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Mitarbeiter dringend gesucht : Der Gastronomie geht das Personal aus

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Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Betriebe finden kaum noch Mitarbeiter. Das Angebot wird deshalb eingeschränkt. Jetzt empfiehlt die Arbeitsagentur flexiblere Arbeitszeiten.

shz.de von
erstellt am 30.Mai.2017 | 14:30 Uhr

Elmshorn/kiel | Das Wetter wird zunehmend sonniger. Das heißt für Unternehmen im Tourismus: Es gibt alle Hände voll zu tun. Doch während die touristische Nachfrage im Norden  steigt und steigt, wird der Fachkräftemangel immer größer. In Hotellerie und Gastronomie waren im April bei der Arbeitsagentur Elmshorn 111 offene sozialversicherungspflichtige Stellen gemeldet. Im Vorjahresmonat waren es nur 88.

„Die Situation ist ganz, ganz schlimm. Solche Probleme kannten wir früher nicht“, sagt Jürgen Schumann. Er ist Vorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) im Kreis Pinneberg. Ein Grund ist aus seiner Sicht der Wunsch vieler junger Erwachsener, ein Studium zu beginnen statt in Gastronomie und Hotellerie eine Ausbildung zu machen. Die Gastro-Branche liege in Sachen Azubi-Gehalt im Mittelfeld. Doch die Aufstiegschancen seien gut.

In ganz Schleswig-Holstein sieht es ähnlich aus. 1115 offene Stellen wurden von der Gastronomie gemeldet – 15,7 Prozent mehr als im Vorjahr. In der Hotellerie stieg die Zahl der unbesetzten Jobs um 19 Prozent auf 344. Der Nachwuchs wird die Lücke in absehbarer Zeit nicht füllen. Unter den Top-Zehn der am wenigsten gefragten Lehrberufe finden sich gleich zwei aus der Krisen-Branche: Koch  auf Rang vier und Restaurantfachkraft  auf Rang sechs.

Margit Haupt-Koopmann, Chefin  der  Regionaldirektion Nord der Arbeitsagentur, fordert, Betriebe müssten „ihre Attraktivität für Jugendliche, aber auch für Quereinsteiger oder Berufsrückkehrerinnen noch weiter steigern“. Ihre Vorschläge: innovative Arbeitszeitkonzepte, verstärkte Personalentwicklung und Bonussysteme.

Zahl der offenen Stellen im Vergleich zu  2016 deutlich gestiegen

Während die touristische Nachfrage im Norden steigt und steigt, wird der Fachkräftemangel immer größer: In Hotellerie und Gastronomie waren im April bei der Arbeitsagentur Elmshorn 111 offene sozialversicherungspflichtige Stellen gemeldet. Im Vorjahresmonat waren es nur 88, aber es könnten noch mehr sein. „Zu beachten ist, dass in diesen Bereichen sicherlich auch noch viele Minijobber gesucht werden, die nicht erfasst sind und die der Arbeitgeber-Service nicht aktiv vermittelt“, sagt Gerold Melson, Pressesprecher der Agentur.

„Die Situation ist ganz, ganz schlimm. Solche Probleme kannten wir früher nicht. Aber seit etwa fünf Jahren verschärft sich die Lage zunehmend“, sagt Jürgen Schumann. Er ist Vorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) im Kreis Pinneberg und Betreiber des Fortuna-Sportheims in Elmshorn. Die Unternehmen müssen bereits reagieren. „Ich selbst habe jetzt zum ersten Mal einen Ruhetag eingeführt. Vorher hatten wir sieben Tage die Woche geöffnet.“ Zudem wisse er von Restaurant-Eigentümern, die sich selbst in die Küche stellten, weil sie keine Köche mehr fänden.

Woran es liegt, kann Schumann nur erahnen. „Wir hören auf Jobmessen von potentiellen Bewerbern oft, dass sie lieber studieren“, sagt Schumann. Kann es auch an unattraktiven Arbeitsbedingungen liegen? „Natürlich gibt es Wochenendarbeit. Aber dafür hat man dann unter der Woche die Möglichkeit, Einkäufe und Behördengänge in Ruhe zu erledigen“, sagt Schumann. Er wirbt für Berufe in Gastronomie und Hotellerie: „Mit der Bezahlung von Azubis liegen wir immerhin im Mittelfeld. Und die Aufstiegschancen sind wirklich gut.“

Der Fachkräftemangel ist ein landesweites Problem. Bei der Regionaldirektion Nord der Arbeitsagentur sind in Schleswig-Holstein derzeit 1115 offene Stellen in der Gastronomie gemeldet – 15,7 Prozent mehr als 2016. In der Hotellerie stieg die Zahl der unbesetzten Jobs um 19 Prozent auf 344. Der Ausbildungsmarkt wird absehbar nicht den nötigen Nachwuchs liefern. Unter den Top-Zehn der am wenigsten gefragten Lehrberufe finden sich gleich zwei aus der Krisen-Branche: Koch auf Rang vier und Restaurantfachmann auf Rang sechs. Eine Fachkräfte-Prognose des Kieler Wirtschaftsministeriums befürchtet, dass dem Gastgewerbe im Jahr 2030 etwa 3500 Arbeitnehmer fehlen.

„Während bisher in erster Linie Betriebe im ländlichen Raum Probleme mit zu wenig Personal hatten, geht der Fachkräftemangel jetzt allmählich auch in den touristisch starken Küstenbereich“, schildert der Landes-Geschäftsführer des Dehoga, Stefan Scholtis. Das hat Folgen für das Angebot. „Teilweise wird die Karte abgespeckt, der Mittagstisch gestrichen, die Außengastronomie verkleinert, aus einem Ruhetag werden zwei gemacht. Allein, dass in Schleswig-Holstein derzeit viele neue Hotels gebaut werden, nützt dem Tourismus noch nichts. Es muss für die Gäste auch Angebote zum Essen, Trinken und Verweilen drumherum geben“, meint Scholtis.

„Gute Arbeitsbedingungen, Weiterbildungsmöglichkeiten und faire Löhnen“

„Im Hotel- und Gaststättengewerbe bieten sich vielfältige Job- und Ausbildungschancen“, wirbt die Chefin der Regionaldirektion Nord der Arbeitsagentur, Margit Haupt-Koopmann. „Das Thema Fachkräftesicherung gewinnt nicht nur an Bedeutung, weil die Personalintensität in Gastronomie und Hotellerie gegenüber anderen Branchen außerordentlich hoch ist. Auch die Ansprüche der Kunden steigen kontinuierlich.“ Gleichzeitig wachse aufgrund geburtenschwacher Jahrgänge allgemein der Wettbewerb um Auszubildende mit anderen Branchen. Die Arbeitsmarkt-Expertin appelliert deshalb an die Betriebe, sie müssten „ihre Attraktivität insbesondere für Jugendliche, aber auch für Quereinsteiger oder Berufsrückkehrerinnen noch weiter steigern“. Dabei macht sie eine Palette „von innovativen Arbeitszeitkonzepten über verstärkte Personalentwicklung bis hin zu Bonussystemen“ auf.

Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (SPD) fordert „gute Arbeitsbedingungen, Weiterbildungsmöglichkeiten und faire Löhnen“, damit das Gastgewerbe Beschäftigte binden kann. Entscheidend für den touristischen Wettbewerb sei Qualität. „Und Qualität beginnt mit Service, und Service beginnt mit Personal“, lautet Meyers Credo. An bisherigen Veranstaltungen der Fachkräfte-Initiative des Landes hätten vor allem Betriebe teilgenommen, die bereits gut aufgestellt seien. Der Dehoga müsse seine Mitglieder stärker motivieren. Dehoga-Mann Scholtis wiederum sieht sowohl Politik als auch Gesellschaft in der Pflicht, den allgemeinen Trend zu immer mehr Hochschulabsolventen zu drehen, damit es grundsätzlich mehr Auszubilden de gibt. Zur Frage einer höheren Bezahlung betont Scholtis, der Gast müsse „dann auch bereit sein, entsprechende Preise zu zahlen“.

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