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Coming Out Day : „Das passte nicht in mein Weltbild“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Anlässlich des Aktionstages spricht Dirk Johannßen darüber, wie er sich zu seiner Homosexualität bekennt.

shz.de von
erstellt am 10.Okt.2013 | 16:00 Uhr

„Eigentlich ist mir schon mit 13, 14 aufgefallen, dass ich mehr Interesse für Jungs als für Mädchen hatte. Aber das passte nicht in mein Weltbild und nicht zu den Werten, die ich vermittelt bekommen habe“, sagt Dirk Johannßen. Dass er schwul sein könnte, kam ihm zunächst nicht in den Sinn. „Ich fand Frauen gut aussehend. Woher sollte ich wissen, dass das, was ich wahrnehme, anders ist als das, was andere fühlen?“, fragt er.

Im Alter von 17 Jahren verbringt der junge Mann ein Austauschjahr in den USA. Ein Jahr, in dem er schnell selbstständig und erwachsen wird. Und gleichzeitig die Erkenntnis erlangt: „Ich bin schwul.“ Trotzdem kann er, nachdem er wieder in Deutschland ist, noch nicht offen darüber sprechen.

Der heute 23-Jährige stammt aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Horst. Seine Eltern sind in der Landwirtschaft tätig. „Ich hatte Angst, dass hier meine Sexualität ein Problem wird“, so der Student. Zwei Jahre lang probiert er, seine Neigung zu verstecken. Eine Situation, die ihn psychisch anstrengt.

„Irgendwann hält man das Versteckspiel nicht mehr aus, jeder Gedanke dreht sich darum“, so Johannßen. Mit 19 beschließt er, offen mit seiner Sexualität umzugehen und sich zu outen. „Entweder stehst du dazu und bist brutal offen oder du gehst daran kaputt, habe ich damals gedacht.“ Als erstes erzählt Johannßen seiner Schwester, dass er Männer anziehender als Frauen findet. Die lacht nur und behandelt ihren Bruder wie zuvor. Diese Unbefangenheit mit dem Thema motiviert den jungen Mann auch Freunde einzuweihen. „Und auch die reagierten gut. Einige hatten bereits etwas geahnt.“ Vor dem Outing gegenüber seinen Eltern hat Johannßen Respekt. „Mit seiner Familie hat man eigentlich ein Leben lang zu tun, daher möchte man möglichst eine gute Beziehung zu ihr haben. Zum Glück war meine Angst unbegründet und auch allgemein waren die Reaktionen bei uns im Dorf deutlich besser als ich erwartet hätte“, sagt der 23-Jährige.

Der einzige Wehrmutstropfen: „Meinen Großeltern hätte ich es vielleicht nicht erzählen sollen. Die stammen nun mal aus einer Generation, in der Homosexualität nicht ausgelebt wurde. Für sie ist es eine Mode-Erscheinung.“

Jugendlichen in einer ähnlichen Situation empfiehlt er, so früh wie möglich über ihre Homosexualität zu sprechen. „Ich habe so lange gewartet, weil ich zur Not auch schon auf eigenen Füßen stehen können wollte“, sagt Johannßen. Dadurch habe er viel Zeit verschenkt und fragt sich im Nachhinein: „Warum habe ich jahrelang mit einem Stein auf dem Herzen gelebt?“

Gemeinsam mit anderen homosexuellen Jugendlichen gründet Johannßen 2011 das Netzwerk Indigo. Denn im Kreis Pinneberg gibt es bis dahin keine Angebote, bei denen sich homosexuelle Jugendliche austauschen können. Was zunächst als eine Art Rückzugsort und Selbsthilfegruppe gedacht ist, entwickelt sich mit der Zeit zu einem Jugendtreff. Regelmäßig treffen die Jugendlichen im Jugendtreff Apollo, um gemeinsam Kicker zu spielen und zu reden.

Mit der Schließung des Apollos im Herbst 2012 wird auch die Tätigkeit der Indigo-Gruppe auf Eis gelegt. Johannßen möchte diese nach seinem Studium gern erneut beleben. „Das langfristige Ziel ist jedoch, dass wir die Gruppe auflösen, weil Homosexualität zur Gesellschaft gehört“, so die Ambition von Johannßen.

Das Netzwerk Indigo ist trotz Pause noch für Jugendliche mit Fragen, Sorgen und Nöten über die Facebook-Seite erreichbar.

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