Demografischer Wandel : Demenz: Wenn Vergessen zum Problem wird

Der Umgang mit Patienten erfordert viel Verständnis und Geduld.
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Der Umgang mit Patienten erfordert viel Verständnis und Geduld.

Demenzerkrankungen nehmen zu. Angehörige, Polizei und Rettungssanitäter sind oft gefordert - wie sie im Kreis Pinneberg aktiv sind.

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09. Januar 2018, 14:30 Uhr

Pinneberg | In Schleswig-Holstein sind gut 55.000 Menschen an Demenz erkrankt, bundesweit sind es 1,6 Millionen. Mit steigender Patientenzahl wachsen auch die Anforderungen: Für Polizei und Rettungsdienst im Kreis sind Einsätze mit Demenzhintergrund schon heute keine Seltenheit.

Menschen mit Demenz haben Schwierigkeiten, sich zu erinnern, Wege zu finden und den Alltag zu organisieren. Ursache für eine Demenz sind verschiedene Erkrankungen des Gehirns. „Wie eine Demenz verläuft, hängt von der jeweiligen Ursache ab und ist individuell sehr unterschiedlich. Die Lebensumstände, das familiäre und soziale Umfeld sowie die unmittelbare Umgebung können entscheidend dazu beitragen, dass eine Person auch mit Demenz weiterhin selbstbestimmt und sicher leben kann“, erklärt Anna Gausmann von der Initiative Demenz Partner. Ziel der Organisation, die zur Deutschen Alzheimer Gesellschaft gehört, ist es „Wissen über die Erkrankung zu vermitteln und das an Menschen, die privat oder beruflich mit dementen Senioren zu tun haben.“ Dazu gehören neben Polizei, Behörden, Feuerwehr sowie Rettungs- und Pflegediensten auch der Einzelhandel und Selbsthilfegruppen.

Netzwerk Demenz Partner aktiv

Hauptsächlich sind es Pflegestützpunkte, soziale Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen, zu denen Angehörigen kommen, wenn sie sich Sorgen um den Gesundheitszustand ihrer Eltern oder Großeltern machen. „Dies geschieht häufig spät, wenn die Symptome und Auswirkungen der Demenz nicht mehr zu leugnen und verdrängen sind. Meist besteht dann schon konkreter Handlungsbedarf“, berichtet Eleonore Wienke, die seit 30 Jahren in der Pflegeberatung und Pflegediakonie im Kreis Pinneberg arbeitet. Seit Ende 2017 ist die Pflegediakonie nun zusätzlich im Netzwerk Demenz Partner aktiv. Wienke schult nun nicht mehr ausschließlich Kollegen, sondern vermittelt ihr umfassendes Wissen auch an Menschen, die mit Demenzkranken agieren, aber bisher noch keine Erfahrung gesammelt haben oder sich unsicher fühlen.

„Wir sind gerade mit der Unterstützung für das Netzwerk gestartet und legen jetzt mit der öffentlichen Arbeit los. Im ersten Schritt sind Kurse für Kirchengemeinden im Kreis geplant“, erzählt die Dozentin. In welchen Abständen öffentliche Gruppenkurse, die 90 Minuten umfassen, veranstaltet werden, kommt auf die Nachfrage an. „Manchmal haben wir in einer Woche gleich mehrere Einsätze mit Senioren, die nur in Nachthemd oder Schlafanzug bekleidet, orientierungslos umherirren und deshalb medizinische Hilfe brauchen, da sie unterzuckert, dehydriert oder unterkühlt sind,“ erklärt Christian Mandel von der Rettungsleitstelle in Pinneberg. Und er fügt hinzu: „In solchen Situationen braucht es vor allem Einfühlungsvermögen und Geduld, denn, sonst ist eine Kommunikation mit den Patienten nur schwer möglich. Aber genau wie die Polizei können wir nur eine Erstversorgung sicherstellen. Für eine optimale Langzeitversorgung sind Angehörige, Gesellschaft, Politik und Medizin gefordert“, so Mandel.

Der Umgang mit Patienten erfordert viel Verständnis und Geduld – sowohl von Angehörigen und Betreuern als auch von den Betroffenen selbst. Symptome wie nachlassendes Gedächtnis und zunehmende Orientierungslosigkeit verstärken sich oftmals, wenn Mitmenschen mit Frust und Ungeduld darauf reagieren.  Bei Tätigkeiten des alltäglichen Lebens sind Demenzkranke oft recht langsam. Aus  übertriebener Fürsorge versuchen Mitmenschen dann, mehr Hilfestellung zu leisten als notwendig. Besser ist es aber, dem Patienten nicht alles abzunehmen, sondern ihm Zeit zu geben, die Dinge selber zu erledigen. Das trainiert nicht nur das Gehirn, sondern verhindert auch Bevormundung. Weitere Infos gibt es hier.
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