagt Werner im Gespräch nach dem Gerichtstermin. Doch das ging ihm dann doch zu weit. Irgendwie muss die Front ja noch erkennbar bleiben.

Im Gericht entspinnt sich eine lockere Plauderei über die Vergangenheit. Auch Richter Meisterjahn hat Anekdoten beizutragen. Er erinnert daran, wie das Amtsgericht für die vielen Brokdorf-Prozesse umgebaut wurde. In den 1980er Jahren gehörten auch zahlreiche Demo-Randalierer zur Stammkundschaft der Justiz. „Ein ehemaliger Gerichtsdirektor hat dann immer gesagt: ‚Da kommen wieder die Terroristen‘“, gibt Meisterjahn mit einem Schmunzeln zum Besten.

Aber da war ja noch das Knöllchen. „Ich bezeichne die Sache eher als stehenden Autokorso. Das war Teil der Demo. Und es war 30 Jahre lang kein Problem“, sagt Werner. Formell angemeldet sind die Demonstrationen allerdings nicht, wie er einräumt. Die Leitung des AKW werde formlos per E-Mail informiert. Und auch die Polizei wisse Bescheid. Richter Meisterjahn sah für einen lupenreinen Freispruch zwar keine Möglichkeit, weil die Demo eben nicht angemeldet war. Er entschied jedoch, das Verfahren einzustellen: „Die Verwarnung müssen sie nicht zahlen. Aber ihre Fahrtkosten zum Gericht werden nicht übernommen.“

Mit der Entscheidung kann Werner leben: „Es ist gut gelaufen. Ich verstehe allerdings nicht, warum die Sache überhaupt bis zum Gericht gehen musste.“ Er ist sich sicher, dass es in Zukunft keine Knöllchen mehr für die Falschparker geben wird. Am 6. Juni wird er seinen Wagen wieder ins Halteverbot am AKW Brokdorf stellen.

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erstellt am 16.Mai.2017 | 10:00 Uhr

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