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„Spieler haben so ihr Ziel direkt vor Augen“ : Der Direktor Sport beim HSV, Bernhard Peters über den Campus des Vereins

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Bernhard Peters erklärt im Interview, warum der Campus für den Bundesliga-Dino so wichtig ist.

shz.de von
erstellt am 02.Jul.2017 | 10:00 Uhr

Hamburg | Knapp zwei Jahre nach dem ersten Spatenstich im August 2015 ist am 6. Juni der HSV-Campus feierlich eröffnet worden. Künftig sollen nicht nur alle Nachwuchsteams von der U16 bis zur U21 des Fußball-Bundesligisten Hamburger SV dort trainieren, sondern die besten Talente in dem rund 15 Millionen Euro teuren Nachwuchsleistungszentrum gezielt gefördert werden. Bernhard Peters war als Direktor Sport beim HSV federführend für Planung und Fertigstellung des Baus verantwortlich und sorgt dafür, dass der HSV auch in der Nachwuchsarbeit konkurrenzfähig ist. Im Interview mit shz.de spricht Peters über die Talentförderung, Nachwuchshoffnungen des HSV und die besorgniserregenden Krawalle in vielen Fußballstadien.

Welche Bedeutung hat der Campus für die Zukunft des HSV?
Durch den Campus beginnt für den HSV eine neue Zeitrechnung. Wir können die Tradition und die Wucht unseres Stadions mit unserer Nachwuchsarbeit verbinden. Die Spieler haben so jeden Tag ihr Ziel direkt vor Augen, den Sprung zum Bundesligaprofi zu schaffen. Auch die Bedingungen sind viel besser als früher. Plätze, sportliche Infrastruktur, die Trainer haben optimale Voraussetzungen. So wird die Zugkraft unserer Nachwuchsarbeit durch den veränderten Standort deutlich erhöht. Wir stehen gerade an diesem exponierten Standort noch mehr in der Pflicht, Top-Arbeit abzuliefern. Das ist eine Herausforderung, die wir gerne annehmen.

Ist der HSV mit dem Campus in Sachen Nachwuchsarbeit im Vergleich zu Vereinen wie Hoffenheim und Leipzig auf Augenhöhe?
In Hoffenheim ist die Infrastruktur auch hervorragend. Es gibt vier Zentren an zwei Orten, die unmittelbar zusammenhängen. Die Größe des Internats, das ich mit aufgebaut habe, ist vergleichbar mit Hamburg und bietet 16 bis 18 Jungs Platz. In Leipzig konzentriert sich von den Profis bis zum Nachwuchs alles auf ein Zentrum. Im Internat können bis zu 50 Spieler untergebracht werden. Das halte ich nicht für sinnvoll. Da jeder andere Wege geht, hinken Vergleiche. Klar ist, dass wir gute Ideen haben, unsere Talente voranzubringen. Die einzelnen Jahrgänge sind gut aufgestellt. In der Spitze der Kader sind wir allerdings noch nicht so gut besetzt wie zum Beispiel Leipzig oder Wolfsburg. Gerade im Bereich der 15- bis 16-Jährigen müssen wir besser werden und noch mehr Top-Talente nach Hamburg locken, um sie für die Bundesliga auszubilden.

Wo sollen die Top-Talente herkommen? Aus der Region oder auch aus dem Ausland?
Sowohl als auch. Um junge Top-Talente für uns zu gewinnen, müssen wir sie für unseren Weg begeistern – und ihnen einen klaren qualifizierten Plan bis zur Bundesliga aufzeigen.

Sie haben 2014 begonnen, die Nachwuchsarbeit neu aufzustellen. Was ist schon geschafft? Was fehlt noch?
Wir haben durch hervorragende Mitarbeiter viel bewegt und uns in allen Bereichen weiterentwickelt. So ist sichergestellt, dass wir eine gute Ausbildung gewährleisten. Mit dem Campus haben wir nun einen weiteren Meilenstein gesetzt. Der nächste Schritt ist, dass wir im Nachwuchsbereich eine stärkere Wettkampfmentalität entwickeln, um noch häufiger zu gewinnen. Das fängt schon in den unteren Jahrgängen an. Bis zur C-Jugend wollen wir Teams mit den besten Talenten aus dem Norden. Diese müssen wir durch nationale oder internationale Top-Spieler dann weiter verstärken.

Was ist das richtige Alter für einen Spieler, um zu einem großen Verein zu gehen?
Wir haben eine klare Linie. Die Talente sollen bis zur U15 höchstens 70 bis 80 Kilometer von Hamburg entfernt wohnen. Erst dann halten wir bundesweit und international Ausschau. Wir werden nicht wie andere Vereine überregionale Talente mit zwölf oder 13 Jahren nach Hamburg holen. Es darf nicht unser Weg sein, Kinder aus ihrer gewohnten Umgebung herauszureißen. Das ist nicht unser Stil. Man muss den heranwachsenden Menschen und nicht nur den Fußballer im Blick haben.

Bernhard Peters (57) ist seit August 2014 als Direktor Sport beim HSV vor allem für den Nachwuchs zuständig. Der Diplom-Sportlehrer und vielseitige Trainer war mehrere Jahrzehnte für den Deutschen Hockey-Bund tätig, dessen Nationalmannschaft er zwischen 2000 und 2006 als Nationaltrainer zu mehreren Weltmeistertiteln führte. Peters wechselte 2006 zum Fußball. Von 2006 bis 2014 war er bei der TSG 1899 Hoffenheim als Leiter der Nachwuchsförderung aktiv. Peters ist Vater von vier Kindern und lebt mit seiner Familie in Hamburg.

Sie wollten dem HSV eine fußballerische Identität geben. Ist diese beim Nachwuchs schon sichtbar? Wie sieht diese Identität aus?
Wir haben eine klare Idee, wie unsere Spielweise aussieht. Diese orientiert sich an festen Prinzipien. Spieleröffnung, schnelles Konterspiel, Wege, einen tief stehenden Gegner zu knacken, das Spiel über die Flügel – es gibt für alle Bereiche feste Leitplanken, zwischen denen sich unsere Trainer bewegen. Es existiert auch für jeden Spieler und jede Position ein festes Anforderungsprofil. Die Trainer sollen natürlich die Möglichkeit haben, ihren persönlichen Führungsstil einzubringen. Wir wollen schließlich keine genormten Trainer. Ein Spielsystem über das ganze NLZ wird nicht festgelegt. Aber wir entwickeln einen roten Faden, an dem sich alle orientieren. Durch Fortbildungen und Workshops ist zudem sichergestellt, dass sich unsere Coaches ständig weiterentwickeln. Das hat sich bereits stark ausgewirkt. Alle unsere Teams sind in ihren Ligen oben mit dabei.

Macht es das häufig unruhige Umfeld mit den ständigen Extremen zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt gerade jungen Spielern schwer? Ist die Sehnsucht nach jungen Spielern aus dem eigenen Nachwuchs vielleicht sogar eine Belastung?
Dass der HSV die Menschen in der Region so sehr berührt, ist grundsätzlich erst einmal positiv. Es ist für Talente aber nicht immer einfach, mit der Hektik des Tagesgeschäfts zurechtzukommen. Darauf versuchen wir, unsere jungen Spieler gezielt vorzubereiten. Wenn die Chance da ist, müssen sie wild entschlossen sein, diese zu nutzen. So wie es in der vergangenen Saison Bakery Jatta und Vasilije Janjicic getan haben. Der Sprung dürfte für junge Spieler wesentlich leichter werden, wenn das Umfeld stabiler ist und die Mannschaft im gesicherten Mittelfeld steht. Häufige Trainerwechsel und Abstiegskampf machen es für Talente schwieriger. Ich hoffe aber, dass nun Kontinuität herrscht. Unser Trainer Markus Gisdol hat auf alle Fälle den Mut, auf junge Leute zu setzen. Es muss allerdings allen klar sein, dass die Entwicklung bei jungen Spielern nicht linear verläuft und es immer Dellen geben wird.

Sie sprechen sich dafür aus, auf die Hilfe von Sportpsychologen zu setzen. Warum ist das so wichtig?
Die Spieler müssen in der Lage sein, ihre fußballerischen Fähigkeiten abzurufen, wenn das Spiel angepfiffen wird. Dann zählt es. Mit Trainingsweltmeistern kann man nichts gewinnen. Es gibt in der Psychologie gezielte Techniken, die helfen, die erforderliche mentale Stärke für entscheidende Momente zu erlangen und die Leistung zu optimieren. Aus meiner Sicht wäre es fahrlässig, diesen Bereich außer Acht zu lassen. Dann ist ein Spieler nicht komplett ausgebildet.

Welchen Talenten des HSV trauen Sie kurz- und mittelfristig den Sprung zu den Profis zu?
Wir haben viele Jungs, die die Chance haben, Profi zu werden und sich im Bundesligakader zu etablieren. Bakery Jatta, Vasilije Janjicic und Finn Porath haben bereits die ersten Schritte gemacht. Jonas Behounek, Christian Stark und Mats Köhlert könnten bald folgen. Fiete Arp und Tobias Knost sind ebenfalls sehr interessante Talente. Ihnen allen trauen wir diesen Weg zu.

Mehrere Bundesligavereine haben die U23 beziehungsweise U21 abgeschafft. Welche Rolle spielt die zweite Mannschaft für den HSV? Ist auch in Hamburg möglich, dass diese abgemeldet wird?
So lange ich beim HSV bin, wird es immer eine U21 geben. Unsere Linie ist konträr zu Bayer Leverkusen oder Eintracht Frankfurt. Die U21 bietet jungen Spielern die Möglichkeit, Erfahrungen und Wettkampfpraxis im Erwachsenenfußball zu sammeln. Schließlich schaffen nur die wenigsten direkt den Sprung von der U19 in die Bundesliga. So ist die U21 der letzte enorm wichtige Ausbildungsschritt.

Ist die Regionalliga, in der die U21 spielt, für diesen Ausbildungsschritt richtig oder wäre ein Aufstieg in die dritte Liga wünschenswert?
Derzeit ist die vierte Liga für uns sportlich ideal. Ich würde mir allerdings wünschen, dass die Zahl der Regionalligen auf drei reduziert wird. Das würde das Leistungsniveau erhöhen. Die Spanne zwischen den zweiten Mannschaften der Profiklubs, ambitionierten Traditionsvereinen und einigen eher freizeitorientierten Vereinen ist einfach zu groß. Die Reduzierung werde ich in diesem Leben aber nicht mehr erleben, da die Landesverbände nicht mitspielen werden. Dabei ist es sportlich unfair, wenn nicht einmal sichergestellt ist, dass die Meister der Regionalligen aufsteigen.

Randale bei den Relegationsspielen schockierten alle friedlichen Fans – ist die Situation in den Stadien ein Spiegelbild der Gesellschaft? Wie kann man gegensteuern?
Viele Chaoten missbrauchen den Fußball gezielt als Plattform. Die Auswüchse nehmen immer extremere Formen an, weil es offensichtlich keine gesellschaftlichen Hemmschwellen mehr gibt. Da haben die Klubs kaum Chancen, wirkungsvoll gegenzusteuern. Ausschreitungen wie in der Relegation sind trotz riesiger Polizeiaufgebote nie ganz zu verhindern. Tatsache ist, dass die Sicherheitsexperten noch sehr viel mehr darüber nachdenken müssen, wie solche Auswüchse verhindert werden können. Die Sicherung von Großveranstaltungen wird nicht nur wegen der Krawalle im Fußball ein immer größeres Problem.

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