Reportage am Sonntag : Das rollende Museum aus Wedel

Traditionell wurden Briefe mit Tinte und Feder geschrieben.
Traditionell wurden Briefe mit Tinte und Feder geschrieben.

Ulrike Mayer-Küster, Ulrike Winter und Ursula Körosi betreiben seit 2012 einen Museumsservice in Wedel. Spaß und Unterhaltung für Kinder jedes Alters.

shz.de von
25. Januar 2015, 15:15 Uhr

Wedel | Die öffentlichen Gelder für kulturelle Einrichtungen und Museen werden aufgrund leerer Kassen immer wieder gekürzt. Viele Angebote können Museen nicht mehr leisten – wie die Museumspädagogik, um Kinder und Jugendliche anzusprechen. Ulrike Mayer-Küster, Ulrike Winter und Ursula Körosi haben 2012 aus der Not eine Tugend gemacht. „Vor allem kleine Museen wie das Stadtmuseum Wedel oder viele andere Einrichtungen können sich keine festangestellten Museumspädagogen leisten“, sagt Mayer-Küster, die Kunstgeschichte, Anthropologie sowie Vor- und Frühgeschichte studiert hat. Die Idee für den „Museumsservice Kalliope“ wurde geboren. „Wir bringen das Wissen dahin, wo es gebraucht wird“, beschreibt Ulrike Winter, Studium der Volkskunde und Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, die Tätigkeit des mobilen Angebotes.

Kennengelernt haben sich die Museumspädagoginnen im Freilichtmuseum am Kiekeberg. „Alles selbst ausprobieren steht als Credo über allem, was wir tun“, sagt Mayer-Küster. Mittlerweile werden drei Hauptbereiche angeboten: der „Sinnesparcours“, das „Museum in der Box“ und die „Klüterkammer“.

Beim Sinnesparcours durchlaufen die Kinder ab vier Jahren sechs verschiedene Stationen. Dabei werden verschiedene Fragen beantwortet: Wo kommt unser Essen her? Woraus bestehen unsere Lebensmittel und wie werden sie hergestellt? „Wir wollen uns mit Spaß mit Lebensmitteln auseinandersetzen“, erläutert Winter. Es wird gefühlt, gerochen, gekocht und probiert. „Wir wollen bei einigen Lebensmitteln vermitteln, wie aus dem Rohstoff entsteht, was die Kinder kennen. Besonders in Erinnerung ist den beiden Museumspädagoginnen ein kleiner Junge, der die Verarbeitung einer Kartoffel zu Pommes verfolgte und am Ende kommentierte: „Die sehen aus wie echt.“

Der Blick in das „Museum in der Box“ sorgt bei vielen Kindern für Erstaunen. Kaffeemühle, Henkelmann, Teppichklopfer oder Zuckerbrecher kennt heute kaum noch jemand – und auch viele Erwachsene verzweifeln beim Benennen der 30 historischen Gegenstände in der Kiste. „Wir wollen den Kindern damit auch die technische Entwicklung im Alltag aufzeigen“, so Winter.

Ulrike Mayer-Küster (l.) und Ulrike Winter testen das selbstgebaute Morsegerät. (Foto: Fröhlig)
Ulrike Mayer-Küster (l.) und Ulrike Winter testen das selbstgebaute Morsegerät. (Foto: Fröhlig)
 

So können die Kinder mit einem Holzquirl, einem Schneebesen, Handrührgerät oder einem modernen Elektromixer Sahne schlagen. Dabei lernen sie selbst die Vor- und Nachteile der verschiedenen Geräte kennen. „Vielen ist nicht klar, dass es die Technologien früher schon gab und diese ohne Strom arbeiteten“, erläutert Winter. Die Museumskisten können von Schulen oder Kindergärten ausgeliehen werden. Neben den verschiedenen Haushaltsgeräten finden sich kulturhistorische Erklärungen, Unterrichtsaufgaben und Memoryspiele mit den Bildern der Gerätschaften in der Kiste. „Damit wollen wir auch die Lehrkräfte unterstützen, um die Themenkisten in den Unterricht einzubauen“, so Mayer-Küster. Aktuell plant sie eine „Kommunikationskiste“ zusammenzustellen – vom Morsegerät über Lochkartendrucker bis zu modernen Kommunikationsmitteln wie Smartphones und Tablets. „Das ist ein sehr spannendes Thema“, freut sich Mayer-Küster. Ein Telefon mit Kabel und Wählscheibe? Für viele Kinder heute unvorstellbar. Gekauft werden die historischen Stücke zumeist im Internet. Hin und wieder auch auf Flohmärkten. „Wenn man gezielt etwas sucht, hilft das Internet deutlich schneller weiter. Auf Flohmärkten sind es eher Zufallstreffer“, so Meyer-Küster.

Die „Klüterkammer“ ist das dritte Angebot des Museumsservice. Unter den Oberbegriffen „Handwerk“, „Kochen“, „Kreativ“ oder „Technik“ verbergen sich Mitmachseminare für Kinder – vom Nähen von Steckenpferden über Buchdruck bis hin zum Bau eines Solarofens. „Wir richten uns beim Schwierigkeitsgrad nach dem Alter und den Fähigkeiten der Kinder“, erläutert Winter. Dabei sei oft Flexibilität gefragt. Denn viele Eltern würden die Fähigkeiten von Kindern falsch einschätzen – sowohl über- als auch unterschätzen. „Wenn wir beispielsweise für einen Geburtstag gebucht werden, sind dann oft jüngere Geschwisterkinder dabei, die vielleicht noch nicht die Fähigkeiten haben wie das Geburtstagskind“, so Winter. Dann werde der Schwierigkeitsgrad angepasst – so es spontan möglich ist. In einem sind sich die Museumspädagoginnen einig: „Wenn Eltern dabei sind, sind viele Kinder oft unselbstständig.“ Dann müssten Mama oder Papa auch bei einfachen Dingen helfen.

Die historische Brotschneidemaschine schneidet viel komfortabler als viele moderne Geräte. (Foto: Fröhlig)
Die historische Brotschneidemaschine schneidet viel komfortabler als viele moderne Geräte. (Foto: Fröhlig)
 

Die Klüterkammern kommen zudem auch in öffentlichen Einrichtungen zum Einsatz. Für die Pinneberger Drostei wurde ein eigenes Barockangebot mit zeitgemäßen Lebensmitteln, Federkielschreiben und entsprechenden Kostümen entwickelt. Das Angebot soll dieses Jahr eine feste Einrichtung für Schulklassen werden, um die Barockzeit kennenzulernen. Jeden ersten Sonnabend  im Monat ist der Museumsservice in Wedel im Möller-Technicon zu finden. „Auto gegen den Wind“, heißt es dort am 7. Februar. „Wir bauen dann mit den Kindern Gefährte, die gegen den Wind fahren“, so Mayer-Küster. Doch nicht nur im Kreis Pinneberg sind die Museumspädagoginnen unterwegs.

 Schleswig-Holstein, Niedersachen und Hamburg gehören zum Einsatzgebiet, wo sie rund 200 Tage im Jahr im Einsatz sind. „Wir würden aber natürlich gerne mehr im Kreis Pinneberg machen“, so Winter. Strom, Wasser und Tische seien alles, was notwendig ist – für den Sinnesparcours nicht einmal Tische. „Den Rest bringen wir mit“, versprechen die Museumspädagoginnen.

Kalliope (lateinisch Calliope) gilt in der Mythologie als eine der neun Töchter des Göttervaters Zeus und der Mnemosyne. Sie gilt als älteste und weiseste der neun klassischen Musen und ist die Muse der epischen Dichtung, der Wissenschaft, der Philosophie und des Saitenspiels sowie die Muse des Epos und des Klagegedichts. Mit Apollo hat sie die Söhne Orpheus und Linos. In Darstellungen wird sie zumeist mit einer Steintafel gezeigt.
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