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Interview Teil 1 : Deborah Azzab-Robinson: „Gleichberechtigung ist nicht vom Himmel gefallen“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Zum Internationalen Weltmädchentag am 11. Oktober: Die Gleichstellungsbeauftragte von Pinneberg Deborah Azzab-Robinson im Interview.

shz.de von
erstellt am 09.Okt.2015 | 10:00 Uhr

Pinneberg | Am 11. Oktober ist der vierte Internationale Weltmädchentag. Er macht darauf aufmerksam, dass Mädchen aufgrund ihres Geschlechts benachteiligt werden. Deborah Azzab-Robinson (49), die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Pinneberg, berichtet im Interview von der Situation in Pinneberg und erklärt, warum geschützte Räume für Mädchen notwendig sind.

Am 11. Oktober ist der vierte Internationale Weltmädchentag: Was ist der Weltmädchentag und welche Bedeutung hat er für Sie und Ihre Arbeit?
Deborah-Azzab Robinson: Der Weltmädchentag macht weltweit darauf aufmerksam, dass in vielen Ländern der Welt immer noch Mädchen aufgrund ihres Geschlechts keinen chancengleichen Zugang zu Bildung haben, von gleichen Löhnen für gleichwertige Arbeit ganz zu schweigen. Sie sind sexuellen Übergriffen schutzlos ausgeliefert und werden vom internationalen Menschenhandel, zum Beispiel für Prostitution, besonders brutal ausgebeutet. Hinzu kommt eine der größten Menschenrechtsverletzungen überhaupt, nämlich die der weiblichen Genitalverstümmelung. Ein beeindruckendes Beispiel für den Kampf und die Stärke von Mädchen für ein selbstbestimmtes und gewaltfreies Leben ist die Geschichte der jüngsten Nobelpreisträgerinnen aller Zeiten: die junge Pakistanerin Malala Yousafzaii. Weil sie als Mädchen zur Schule zu gegangen, hat ein Taliban ihr in den Kopf geschossen. Sie hat überlebt und setzt sich jetzt eindrucksvoll für Mädchen- und Frauenrechte ein. Für meine Arbeit hier in Deutschland als auch in Pinneberg stellt der Internationale Mädchentag eine besondere Herausforderung dar: die Staffelübergabe der errungenen Gleichberechtigung an die nächste Generation von Mädchen und jungen Frauen. Daran müssen wir Gleichstellungsbeauftragte mit unseren Kooperationspartnerinnen noch hart arbeiten.

Wie werden Mädchen in Pinneberg benachteiligt?
Da gehe ich kurz einen Schritt zurück: Beide Geschlechter brauchen eine gendergerechte Förderung. Ob Mädchen in Pinneberg benachteiligt sind, kann ich nicht generell sagen. Die Frage ist: Was wird den Mädchen in Pinneberg geboten? Und da es gibt einiges. In einigen Jugendeinrichtungen gibt es Mädchenräume, also geschützte Orte für Projekte und Gespräche. Ein großer Teil der Mädchenförderung ist mittelbar. Zum Beispiel haben „meine“ Netzwerke und Einrichtungen durch enge und vor allen Dingen offene Zusammenarbeit die Belange von Mädchen mit im Blick. Im Geschwister-Scholl-Haus, in dem ausschließlich Männer in der Leitung arbeiten, absolviert eine junge Frau ihr Bundesfreiwilligen Jahr. Das finde ich sehr wichtig. Auch die Schulen sind vielleicht nicht baulich, aber fachlich gut aufgestellt. Und alle diese Institutionen haben – soweit ich mit ihnen gearbeitet habe – Mädchen- und Jungenbelange im Blick. Hinzu kommen Aspekte, die vielleicht zunächst nicht ins Auge stechen: In Pinneberg gibt es ein Schwimmbad, die Verbindung nach Hamburg für Jugendliche und junge Erwachsene und den wunderbaren Fahlt. Für Kinder und Mädchen sind dies Rückzugsorte, die nicht beobachtet und frei von Konzeptionen sind. Das ist vor Ort wichtig.

Jahrzehnte stand die Förderung von Mädchen im Blickpunkt. Bleiben mittlerweile die Jungs auf der Strecke?
Es gab noch nie eine Generation von Frauen mit so erfolgreichen Schul- und Hochschulabschlüssen. Aber immer noch ist es so, dass 25- bis 30-jährige Frauen weniger Karrierechancen haben, sobald die Familienphase eintritt. Das heißt: Die Frauen haben zwar ihren super Abschluss, setzen ihre existenzsichernde berufliche Laufbahn aber nicht fort. Brüche in der Erwerbsbiografie und als Folge Altersarmut betreffen Frauen immer noch in einem viel höheren Ausmaß als Männer. So gibt es aktuell den Gender Pay Gap (Anm. d. Red.: Geschlechtsspezifisches Lohngefälle), der bei etwa 22 Prozent liegt. Insofern kann die Frage nicht dahin beantwortet werden, dass wir mit der Mädchenarbeit fertig sind und nun die Jungs an der Reihe wären. Wichtig ist: Ja, Jungs brauchen auch ihre eigene Unterstützung. Es ist wichtig für sie, neben dem strengen Vater, den meine Generation und vor allem unsere Mütter und Urgroßmütter noch kennengelernt haben, auch eine andere Form der Männlichkeit zu erfahren. Und das beruflich und privat – zum Beispiel als Grundschullehrer, in der Pflege und eben auch als partnerschaftlicher, liebevoller Mann und Vater.

Wie erging es Ihnen selbst als Mädchen und junge Frau: Haben Sie sich benachteiligt gefühlt?
Nicht unbedingt. Das hat aber auch damit zu tun, dass ich eine kleine Schwester habe und ich diejenige war, die vorangegangen ist, Freiheiten erstritten hat. Außerdem sind meine Eltern sehr partnerschaftlich miteinander umgegangen und haben ebenso Konflikte gelöst. Da war ich in einer glücklichen Situation und wurde unterstützt darin, meinen eigenen Weg zugehen.

Mit welcher Intention sind Sie Gleichstellungsbeauftragte geworden?
Ich wusste relativ früh, dass ich mein politisches und gesellschaftliches Engagement verbinden möchte – mit Recht. Ich wollte das „Werkzeug“ studieren, mit dem ich gesellschaftliche Veränderungen bewirken kann. Und ich hatte früh Gefühle wie: ’Das ist ungerecht, das kann ich nicht hinnehmen.’ In der Schulzeit habe ich Ausgrenzungen von Schülern erlebt, die Migrationshintergrund hatten. Meine jugendliche Empörung über fehlende Gleichwertigkeit von Frauen und Männern, Menschen mit oder ohne Migratioshintergrund als auch meine Freude an menschlicher Vielfalt – meine „beste“ Freundin in der Schulzeit war ein indisches Mädchen – habe ich jetzt mit meiner professionellen fachlichen Arbeit umgesetzt.

In Pinneberg arbeiten sie seit Anfang 2014. Gibt es hier besondere Herausforderungen?
Die Aufgaben bleiben gleich. Die Gleichberechtigung ist auf vielen Ebenen noch nicht umgesetzt. Das ist ein wesentlicher Aspekt. Der andere ist: die Wahrung des Standards. Die Gleichberechtigung ist nicht vom Himmel gefallen, sondern mühsam und hart erkämpft worden. Das Erreichte ist nicht garantiert, so dass die Standardsicherung wichtiger Teil der Aufgabe ist. Zum Beispiel ist die Verwaltung, was den Frauenanteil angeht, gut aufgestellt. Und damit das auch so bleibt und institutionell verankert ist, dafür ist die Gleichstellungsbeauftragte wichtig und wird es auch künftig sein. Das Ziel ist natürlich die Gleichberechtigung in allen Bereichen.

Lesen Sie morgen den zweiten Teil des Interviews.
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