Keine Mitarbeiter, keine Gäste : Das Sterben der Landgasthöfe im Kreis Pinneberg

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Die Gaststätte Zum Tannenbaum am Sandweg in Klein Nordende war über Jahrzehnte die Anlaufstelle für Besucher und bekannt für saisonale Gerichte und Livekonzerte. Im April gingen die Lichter aus.
Die Gaststätte Zum Tannenbaum am Sandweg in Klein Nordende war über Jahrzehnte die Anlaufstelle für Besucher und bekannt für saisonale Gerichte und Livekonzerte. Im April gingen die Lichter aus.

Früher waren Dorfkneipen gesellschaftlicher Mittelpunkt, heute sind sie oft nur eine Randnotiz. Es gibt mehrere Gründe.

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08. Juli 2019, 10:00 Uhr

Kreis Pinneberg | Das Sterben der Dorfkneipen und Landgasthöfe geht landesweit weiter, hat sich im Kreis Pinneberg allerdings verlangsamt. Der Kreis Pinneberger Vorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga), Jürgen Schumann, sieht trotzdem keine Zeichen der Entspannung. Seine Prognose: Der fehlende Nachwuchs, Fachkräftemangel und das veränderte Freizeitverhalten der Gäste setzt den Betrieben unvermindert zu.

Es ist ein langsames, leises Sterben

Wenn die Säle in den Landgasthöfen über Jahre verwaisen, das einst rege Treiben am und rund um den Tresen der Stille weicht, die nur noch einige unverdrossene Stammgäste durchbrechen, trifft diese Veränderung nicht allein den Gastronomen, sondern das ganze Dorf. Der gesellschaftliche Mittelpunkt, in dem die Bewohner zusammenkamen, um persönliche Siege zu feiern und sich bei Niederlagen gegenseitig zu stützen, um gemeinsam auf ein Hochzeitspaar und den runden Geburtstag anzustoßen oder zusammen zu trauern, verliert Bedeutung und Glanz.

Der Dehoga schätzt, dass von den vor zehn Jahren noch bestehenden rund 1000 Betrieben heute nur noch gut 400 geöffnet haben. Im Kreis Pinneberg traf es zuletzt die Klein Nordender Gaststätte Zum Tannenbaum. Im April wurde das Gewerbe abgemeldet und der Restaurantbetrieb eingestellt. Riesige Investitionen, harte Arbeit, wenig Umsatz, für Wirt Heino Slowik lohnte sich das Engagement einfach nicht mehr.

Das ist eine Entwicklung, die sich kaum noch aufhalten lässt. Jürgen Schumann, Dehoga
 

Und so rechnet er mit weiteren Schließungen in den nächsten Jahren. Und wenn es dann tatsächlich einmal gelinge, zumindest die Räumlichkeiten weiter zu nutzen, seien es häufig Caterer, die den Platz bräuchten, allerdings die Tradition der Landgasthöfe nicht fortführen.

Gegessen wird zuhause, gesprochen im Netz

Während Schumann vor allem den Fachkräftemangel und die ungeklärte Nachfolgeregelung für die Entwicklung verantwortlich mache, sieht der Geschäftsführer des Dehoga-Landesverbandes, Stefan Scholtis, eine weitere Ursache in dem neuen Freizeitverhalten der Gäste. Sie kämen heute zumeist nur noch auf einen Kaffee oder ein Bier, würden sich das Essen von Anbietern im Netz nach Hause liefern lassen und seien in der Zeit der sozialen Medien auf das Gespräch im Krug nicht mehr angewiesen.

Auf Anraten des Fachverbands steuern viele Gastronomen gegen, setzen neue Konzepte um und bedienen dabei auch die Gäste, die die traditionellen Gerichte lieben: Schwarzsauer, Mehbüddel, Graupensuppe und Grünkohl.

„Wir bieten Schulungen für die Inhaber der Landgasthöfe an, und das Interesse ist nicht so gering. Das zeigt, dass die Betreiber nicht so einfach aufgeben wollen“, so Schumann. Nach Scholtis’ Ansicht hat die Toleranz Grenzen. Wenn sich die Probleme häuften, zur ungeklärten Nachfolgefrage auch noch hohe Investitionen kämen, seien viele Inhaber schnell bereit aufzuhören.

So war es auch bei Tannenbaum-Wirt Slowik. Er wolle lieber seine Rente genießen, sagte er im April im Gespräch mit shz.de.

Weiterlesen: „Zum Tannenbaum” in Klein Nordende gibt auf

In dieser Situation hilft auch die Treue der Vereine nichts, die die Landgasthöfe unverändert als Sitzungsorte und Treffpunkte für Proben nutzen. Die Zahl der Gasthöfe sinkt auch deutschlandweit. Waren es 2011 laut Statistischem Bundesamt noch 16.556, sind es aktuell – sieben Jahre später– knapp 3900 weniger.

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