zur Navigation springen
Pinneberger Tageblatt

20. August 2017 | 22:01 Uhr

Das Verschwinden der Kröten

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Pinneberg-Nord: Anwohner befürchtet, dass Westumgehung-Rodung den Bestand der Tiere drastisch reduziert hat

Wo sind die vielen Kröten geblieben? Wo sind sie nur hin? In Pinneberg-Nord stellen sich derzeit viele Anwohner diese Fragen. „Jedes Jahr im Juli hatten wir hier eine Baby-Erdkröten-Invasion. Tausende kleine Erdkröten hüpften ein bis zwei Wochen lang durch die Gärten der Anwohner. Wir mussten aufpassen beim Rasenmähen, dass wir die Tiere nicht verletzten“, sagt Jörg Reinecke. Nicht so in diesem Jahr.

Seit 13 Jahren wohne er in der Helgolandstraße in Pinneberg-Nord. Er hat einen schlimmen Verdacht: „In diesem Frühjahr fanden hier in unmittelbarer Nähe massive Rodungsarbeiten für den Bau der Pinneberger Westumgehung statt. Hunderte Bäume wurden gefällt und kleine Wäldchen dem Boden gleichgemacht.“ Der Lebensraum von Erdkröten und vielen anderen Tieren sei vernichtet worden.

Wie berichtet, fanden an den Fischteichen im Frühjahr umfangreiche Vorbereitungsarbeiten für den Bau der Westumgehung statt. Anhänger der Umgehungsstraße erhoffen sich eine Entlastung des Verkehrs in der Innenstadt sowie die Erschließung neuer Gewerbegebiete, was zu einer Erhöhung der Steuereinnahmen führen soll. Ein erstes, 1,6 Kilometer langes Teilstück war vor zehn Jahren fertiggestellt worden. Bis 2018 sollen weitere 2,8 Kilometer gebaut werden.

„Das ist keine Laune der Natur“, sagt Reinecke. Es handele sich um einen massiven Eingriff in die Natur. „Was die Erdkröten betrifft, wurde wohl ganze Arbeit geleistet. 99 Prozent weniger Nachwuchs. Aber wie sang Hans Scheibner doch schon vor 40 Jahren so treffend: Das macht doch nichts, das merkt doch keiner“, sagt er. Jörg Reinecke und seine Frau Kristiane haben es aber gemerkt. Ebenso viele ihrer Nachbarn in dem heimeligen Wohngebiet, wo viele Familien mit Kindern wohnen.

Kristiane Reinecke befürchtet, dass auch noch anderen Tierarten der Lebensraum genommen wurde. Fledermäuse habe es einmal in dieser Gegend gegeben. Grashüpfer und Grillen. Nachts habe man einen Uhu schreien und eine Nachtigall singen hören. „Auch habe ich einmal beobachten können, wie ein Falke sich einen Vogel von einem Schuppendach geschnappt hat“, berichtet sie. Vom Grundstück der Familie Reinecke sind es bis zu den Fischteichen etwa 1000 bis 1500 Meter. Die Trasse der Westumgehung verläuft nur zirka 50 Meter an dem Grundstück vorbei.

„Der Krötenbestand in Pinneberg-Nord ist um 40 Prozent zurückgegangen. Das können wir uns nicht erklären“, sagt auch Uwe Langrock, Vorsitzender des Nabu Pinneberg, auf Anfrage.

„Wir haben keine Insel der Glückseligkeit. Die Straße ist ein massiver Eingriff in die Natur“, sagt Jörg Reinecke. Die Familie Reinecke gehört zu denjenigen, die gegen die Westumgehung geklagt haben. „Es ging bis zur letzten Instanz“, sagt er. Doch sie haben den Prozess und den Kampf gegen die Umgehungsstraße verloren. Das Oberverwaltungsgericht wies die Klage ab.

Reinecke ist lokalpolitisch interessiert, besucht die Ratsversammlungen und redet Klartext: „Das Problem der etablierten Politik ist es, die Leute zu instrumentalisieren – und zwar in Richtung Pro-Westumgehung.“ Während seine Frau am liebsten gleich die Koffer packen möchte, sieht Reinecke das Ganze eher gelassen: „Wir werden nicht viel von dem Lärm hören. Dort kommt eine Lärmschutzwand hin. Der Schall läuft nach oben weg“, sagt er.


Karte
zur Startseite

von
erstellt am 07.Aug.2015 | 16:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen