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Sieben Tage in 15 Monaten : Der Elektrobus der Kvip ist nur selten einsatzbereit

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Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Grüner Flitzer ist eine lahme Ente. Emissionsfreie Flotte bleibt aber dennoch langfristiges Ziel der Verkehrsgesellschaft.

shz.de von
erstellt am 06.Nov.2015 | 10:00 Uhr

Uetersen | Die Kreisverkehrsgesellschaft in Pinneberg (Kvip) mit Sitz in Uetersen ist stolze Besitzerin eines Elektrobusses, der seit Juni 2014 emissionsfrei und leise im Linienbetrieb fahren soll. Soll. Denn innerhalb der vergangenen 15 Monate war er gerade mal sieben Tage auf der Straße. Den Rest der Zeit war er defekt. Derzeit steht er mit Batterieproblemen in einer Spezialwerkstatt im nordrhein-westfälischen Bochum. Wann er wieder einsatzbereit ist, ist offen.

Der Bus war im vergangenen Frühjahr ein neues Modell des chinesischen Herstellers Tewoo. Zwei Jahre lang hatte die Kvip das Vorgängermodell getestet. Auch dieser Wagen war reparaturanfällig. Als „hohe Fertigungstoleranzen“ bezeichneten die Kvip-Leute damals ironisch die Qualitätsmängel. In dem neuen Wagen sollten sie behoben sein. Eine Fehleinschätzung.

Der deutsche Spezialfahrzeughersteller Eurabus mit Sitz in Berlin hat den Wagen von Tewoo für den deutschen Markt umgerüstet und an die Prignitzer Leasing AG aus Putlitz (Kreis Prignitz in Brandenburg) verkauft. Die Kvip hat mit der Prignitzer Leasing einen Mietvertrag über vier Jahre abgeschlossen. Etwa 6000 Euro werden dafür jeden Monat fällig. Ein unmittelbarer finanzieller Schaden entstehe mit den langen Werkstattaufenthalten nicht, teilte die Kreisverwaltung mit. Die Leasingrate werde nur dann gezahlt, wenn der Bus auch tatsächlich einsatzbereit ist.

Die Kvip hatte sich lange als Vorreiter feiern lassen. Mit dem Pilotprojekt Elektrobus war der Wunsch verbunden, mittelfristig ausschließlich elektrisch unterwegs zu sein. Landrat Oliver Stolz (parteilos) hatte noch im Mai 2014 während einer Tagung des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) Nord in Uetersen für die Strategie getrommelt. „Wir dürfen nicht kleinteilig und kleingeistig denken. Die Busse werden mit deutscher Technik aufgerüstet und idealerweise auch mit schleswig-holsteinischem Ökostrom gefahren“, verteidigte er das Vorgehen der Kvip gegen Kritiker. In Hamburg etwa werden mehrere Techniken parallel getestet. Heinrich Klingenberg, Geschäftsführer der Förderagentur Hysolutions und Ex-Aufsichtsratsvorsitzender der Hamburger Hochbahn AG, hatte etwa gesagt: „Es ist sinnvoll, verschiedene Technologien wie Hybride, Plug-In-Hybride, reine Elektrobusse und Wasserstoffantriebe zu testen.“ Die Batterien seien noch nicht so weit gereift wie es im Kreis Pinneberg formuliert würde.

200.000 Euro hätte das Land beigesteuert

Die Kvip gehört mehrheitlich dem Kreis Pinneberg. Im Sommer 2014 wollte sie selbst einen 650.000 Euro teuren Gelenkbus kaufen. 200.000 Euro hätte das Land beigesteuert. Doch Stolz bekam kalte Füße und zog die Reißleine. Er rief die Chefs der Kreistagsfraktionen zusammen. Die Entscheidung: Der Bus wird nicht gekauft. Treibende Kraft hinter dem Vorzeigeprojekt war der ehemalige Kvip-Geschäftsführer Jürgen Lamla. Das Tischtuch zwischen ihm und Stolz ist längst zerschnitten. Lamla, der im November 2014 von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) einen Umweltpreis für sein Engagement bekam, wurde im Sommer 2014 als Geschäftsführer abgesetzt.

Bedeutet das den Ausstieg aus der Elektromobilität? „Wir bleiben dran. Aber für die Kvip ist die Vorreiterrolle zu groß. Sie sollte nur Technik einsetzen, die sich bereits bewährt hat“, sagt Oliver Carstens, Sprecher der Kreisverwaltung. Das könnten etwa belgische E-Bus-Typen sein, welche die Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein momentan erfolgreich in Hamburg-Blankenese fahren lassen.

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