Demokratie muss gelernt werden

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SerieIm ehemaligen AKAD-Gebäude an der Rathauspassage treffen sich Menschen, die ehrenamtlich Flüchtlinge in Pinneberg begleiten

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20. Dezember 2017, 16:00 Uhr

Nach den großen Flüchtlingsströmen, der Registrierung und Unterbringung hat jetzt die Zeit der tatsächlichen Integration für die Geflüchteten begonnen, das Sprechen der deutschen Sprache, der Bezug einer eigenen Wohnung und der Arbeitsbeginn. Aber die Vorstellung, wie es laufen sollte, weicht manchmal von der Realität ab. Wie gelingt die Integration in Pinneberg? Heute berichten wir über das regelmäßige Ehrenamtstreffen im „Hafen“.

Fernab des ersten Flüchtlings-Hypes gibt es viele Pinneberger, die sich in ihrer Freizeit immer noch kontinuierlich um Geflüchtete kümmern. Die meisten betreuen feste Familien. Sie sind Ansprechpartner, Übersetzer, Lehrer, Behördenlotsen, Freunde und ein Stück weit auch Kompass in dem für Geflüchtete fremden Deutschland.

Beim Ehrenamtstreffen im 1. Stock des ehemaligen AKAD-Gebäudes, Am Rathaus 10, jetzt „Hafen“ genannt, tauschen sie sich aus, diskutieren über die neuesten Regelungen in der Flüchtlingspolitik und helfen sich gegenseitig. Bei jedem Treffen gibt es ein Schwerpunktthema. Diesmal ist es das politische System der Bundesrepublik. „Wir wollen darüber sprechen, wie wir das System der Demokratie verständlich an Geflüchtete vermitteln können“, sagt Ulrike Bues (Grüne & Unabhängige), die an diesem Abend die Moderation in Vertretung für Flüchtlingskoordinatorin Katharina Kegel übernimmt.


Zeit zur Eingewöhnung

Burkhard Brauer meint: „Die Geflüchteten haben doch ganz andere Sorgen, als hier in Sachen Demokratie geschult zu werden.“ Man müsse ihnen Zeit geben, sich an die demokratischen Systeme zu gewöhnen. Doch Manfred Stache (Grüne & Unabhängige) ist der Ansicht, dass die Geflüchteten ruhig schon jetzt einbezogen werden sollten: „Wir müssen zeigen, dass sie die Möglichkeit haben mitzumachen. Wenn wir ein Demokratiebewusstsein anlegen, bringt das eine Menge und ist gut für die ganze Welt. Denkt doch an den arabischen Frühling. Angefangen hat das durch Leute, die hier studiert und die demokratischen Werte dann mit in ihr Land genommen haben.“

Arne Wölper, der eine achtköpfige Großfamilie aus Syrien betreut, ergänzt: „Zur Demokratie gehört auch Toleranz. Da haben wir noch viel zu tun“, sagt er und erzählt von seinem Schützling, der mit ihm wegen eines Ausbildungsvertrages bei einem Autohändler vorsprach. Plötzlich wollte der Jugendliche nicht mehr dort arbeiten: „Das hatte nur einen Grund“, sagt Wölper. „Der Autohändler war Kurde.“ Auch dass man hier einen Job nicht generell über Beziehungen bekommt, erstaune viele Geflüchtete.

Bues bringt ein anderes Beispiel und erzählt, dass Geflüchtete gefragt hätten, wann der Lehrer denn nun endlich zu ihnen käme. Sie müssten ihn doch noch bezahlen. „Wir müssen ihnen das Warum und das Wofür erklären“, sagt sie und regt an, die demokratischen Zusammenhänge im Kleinen erlebbar zu machen: „Man könnte doch zum Elternabend oder in den Sportverein mitgehen, wenn Elternsprecher oder Vorstand gewählt werden.“ Es müsse klar gemacht werden, dass Ämter und Führungskräfte nicht durch Geburt vorgegeben, sondern immer auch austauschbar seien. Eine andere Möglichkeit wäre die Teilnahme beim Kinder- und Jugendbeirat. Der Beirat mache Demokratie erlebbar. Die Kinder und Jugendlichen hätten sogar ein Rede- und Antragsrecht in politischen Ausschüssen.

Auch Freizeitaktivitäten waren ein Thema. Gertraud Mitternacht, die sich für ein Ehepaar aus Armenien und eine Familie aus dem Iran einsetzt, möchte einen gemeinsamen Opernbesuch organisieren. Brauner gab zu Bedenken: „Wollen die Geflüchteten das wirklich? Ich war mit einer Gruppe im Miniatur-Wunderland. Die Hälfte hat mich nach einer halben Stunde gefragt, wann wir nach Hause fahren. Sie waren völlig überreizt.“

Der Abend hat gezeigt, dass die Ehrenamtlichen viel Zeit, Herz und Zuversicht in ihre Schützlinge investieren. Und dass sich Demokratiebewusstsein nicht von heute auf morgen ausbildet: „Das ist ein Lernprozess. Ich finde es nicht gut, wenn man die Geflüchteten einfach überfährt“, sagt Brauner.

> Wegen der Feiertage erscheint der nächste Teil der Serie „Integration in Pinneberg“ erst am Mittwoch, 3. Januar. Dann geht es um den Arbeitgeber Asta Metalltechnik aus Halstenbek.

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