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A23 im Kreis Pinneberg : Den Staus den Kampf ansagen

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Verkehrsexperten debattieren - mögliche Maßnahmen: Tempo- und Auffahr-Regulierungen, Freigabe der Standstreifen und ein sechsspuriger Ausbau

Kreis Pinneberg | Das Einrichten von zeitlich unterschiedlichen Tempolimits ist eine von vier Möglichkeiten, um den fast täglichen Staus auf der Autobahn 23 Herr zu werden. Der Bau von Ampelanlagen an Auffahrten, die nicht mehr als einen Pkw oder Lkw zur selben Zeit auf die Fahrbahn lassen, eine andere. Zudem wäre es machbar, die Standstreifen temporär freizugeben – oder die A23 gar  sechsspurig auszubauen, sind sich die Verkehrsexperten im Land einig. Im Visier des Landesbetriebs Straßenbau und Verkehr Schleswig-Holstein ist vor allem der Trassenverlauf zwischen den Anschlussstellen Pinneberg-Nord und Halstenbek-Krupunder.

Laut des gestern veröffentlichten Gutachtens „A23 – Optimierung des Verkehrsflusses Bereich Landesgrenze Hamburg/Schleswig-Holstein bis in den Raum Pinneberg“ wird sich die Situation künftig weiter verschlechtern: Dem Papier zufolge ist mit einer Zunahme von Pkw und Lkw im Zeitraum 2010 bis 2025 um 17,4 Prozent zu rechnen. Doch schon jetzt ist die Belastbarkeit „deutlich“ überschritten, heißt es seitens der Verkehrsexperten. Dies zeigen laut dem Direktor des Landesbetriebs Straßenbau, Torsten Conradt, die regelmäßigen Staus, vor allem während der Pendelzeiten von 6 bis 8 Uhr in Richtung Hamburg sowie von 16 bis 17.30 Uhr in Richtung Elmshorn. Die geeignetste Variante sei die Freigabe der Standstreifen – doch dafür müsste der sechsstreifige Ausbau in den Bundesverkehrswegeplan aufgenommen werden. Darüber entscheidet der Bund  2016. Sollte er dies tun, könnte ab 2021 Abhilfe geschaffen werden.

„Knapp drei Kilometer Stau zwischen der Autobahn 23-Anschlussstelle Halstenbek-Krupunder und dem Autobahndreieck Hamburg-Nordwest“ oder aber „14 Kilometer stockender Verkehr auf der A23 zwischen Pinneberg-Nord und Hamburg-Stellingen“ sind Ansagen, die nahezu täglich so oder in ähnlicher Form morgens aus dem Radio ertönen, wenn Nachrichtensprecher Verkehrswarnungen durchgeben. Die gestern für den Streckenabschnitt Pinneberg-Nord und dem Autobahndreieck Hamburg-Nordwest veröffentlichten Daten erläutern warum: 2010 haben laut Landesbetrieb Straßenbau und Verkehr Schleswig-Holstein etwa 75.000 Fahrzeuge täglich die Anschlussstelle Halstenbek-Krupunder passiert. Heiko Tessenow, Leiter des Fachcenters Fahrzeuge, geht davon aus, dass die Zahl in den vergangenen fünf Jahren auf zirka 78.000 gestiegen ist.

Zur Zeit der Autobahnfertigstellung in den 1980er Jahren sind die Verkehrsexperten in ihrer Planung indes nur von etwa 40.000 Pkw und Lkw ausgegangen, die die A23 vor fünf Jahren zu fassen habe. „Die Kapazität ist erreicht“, sagte Tessenow im Gespräch mit dieser Zeitung. Laut Pinnebergs Landrat Oliver Stolz ist die Belastbarkeit sogar schon „deutlich“ überschritten. „Das können wir täglich sehen“, sagte er während der Vorstellung des von der Dorsch-Gruppe erarbeiteten Gutachtens „A23 – Optimierung des Verkehrsflusses Bereich Landesgrenze Hamburg/ Schleswig-Holstein bis in den Raum Pinneberg“ in der Kfz-Zulassungsstelle der Kreisstadt. Und die Zahl der Autos und Lastkraftwagen wird weiter steigen. Gemäß Prognose von Verkehrsexperten wird das Verkehrsaufkommen zwischen 2010 und 2025 um 17,4 Prozent zunehmen.

Das vom Landesbetrieb vor fünf Jahren in Auftrag gegebene Papier, das unter anderem auf Dauermessungen im Bereich Krupunder sowie Beobachtungen des Autobahn-Polizeireviers Elmshorn und auf Reisezeitmessungen beruht, kommt zum Ergebnis, dass die Belastung vor allem während des morgendlichen Berufsverkehrs „deutlich“ überschritten wird. „Würde nach Führerscheinregeln gefahren, wären deutlich weniger Autos auf der A23 unterwegs“, sagte Torsten Conradt, Direktor des Landesbetriebs Straßenbau und Verkehr Schleswig-Holstein. Denn im Durchschnitt betrage der Abstand zwischen zwei Fahrzeugen bei Tempo 90 nur 30 Meter, 45 müssten es aber sein. „Angesichts einer Reaktionszeit von etwa einer Sekunde und einem Bremsweg von 35 Metern auf trockener Fahrbahn wird die höhere Kapazität offenbar zu Lasten der Verkehrssicherheit erreicht“, heißt es in dem Gutachten. Zudem lautet eines der Fazite im Papier, dass die morgendlichen Staus zwischen 6 und 8 Uhr nicht auf die Verkehrsbelastung auf der A23 zurückzuführen sind, sondern insbesondere auf die mangelnde Kapazität an den Anschlussstellen – allen voran in Tornesch, Pinneberg-Mitte, Pinneberg-Süd und Halstenbek-Krupunder. Gleiches gelte für den Nachmittag im Zeitraum von 16 bis 17.30 Uhr in Richtung Elmshorn. Schwachstellen seien in dem Fall, so das Gutachten, die Anschlussstellen Pinneberg-Nord und Pinneberg-Süd. Diese sogenannten Zu- und Abflüsse „bewirken eine plötzliche Verdichtung des Verkehrs mit erheblichen Auswirkungen auf das Fahrverhalten der Fahrzeugführer auf der Autobahn“, so die Verkehrsexperten.

Drei Varianten zur Abhilfe

Um für Abhilfe zu sorgen, gebe es drei Varianten, sagte Direktor Conrad. Erstens: die Einführung von Streckenbeeinflussungsanlagen, also Anzeigetafeln über der Autobahn, die den Fahrern sagen, ob sie 120, 100, 80 oder gar nur 60 Stundenkilometer schnell unterwegs sein dürfen – so wie auf der A7 zwischen der Anschlussstelle Quickborn und dem Elbtunnel. „Der Effekt ist allerdings nicht besonders hoch“, räumte Tesselnow ein. Zweitens: das Einrichten von Zuflussregelungsanlagen, also Ampeln, die in kurzen Intervallen rot oder grün zeigen, um so zu regulieren, wie viele Fahrzeuge gleichzeitig auf die A23 draufrollen dürfen. So eine Anlage gibt es derzeit beispielsweise am Kanaltunnel in Rendsburg und auf der Autobahn 43 in Nordrhein-Westfalen. Oder drittens: Der Bund baut die Autobahn von aktuell vier auf sechs Spuren aus. Einen entsprechenden Antrag hat das Land Schleswig-Holstein laut Conrad bereits gestellt. Im kommenden Jahr soll seitens des Bundes über die Aufnahme in den Bundesverkehrswegeplan entschieden werden. Sollte das geschehen, könnte der Landesbetrieb schon ab 2016 Nothaltebuchten errichten, um einzelne Streckenabschnitte oder gar die ganze Trasse zeitweilig sechsspurig freizugeben – unter Einbezug des Standstreifens. „Das haben wir in Schleswig-Holstein schon sehr erfolgreich praktiziert“, sagte Conrad. Allerdings: Um die Standstreifen auf voller Streckenlänge freigeben zu können, wären Umbauten an einigen Brücken notwendig, räumte der Landesbetriebs-Leiter ein.

Doch das sei alles noch sprichwörtliche Zukunftsmusik. Denn sollte sich der Bund entschließen, das Multi-Millionen-Euro-Projekt A  23-Ausbau anzugehen, könnten die Planungen erst beginnen. Und diese dauern laut Conrad fünf bis sechs Jahre. Also könnte sich vor 2021 nichts verändern. Fest steht, so Conrad, aber: „Wir müssen zu einer Lösung kommen.“

Dem pflichtete Jörn Kruse (CDU), Vorsitzender des Verkehrsausschusses des Pinneberger Kreistags, bei: „Wir werden alles dafür tun, um für eine schnelle Umsetzung zu sorgen“, versprach er gestern. Denn die anhaltenden Staus seien nicht nur für die mehr als 40.000 Berufspendler nervig, sondern sie bürgen auch einen nicht zu unterschätzenden volkswirtschaftlichen Schaden in sich – sowie betrieblich für Handwerker und Co., die regelmäßig wertvolle Arbeitszeit im Stau verlören. „Wir haben die Hoffnung, dass die Optimierung schnell umgesetzt wird“, sagte Kruse.

Die Autobahn 23 ist 96 Kilometer lang und führt vom Autobahndreieck Hamburg-Nordwest bis nach Heide (Kreis Dithmarschen). Die Strecke wird auch Westküstenautobahn genannt. Im Kreis Pinneberg befinden sich acht Aus- sowie Auffahrten: Halstenbek-Krupunder (Nummer 20), Halstenbek/Rellingen (19), Pinneberg-Süd (18), Pinneberg-Mitte (17), Pinneberg-Nord (16), Tornesch (15), Elmshorn (14), Horst-Elmshorn (13). Der erste Streckenabschnitt der vierspurigen Trasse wurde 1964 freigegeben, 1968 die Autobahn bis Pinneberg-Nord, 1975 bis Elmshorn und 1981 bis Itzehoe.
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erstellt am 25.Feb.2015 | 12:00 Uhr

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