Fachkräftemangel : Der Kampf um die Azubis im Kreis Pinneberg wird immer härter

Eine ruhige Hand, einen geschulten Blick und das nötige technische Know-How: Das kann nicht jeder. Um als Schweißer tätig zu werden bedarf es einer soliden Ausbildung zur Fachkraft.
Eine ruhige Hand, einen geschulten Blick und das nötige technische Know-How: Das kann nicht jeder. Um als Schweißer tätig zu werden bedarf es einer soliden Ausbildung zur Fachkraft.

Unternehmen beurteilen die Verfügbarkeit von Fachangestellen mehrheitlich negativ. Aber es gibt Lichtblicke.

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21. Dezember 2017, 00:00 Uhr

Pinneberg | Zwischen Nordseeküste und Hamburg sind Fachkräfte und Lehrlinge knapp. Wegen der Situation auf dem Ausbildungsmarkt pflegen bereits zwei Drittel der Unternehmen einen engen Draht zu den Schulen, wie eine am Mittwoch vorgestellte Umfrage des Unternehmensverbands Unterelbe-Westküste (UVUW) ergab.

Im Kreis Pinneberg ist die Verbindung noch nicht so stark: Erst knapp die Hälfte der Unternehmen hat gute Kontakte beziehungsweise Kooperationen mit den regionalen Schulen (48 Prozent). 43 Prozent der Ausbildungsbetriebe gaben an, keinen engen Draht zu haben. „Die Situation auf dem Ausbildungsmarkt hat sich in den letzten Jahren zugunsten der Jugendlichen gedreht“, sagte Geschäftsführer Ken Blöcker. „Die Ausbildungsbetriebe müssen um die jungen Menschen werben – nicht umgekehrt.“

Umfrage unter 153 Firmen

Der Unternehmensverband Westküste vertritt insgesamt 400 Betriebe mit 36.000 Beschäftigten in den Kreisen Dithmarschen, Nordfriesland, Steinburg und Pinneberg sowie der Region Norderstedt. An der aktuellen Umfrage hatten 153 Firmen teilgenommen. Mit Blick auf den Fachkräftemangel fordern knapp 80 Prozent der Betriebe, die praxisorientierte Berufsorientierung an  allgemeinbildenden Schulen auszubauen.  „Insbesondere Schulen, die zur Fachhochschulreife oder zum Abitur führen, haben hier Nachholbedarf und sollten ihre Schüler besser informieren“, sagte Blöcker: „Sei es über Praktika, Schulkooperationen oder weitere Informationsangebote.“

Den Angaben zufolge sind die Anforderungen der Betriebe an die Ausbildungsbewerber trotzdem nach wie vor hoch. Zwei von drei Betrieben im UVUW-Gebiet fordern mindestens einen mittleren Schulabschluss. Bundesweit sei es nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit nur einer von drei, sagte Blöcker. Ein Abitur fordern fünf Prozent der regionalen Ausbilder, bundesweit 1,5 Prozent.

Für Sebastian Koch ist der Fachkräftemangel längst im Straßenbild auch des Kreises Pinneberg angekommen: „Sie müssen sich doch nur mal umschauen: An fast jedem Auto eines Unternehmens klebt doch inzwischen das Schild ,Kollege gesucht’“, sagte Koch, einer der beiden Geschäftsführer des Unternehmensverbands Unterelbe-Westküste (UVUW). Die Themenkomplexe der Umfrage im Überblick:

  • Fachkräftemangel: Die Verfügbarkeit von qualifizierten Fachkräften beurteilen 65 Prozent der befragten Unternehmer als „unbefriedigend“ und „schlecht“. Außerdem dauere es immer länger, bis eine Stelle erfolgreich besetzt werden kann. 22 Prozent der Unternehmen brauchen inzwischen mehr als 90 Tage für eine Stellenbesetzung. Im Sommer 2017 waren es bei der UVUW-Halbjahresumfrage noch 11 Prozent. Um den Fachkräftemangel in den Griff zu bekommen, ist es aus Sicht des Unternehmensverbands nicht nur notwendig, die Zusammenarbeit mit den Schulen zu stärken und die praxisorientierte Berufsorientierung an allen allgemeinbildenden Schulen auszubauen (siehe Seite 1). Problematisch sei auch, dass ein zu großer Schwerpunkt auf Abiturienten liegen: Sowohl bei den Schülern als auch bei Arbeitgebern. Laut UVUW-Geschäftsführer Ken Blöcker (Foto unten) brauche aber die Arbeitswelt mehr Vielfalt. Ein Problem, dass Udo Bottländer, Personalvorstand bei dem Energieunternehmen Hanse-Werk mit Sitz in Quickborn so umschreibt: „Irgendwann haben wir zwar genug Menschen, die die neuen Energietrassen planen. Uns fehlen dann aber die Fachleute, um sie zu bauen.“
  • Flüchtlinge: Außer den immer mehr werdenden Abiturienten kommen aber auch immer mehr junge Flüchtlinge auf den Ausbildungsmarkt, wie Blöcker betont. Aber: „Die zahlreichen Hilfsangebote, die von vielen Stellen angeboten werden, sind den meisten Arbeitgebern unbekannt. Diese müssen von den verantwortlichen Bundes- und Landesministerien stärker beworben werden.“ Die Integration sei aber wichtig, „bei all dem Potenzial dieser Gruppe, die in der Zukunft eine wichtige Rolle spielen wird – ja, muss“, so Blöcker.
  • Wirtschaftliche Entwicklung: 22 Prozent der Befragten beurteilen die generelle wirtschaftliche Entwicklung des zweiten Halbjahres 2017 im Vergleich zum ersten Halbjahr als „besser“. Die Mehrheit bewertet die Entwicklung als „gleich“ (63 Prozent). Die Unternehmer im Kreis Pinneberg blicken allerdings weit weniger optimistisch in die Zukunft als in anderen Kreisen im UVUW-Gebiet. Lediglich sieben Prozent glauben, dass die generelle Entwicklung sich verbessern wird, 19 Prozent gehen hingegen von einer Verschlechterung aus. Für die gesamte Westküste gaben 29 Prozent an, dass sie eine bessere wirtschaftliche Entwicklung für das kommende Halbjahr erwarten.
  • Personal: Der Personalbestand ist bei den meisten Unternehmen im zurückliegenden Halbjahr konstant geblieben (60 Prozent). Nur 28 Prozent gaben an, ihren Personalbestand erhöht zu haben. Das sind sieben Prozent weniger als sich dies, basierend auf den Angaben der Halbjahres-Umfrage – vorgenommen hatten. Blöcker: „Der Arbeitskräftemangel ist hier spürbar. Die Unternehmen wollen einstellen. Aber es fehlt schlichtweg geeignetes Personal.“
  • Weitere Kritik: Weitere problematische Bereiche sind nach Angaben der Befragten: fehlende A20 mit westlicher Elbquerung, die schlechte Infrastruktur generell, mangelnde Breitbandversorgung, hohe Personal- und Arbeitskosten, keine Beständigkeit von wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen und der Stillstand der Regierungsbildung in Berlin.
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