Serie: Unser Glaube : Den Fußball und das Freitagsgebet vereinen

Gegenseitige Wertschätzung aller Religionen wünscht sich Sedat Simsek, Mitglied der türkisch-islamischen Gemeinde.
Gegenseitige Wertschätzung aller Religionen wünscht sich Sedat Simsek, Mitglied der türkisch-islamischen Gemeinde.

Weltoffen und dialogsuchend präsentieren sich die mehr als 200 Mitglieder der türkisch-islamischen Gemeinde (Ditib) in Pinneberg.

shz.de von
06. Mai 2015, 14:56 Uhr

Pinneberg | In der Moschee an der Pinneberger Friedensstraße 11 herrscht reges Treiben. Gut ein Dutzend Kinder tobt durch die Räume, andere sitzen über ihren Lehrbüchern gemeinsam mit dem Imam. Es ist ein Mittwochvormittag in den Schulferien. Zeit für den Religionsunterricht der sieben- bis 14-jährigen Kinder und Jugendlichen der türkisch-islamischen Gemeinde (Ditib) in Pinneberg. Der Unterricht ist nur ein Beispiel der vielen Aktivitäten, die in der Moschee angeboten werden, wie Sedat Simsek (41), Mitglied der Pinneberger Gemeinde und Vorsitzender der islamischen Religionsgemeinschaft Ditib Nord, sagt.

Der Unterricht wird sonnabends und sonntags sowie in den Ferien täglich von 10 bis 12 Uhr veranstaltet. „Jedes Kind, das möchte, kann kommen“, sagt Simsek. Gelehrt werden die religiösen Grundkenntnisse auf Türkisch. Bei Bedarf an Unterricht auf Deutsch würden studentische Hilfskräfte einspringen. Religionsunterricht für Erwachsene werde in der Moschee, die seit 1987 in den weitläufigen Räumen einer ehemaligen Fahrschule beheimatet ist, auf Wunsch auch angeboten.

Die Gemeinde, die sich 1982 in Pinneberg gründete, sei ein Anlaufpunkt für Muslime aus allen Teilen der Welt wie Menschen aus Afrika, dem Iran, Pakistan, sagt Simsek. 70 bis 80 Prozent der Moscheegänger seien türkisch, für alle anderen sei Deutsch die gemeinsame Sprache. So werden seit fünf Jahren auch die türkischen Gottesdienst-Predigten grundsätzlich ins Deutsche übersetzt.

Der Verein, der hinter der Gemeinde steht, hat laut Simsek zirka 200 Mitglieder, darunter auch eine Handvoll deutsche Konvertiten. 400 bis 500 Menschen finden sich jedoch regelmäßig zum Freitagsgebet ein. Auch ein halbes Dutzend Flüchtlinge besucht die Pinneberger Moschee. Am Karfreitag beteten sogar 1000 Menschen zusammen. „Das Haus platzte aus allen Nähten. Selbst auf dem Hinterhof haben Leute gebetet.“ Simsek sagt: „Die fünf täglichen Gebete kann man auch alleine beten. Das Freitagsgebet kann man nur gemeinsam beten. Gebetet wird, wenn die Sonne am höchsten steht.“ Dabei blieben Männer und Frauen getrennt in unterschiedlichen Stockwerken. „In der Theologie gibt es keine Gebote, die getrenntes Beten vorschreiben, aber in der Tradition hat sich das so entwickelt.“

Nichts geht ohne Ehrenamt

Die Vereinsmitglieder zahlen fünf Euro Mitgliedsgebühr im Monat. „Davon kann sich der Verein gar nicht finanzieren. Da muss schon mal am Freitag mit dem Topf rumgegangen werden“, sagt Simsek.

Ehrenamtliches Engagement wird auch unter den Gemeindemitgliedern groß geschrieben. „Wir haben eine sehr aktive Frauengruppe“, sagt Simsek. So seien die Damen von der Pinneberger Moschee als Grüne Damen im Krankenhaus im Einsatz.

Sein Glaube ist für Simsek sehr wichtig. „Er gibt Halt, Zuversicht, Orientierung und geistige Erfüllung.“ Das Praktizieren der Religion sei bei Muslimen sehr ausgeprägt, weil sie aus einer Tradition kommen, in der Religion gelebt wird und einen im Alltag begleitet. „Die meisten versuchen, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, fünfmal am Tag zu beten. Das kann ich aber auch nicht immer einhalten“, sagt der 41-Jährige. „Aber spätestens, wenn Ramadan ist, fasten 95 Prozent aller Muslime. Selbst wenn jemand nicht fastet, würde er die Bedeutung wertschätzen“, sagt Simsek. Im Leben eines Muslims sei auch Alkohol verboten.

Es geht um Verständnis, Anerkennung und Wertschätzung

Als Muslim solle man einfach darauf achten, ein guter aufrichtiger Mensch zu sein. „Es bringt nichts, fünfmal am Tag zu beten, aber sich dann unbeliebt zu machen.“ Simsek liegt es am Herzen, dass sich seine Gemeinde noch weiter öffnet. Gegenseitiges Verständnis, Anerkennung und Wertschätzung zwischen allen Religionen zu etablieren, sei eines der Ziele der Jugendarbeit in der Moschee. Die jungen Muslime ab 14 Jahren treffen sich regelmäßig, organisieren auch mal Fußballturniere und Ausflüge zum Bundestag. Kontakte zu kirchlichen Jugendgruppen aufzubauen und Öffnungsarbeit ständen im Vordergrund. Das ist auch immer das Ziel des Tages der offenen Tür am 3. Oktober. Zudem kommen zu dem jährlichen mehrtägigen Gemeindefest im Mai laut Simsek 2000 bis 3000 Gäste, die Hälfte davon ist nicht muslimisch. Es werde gegrillt, eine Hüpfburg für die Kinder aufgebaut. Es gehe sehr irdisch zu, sagt Simsek.

Das gilt auch für das Miteinander in der Moschee. Auch vor der Gebetszeit können die Muslime im Gemeinschaftsraum fernsehen. „Fußball und Beten, alles in einer Moschee. Man darf nicht weltfremd sein“, sagt Simsek.

Wie weltoffen geht man in der Moschee mit dem Thema Homosexualität um? „Ich weiß nicht, ob sich jemand outen würde. Aber ich glaube, dass die meisten kein Problem damit hätten, wenn ein schwuler Mensch in die Gemeinde kommen und beten würde. Man kann einen Menschen nicht wegen seiner Veranlagung anders behandeln“, sagt Simsek.

Dialog zu anderen Religionsgemeinschaften

Auch der Dialog zu anderen Religionsgemeinschaften wird aus der Ditib-Gemeinde gesucht. Alle drei Monate treffen sich die Moscheevertreter mit Pastoren der umliegenden Kirchengemeinden sowie jüdischen Vertretern. „Wir unterhalten uns über gesellschaftliche und theologische Themen. Bezugnehmend aufs Christentum sagt er: „Wir stellen eher Gemeinsamkeiten fest und fragen uns immer: Warum haben so viele Menschen den Eindruck, es gebe so viele Unterschiede?“ So sei Jesus für Muslime auch von Bedeutung als gesandter Prophet Gottes. „Wir glauben nur nicht, dass es sein Sohn war. Das wäre eine Vermenschlichung Gottes. Das ist bei der Muslimen nicht zulässig“, so Simsek. Ebenso glauben die Muslime an Moses, Abraham und andere biblische Personen. „Biblische Geschichten gibt es auch manchmal eins zu eins im Koran.“ Mohammed sei für die Muslime der letzte Prophet, der die Reihe der Propheten zum Abschluss bringe. Simsek betont: „Das Menschenbild ist in allen Religionen gleich, im Christentum, Judentum und Islam.“

Er vermutet: „Menschen betrachten oft kulturelle Unterschiede und sehen sie als religiöse Unterschiede.“ So löse die traditionelle Art der Kleidung einer anderen Kultur wie ein Vollschleier Befremden bei uns aus. „Natürlich ist in vielen Ländern die Situation der Frauen nicht gut. Das dürfen wir aber nicht dem Islam zuschreiben, das hat gesellschaftliche Gründe.“ So achte in der Pinneberger Gemeinde niemand darauf, ob man ein Kopftuch trage oder nicht. „Das ist bei den Muslimen kein Thema. Bei den Nicht-Muslimen ist es dagegen ein wichtiges Thema.“

„Es berichten vermehrt Gemeindemitglieder davon, dass sie verbal auf der Straße angegriffen wurden, auch in Pinneberg. Speziell Frauen mit Kopftuch. Man merkt schon, wie groß die Spannung ist, wenn man auf der Straße angebrüllt wird. Ich wurde selbst schon gefragt ,Sympathisierst Du mit dem IS?‘ Man ist schon gekränkt und verletzt, wenn man von den eigenen Arbeitskollegen plötzlich so ausgegrenzt wird, obwohl man jahrelang freundschaftlich zusammengearbeitet hat.“

Simsek berichtet: „In den vergangenen zwei Jahren gab es über 100 Anschläge auf Moscheen in Deutschland, davon zwei Dutzend Brandanschläge. Das findet keine Erwähnung in den Medien.“ Bewerbung mit Kopftuch? „Keine Chance“, sagt Simsek. „Doch wer von der Gesellschaft nicht akzeptiert wird, kehrt ihr vielleicht eines Tages den Rücken“, gibt er zu bedenken. Er glaubt, dass politische Diskussionen und Medien oft den falschen Fokus setzen. „Anstatt unser Bild über den Islam so zu prägen, wie Muslime in diesem Land sind, lassen wir unser Muslim-Bild vom Eindruck der IS-Terroristen prägen.“

Dabei seien das laut Simsek zu 50 Prozent Konvertiten und viele, die zuvor niemals einen Bezug zur Religion hatten. Deshalb sei der Religionsunterricht in der Moschee wichtig. „Wer früher mit seinem Vater in die Moschee gegangen ist, wird nicht sehr anfällig für verrückte Ideologien sein“, sagt Simsek. Er macht sich zudem für dialogischen Religionsunterricht für alle an Schulen stark. In Hamburg sei man bereits auf diesem Weg. „Eine solide religiöse Ausbildung und gute Integration ist das beste gegen Fundamentalismus.“

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