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Pinneberger Tageblatt

13. Dezember 2017 | 09:09 Uhr

Dem Ernst des Lebens mit Humor begegnen

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Gerta Heykena (74) aus Prisdorf setzt sich für Tierschutz, gegen Atomkraft und gegen das Vergessen von Traditionen ein / Mit fünf Jahren aus Ostpreußen geflüchtet

shz.de von
erstellt am 17.Mai.2014 | 16:00 Uhr

Im Haus der Prisdorferin Gerta Heykena lässt sich sprichwörtlich Geschichte atmen: An der Wand hängen Bilder ihrer Familie – die einst aus Ostpreußen floh – im Wohnzimmer stehen unzählige Bücher mit Geschichten und Gedichten aus vergangener Zeit. Am Esstisch lehnt die Gitarre, mit der sie alte Lieder intoniert – sogenannte Küchenlieder und Moritaten. Die 74-Jährige hat sich vorgenommen, diese Tradition zu pflegen, um sie für die Nachwelt zu erhalten. Seit 14 Jahren tritt sie damit auf. Die Gagen ihrer Auftritte, bisher etwa 20 000 Euro, spendete sie an unterschiedliche Tierschutzprojekte.

Der Gang in die Küche gibt den Blick auf Heykenas 1100 Quadratmeter großen Bauerngarten frei: Gemüsebeete mit Pastinaken oder Gurken, Obstbäume und acht Hühnern mit Namen wie Emmi, Berta oder Sybille. Das Federvieh ist nicht von der Bratpfanne bedroht: „Die werden nie geschlachtet, ich gehe sogar zum Tierarzt zum Einschläfern.“ Die Leidenschaft für Tiere und den Anbau im eigenen Garten hat ihren Ursprung in der Kindheit Heykenas. Bis zum fünften Lebensjahr lebte sie in Königsberg, dem heutigen Kaliningrad. Dann floh sie bei Minus 28 Grad Celsius.

Vor der Flucht in den Wirren des Zweiten Weltkriegs schickte die Mutter Heykenas, ihre Kinder aufs Land nach Bischofsburg (heute: Biskupiec) um sie vor Bombenangriffen zu schützen. Während die Mutter als Rot-Kreuz-Schwester im Lazarett tätig war, wurde sie von deutschen Soldaten gewarnt und zur Flucht animiert. Der Ehemann, Heykenas Vater, Offizier der Wehrmacht, war selbst im Kriegseinsatz. Die Familie allein.


Flucht mit dem letzen Zug aus Königsberg


Die Mutter, Heykena, ihre zwei und zehn Jahre älteren Brüder sowie die Großmutter flohen vor der russischen Armee Ende Januar 1945. „Wir haben in dem letzten Zug Platz bekommen, der Königsberg verlassen hat“, berichtet Heykena. Danach hätten die deutschen Soldaten sich gegen das anrückende russische Militär gestellt.

Für die eigentlich einstündige Fahrt in die Hafenstadt Pillau (heute: Baltijsk) benötigte die Bahn acht Stunden. „Wir wurden von allen Seiten bombardiert, die Scheiben des Zuges waren alle kaputt“, berichtet die 74-Jährige. Jahre später hatte Heykenas Mutter erzählt, dass das kleine Mädchen neben ihr auf der Sitzbank nicht geschlafen hatte – sie war erfroren. Nach einigen Tagen in Pillau kamen die fünf Flüchtlinge auf einem Schiff unter. Auf der Ostsee mussten sie mehrfach über einfache Holzbretter umsteigen. „Meine Mutter hatte mich und meinen jüngeren Bruder umgebunden, um uns rum fielen Menschen ins eiskalte Wasser“, erinnert sich Heykena. Der ältere Bruder trug die Großmutter.

Im März 1945 landeten Heykena und Familie in Warnemünde. Von dort aus ging es mit der Bahn nach Pinneberg. Hunderte Flüchtlinge säumten den Bahnhof. Alle kamen unter. Die fünfköpfige Familie blieb über, ein Prisdorfer Bauer musste sie aufnehmen. „Dort lebten wir in einem unbeheizten Knechtraum mit einem Bett und haben in Schichten geschlafen“, sagt Heykena. Essen gab es nicht, der große Bruder versorgte die Familie so gut es ging. Die heute 74-Jährige erinnert sich an Worte ihrer Großmutter: „Nun sind wir 1000 Kilometer geflüchtet und jetzt verhungern wir.“

Trotz der Widrigkeiten, schaffte es die Familie in Prisdorf zu bestehen. Heykena heiratete 1963 nach einer Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin in England. Ein Haus wurde in Prisdorf gebaut. Zwei Töchter wurden in der Beziehung geboren. Der Mann fuhr zur See. So auch am 1. Dezember 1981. Zwei Tage später hatte Heykena ein Anwaltsschreiben mit Scheidungspapieren im Briefkasten.

Die Prisdorferin stand vor dem Nichts. Doch aufgeben ist nicht ihre Sache. Zimmer wurden untervermietet, später dann das Haus verkauft, eine Wohnung in Pinneberg bezogen. Nach einer Ausbildung zur examinierten Altenpflegerin arbeitete Heykena im Kummerfelder Pflegeheim. Dort fing sie an, sich wieder der Musik zu widmen. „In meinen Pausen habe ich mit den Bewohnern gesungen“, so Heykena. 1991 hatte Heykena so viel Geld gespart, dass sie sich ein eigenes Haus in Prisdorf leisten konnte. Dort lebt sie bis heute, seit 1994 mit einem neuen Lebenspartner an ihrer Seite.

Mit dem Eintritt in den Ruhestand konnte sich Heykena endlich ihrer Leidenschaft Musik widmen. „Früher hatten wir kein Geld und keine Zeit dafür“, so die Prisdorferin. Ihr älterer Bruder hatte ihr jedoch in der Jugend sechs Gitarrengriffe beigebracht, mit denen sie heute noch ihre Auftritte zu bestreitet. Noten lesen kann sie nicht. Zudem steht sie auch mit in einer ostpreußischen Mundartgruppe der Elmshorner Dittchenbühne auf der Bühne. Seit Jahrzehnten engagiert sie sich für Tiere, ist seit 35 Jahren Mitglied im Tierschutzverein Pinneberg oder hat sich auf Anti-Atomkraft-Demonstrationen engagiert.

Das Leben meinte es mit Heykena nicht immer gut, jedoch aufgegeben hat sie nie, ist dem Ernst des Lebens immer mit Humor begegnet. Das erkannte auch schon ihr Prisdorfer Lehrer Ernst Müller. Das dokumentiert ein Poesiealbum-Eintrag vom 11. Februar 1954, mit einer Danksagung für den Einsatz der heute 74-Jährigen: „Die unablässige Arbeit besiegt alles!“

Umtriebig ist Heykena immer noch, doch besonders freut sie sich, wenn die gesamte Familie in Prisdorf zusammen kommt: „Das ist meine größte Glückseligkeit.“ Acht, zehn oder zwölf Personen sitzen dann am Essenstisch und Heykena hat gekocht. Dann kommen wieder Erinnerungen in der 74-Jährigen hoch. Gedanken an die eigene Kindheit. Ihr Leben. Ihre Geschichte.


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