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Im Gespräch : „Dass sich etwas tun muss, zeigen die jüngsten Wahlergebnisse“

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Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Heute mit Siegrid Tenor-Alschausky, der Kreis-Vorsitzenden des Sozialverbands.

shz.de von
erstellt am 03.Apr.2016 | 13:00 Uhr

Pinneberg | Siegrid Tenor-Alschausky ist Kreis-Vorsitzende des Sozialverbands. Im Sonntagsgespräch erklärt sie unter anderem, warum Frauen weniger Rente als Männer bekommen und wie das Ungleichgewicht verringert werden kann.

Wieso ist die Arbeit des Sozialverbands so wichtig?
Weil immer mehr Menschen Schwierigkeiten mit den Entscheidungen der Träger der Sozialgesetze haben und Hilfe brauchen, um mit den Behörden zurechtzukommen. Wie groß der Bedarf an einer überparteilichen Unterstützung ist, zeigen die Mitgliederzahlen des Sozialverbands. Im Kreis haben wir momentan 12.744 Mitglieder, in Schleswig Holstein sind es inzwischen etwa 137.000. Die zweite Säule unserer Arbeit sind die Ortsverbände, die ein breites geselliges Angebot sicherstellen.

Sind bei der Verbandsarbeit  in den vergangenen Jahren neue Probleme entstanden?
Ein Problem ist, dass die fehlerhaften Bescheide zunehmen. Bei manchen Institutionen hat man das Gefühl, dass Anträge erst einmal pauschal abgelehnt werden. Viele können sich dagegen nicht wehren und nehmen den Bescheid einfach hin. Häufig reicht schon ein Schreiben des Sozialverbands aus, damit eine Entscheidung revidiert wird. Da ist der Gang vor das Sozialgericht gar nicht mehr erforderlich. Aber auch den scheuen wir nicht, wenn es notwendig ist. Grundsätzlich finde ich bedenklich, dass gerade den Älteren durch manche Regelungen das Leben unnötig erschwert wird. So nehmen zum Beispiel IBAN und BIC vielen Senioren ein Stück Selbstständigkeit, weil sie Überweisungen nicht mehr alleine ausfüllen können.

Ein Thema ist schon jetzt die Altersarmut. Wie wird sich die Situation nach Ihrer Auffassung entwickeln?
Entweder wir laufen in eine Katastrophe oder die Parteien suchen endlich nach Lösungen. Dass sich etwas tun muss, zeigen die jüngsten Wahlergebnisse. Nicht alle, die ihr Kreuz bei der AfD gemacht haben, sind Rassisten. Viele haben einfach nur Angst vor der Zukunft. Die  Parteien müssen aus diesen Ergebnissen lernen. Ansonsten müssen wir uns darauf einstellen, dass sich eine rechtspopulistische Partei dauerhaft etablieren und regelmäßig zweistellige Prozentzahlen bei Wahlen erzielen wird. Ein Problem ist auch, dass die großen Koalitionen von CDU und SPD inzwischen fast der Regelfall sind. Diese sind der wandelnde Kompromiss. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Positionen verwischen. Wenn wir nicht ein Land der großen Koalition auf allen Ebenen werden wollen, muss mehr mit Dreierbündnissen gearbeitet werden. Da darf sich keine demokratische Partei verweigern.

Welche Möglichkeiten gibt es, Altersarmut zumindest einzudämmen?
Wir brauchen einen bundesweiten Fonds, in den die Unternehmen einzahlen. Früher gab es noch häufig Betriebsrenten. Das fällt heute aufgrund ständiger Arbeitsplatzwechsel weg. Diese Lücke könnte man durch den Fonds schließen. Dazu muss jedem klar sein, dass ein Rentenniveau von 42 oder 43 Prozent des letzten Nettoeinkommens nicht ausreicht. Davon kann keiner leben. Wenn man genau weiß, dass viele auf die Grundsicherung angewiesen sind, lässt sich das auch anders organisieren. Viele schämen sich, die Grundsicherung in Anspruch zu nehmen. Es kann nicht sein, dass wir diese Menschen einfach im Stich lassen.

Was reizt Sie an der Arbeit als Vorsitzende des Sozialverbands?
Es war ein riesiger Einschnitt, als meine Arbeit als Landtagsabgeordnete endete. Ich suchte dann nach einer Möglichkeit, mich aktiv einzubringen. Der Sozialverband gibt mir die Chance, mich überparteilich zu engagieren. Dazu kommt, dass ich mich schon in der Politik besonders mit sozialen Themen beschäftigt habe. Diese Aufgabe passt also zu mir und bringt mir riesigen Spaß. Ich kann inhaltlich arbeiten, habe aber auch sehr viel mit anderen Menschen zu tun, da ich zum Beispiel viele Versammlungen der Ortsverbände besuche.

Laut Statistik bekommen Frauen wesentlich weniger Rente als Männer. Was sagen Sie dazu?
Das ist ein Skandal. Frauen, die vor allem auf das Modell mit dem Mann als Ernährer setzen, bekommen nur sehr niedrige Renten. Das Problem wird sich noch verstärken, weil die rechtlichen Grundlagen anders sind, wenn Ehen scheitern. Deshalb kann ich jeder jungen Frau nur abraten, sich auf ein Leben als Hausfrau und Mutter einzurichten. Wir müssen unsere Gesellschaft so organisieren, dass jeder Erwachsene seinen Lebensunterhalt selbst bestreiten kann. Daher werden andere Arbeitszeitmodelle kommen. Beide Partner können zum Beispiel 30 Stunden arbeiten, solange die Kinder klein sind.  Dann funktioniert es später auch mit den Rentenansprüchen. Wir stehen aber erst am Anfang dieser Entwicklung. Falsch finde ich auch, dass die Arbeit am Menschen, zum Beispiel in der Altenpflege und in der Kinderbetreuung, schlechter als typische „Männerberufe“ bezahlt wird. Gerade diese Berufe üben vor allem Frauen aus.

Siegrid Tenor-Alschausky (61) arbeitete als Lehrerin und Altenpflegerin. Die Mutter eines Sohnes wohnt in Elmshorn und gehörte dort für die SPD von 1986 bis 2003 dem Stadtrat an. Von 2000 bis 2012 war sie Landtagsabgeordnete. Während dieser Zeit war sie seniorenpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, Vorsitzende des Sozialausschusses und stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD. Seit dem vergangenen Jahr ist sie  Kreis-Vorsitzende des Sozialverbands.
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