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Interview mit Wolfgang Seibert : „Der Judenhass wird stärker“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Wolfgang Seibert, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Pinneberg, befürchtet zunehmend offenen Antisemitismus in Deutschland.

Pinneberg | „Israel vergasen.“ – „Sieg-Heil.“ – „Allah soll Israel bestrafen“: So zitieren verschiedene Tageszeitungen Demonstranten in Berlin und München. Demonstranten, die vordergründig gegen die Militäroperationen Israels im Gazastreifen protestieren, dabei jedoch völlig offen ihren Hass auf Juden in die Welt brüllen. Dabei rotten sich Islamisten, Linksextreme und Nazis zusammen, die eine unheilige Koalition bilden. Wolfgang Seibert, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Pinneberg, spricht im Interview über neue Formen des Judenhasses, seine Gemeinde und das Zusammenleben mit den Muslimen in der Region – während des Gesprächs stehen die Türen zum Gemeindehaus sperrangelweit offen. Polizeiposten vor dem Haus gibt es nicht.

Herr Seibert, es gibt in Deutschland massive Proteste gegen Israel. Wie haben Sie das in den vergangenen Tagen wahrgenommen?
Wolfgang Seibert: Ich merke, dass es oft gar nicht um Israel geht. Es wird sehr oft von „den Juden“ gesprochen. Die Judenfeindschaft wird stärker. Und sie wird immer häufiger ganz offen geäußert. In Hamburg gab es Sprechchöre wie „Israel vernichten“. Und das impliziert natürlich auch, die Menschen dort zu vernichten.

Und was ist mit der Kritik an Israels Politik?
Ich finde die Kritik momentan oft sehr einseitig. Doch Kritik an Israels Politik ist grundsätzlich erwünscht. Auch in Israel selbst wird das so gesehen. Ich selbst etwa habe meine Probleme mit der Siedlungspolitik. Und die Politiker müssen das aushalten.

Wo ziehen Sie die Grenze zwischen dem legitimen Protest und antisemitischer Hetze?
Die Grenze ist nicht immer einfach zu ziehen, sie ist schwimmend. Aber sie verläuft dort, wo es um die Juden insgesamt geht, wo es um Juden als Angehörige einer Religionsgemeinschaft geht und wenn es nichts mit der konkreten Politik einer Regierung zu tun hat.

Die Ex-Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, empfiehlt Juden in Deutschland, sich derzeit nicht offen als solche zu zeigen. Ist das berechtigt?
Ich bin da völlig gegenteiliger Meinung. Wir dürfen uns nicht verstecken, den Fehler haben wir schon in der Vergangenheit gemacht. Ich persönlich könnte das auch gar nicht. Jeder hier in Pinneberg und Umgebung kennt mich. Außerdem sind ja viele unserer Gemeindemitglieder äußerlich nicht als Juden erkennbar. Nur wenige tragen etwa die Kippa (jüdische Kopfbedeckung, Anmerkung der Redaktion).

Ist der Antisemitismus, wie wir ihn heute sehen, etwas Neues?
Die Judenfeindlichkeit ist an sich natürlich nichts Neues. Es gibt Studien, nach denen 20 bis 25 Prozent der Menschen in Deutschland antisemitisch sind. Neu ist, dass die Judenfeindlichkeit so offen und ungehemmt gezeigt wird. Sie wurde in den vergangenen Jahren oft, auch von Intellektuellen, wesentlich verdeckter und subtiler formuliert. Doch ich sehe mit Sorge: Heute gehen viele so weit, das klar und radikal auszusprechen. Dazu kommen Angriffe auf Synagogen und Schmierereien. Und Menschen, die als Juden erkennbar sind, werden gezielt angegriffen.

Neu scheint auch, dass radikale Palästinenser Seite an Seite mit Linksextremisten und Nazis auf die Straße gehen...
...da zeigen sich in der Tat seltsame Querverbindungen. Ich habe aber mit Interesse beobachtet: Es gehen viel weniger Menschen zu den Demos, als zuvor erwartet. Menschen, denen es um Kritik an Israel geht, werden von den Radikalen abgeschreckt. Sie wollen nicht mit ihnen in Verbindung gebracht werden. Außerdem beobachte ich, wie radikale Linke einen Kurswechsel wollen.

Was meinen Sie damit genau?
Ich werde häufig als Referent von Organisationen in Hamburg eingeladen, die auch zum radikalen Spektrum gehören. Viele Radikale wenden sich vom Antizionismus ab. Und ich erlebe große Sympathien. Dort sind Brüche zu beobachten.

Und wie sieht das hier in Pinneberg und Umgebung aus?
Die Linken, die ich kenne, sind keine Antisemiten. Und sie sind auch keine Israel-Hasser.

Haben sich denn besorgte Gemeindemitglieder bei ihnen gemeldet?
Es gibt schon Leute, die Angst haben, sich nicht wohlfühlen. Aber niemand will von hier weggehen.

Ist Judenhass hier in der Region kein großes Thema?
Ich habe vereinzelt mal antisemitische Positionen gehört und ich habe den Eindruck, dass sich die rechte Szene neu organisiert. Aber ein großes Thema ist Judenhass hier nicht. Wir haben am Gemeindehaus übrigens viele muslimische Nachbarn, zu denen wir ein freundschaftliches Verhältnis pflegen. Das gilt auch für die muslimische Gemeinde in Pinneberg. Dort wird die Politik Israels oft heftig kritisiert. Aber Antisemitismus erleben wir nicht.

Gibt es Unterschiede zwischen Stadt und Land?
Im Vergleich zu Hamburg leben wir hier in einer etwas ländlicheren Umgebung. Der Kontakt der Menschen ist viel enger, wir begegnen uns ständig, man kennt sich. Deswegen gibt es vielleicht auch nicht so viele Vorurteile. Früher war das anders. Während der Nazizeit war der Antisemitismus auf dem Land sehr ausgeprägt.

Aber ist Deutschland nicht insgesamt liberaler geworden? Was ist mit dem Respekt vor unterschiedlichen Religionen?
Sie haben recht. Deutschland ist während der vergangenen Jahrzehnte viel liberaler geworden. Menschen mit Migrationshintergrund, wie man sie ja oft nennt, sind heute auch in wichtigen Positionen von Unternehmen, in öffentlichen Ämtern und in den Parlamenten. Und für die Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland ist das normal. Aber es gibt eben auch noch diesen Rest. Die haben sich nicht geändert.

Wolfgang Seibert (66) ist in Frankfurt geboren und bei seinen Großeltern aufgewachsen, weil seine Eltern studieren und arbeiten mussten. Seibert volontierte bei der Bonner Rundschau und war bis zu seinem Ruhestand freier Journalist, unter anderem für die Frankfurter Rundschau sowie israelische und US-amerikanische Medien. Als Fußballer schaffte es der begeisterte Fan des FC St. Pauli bis in die zweite Mannschaft von Eintracht Frankfurt. Er lebt seit 30 Jahren in Pinneberg und ist seit 2003 Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Pinneberg.
Muslime und Juden: Wer Zeitung liest, Nachrichten schaut oder durchs Internet surft, kann vor dem Hintergrund der Konflikte im Nahen Osten den Eindruck gewinnen, die beiden Religionsgruppen seien Feinde bis ins Mark und trachteten der  jeweils anderen nach dem Leben. Radikale beider Seiten sprechen ihren Gegenübern das Existenzrecht ab. Dass es auch ganz anders geht, beweist die jüdische Gemeinde in Pinneberg: Mitte Juni nahm sie einen sudanesischen Flüchtling auf und gewährte ihm Kirchenasyl. Einem Muslim. „Als Juden haben wir selbst reichlich Fluchterfahrung“, hatte Wolfgang Seibert, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Pinneberg, im Gespräch mit dieser Zeitung vor einigen Tagen gesagt. Die Religion sei ihm egal, wenn Menschen in Not sind. Der Sudaner Ashraf O. wartet auf den 3. August. Dann kann er Asyl beantragen. Bisher droht ihm die Abschiebung nach Ungarn. Verantwortliche Ausländerbehörde ist der niedersächsische Kreis Harburg. Der 33 Jahre alten Ashraf O. wünscht sich eine Familie. Er möchte auch endlich wieder in seinem Beruf als Tischler arbeiten. Und Seibert vermittelt den Eindruck, dass die Gemeindetüren auch in Zukunft  für Menschen in Not offen stehen.
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erstellt am 01.Aug.2014 | 14:00 Uhr

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