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Die Reportage : „Das letzte Zuhause für unsere Gäste“

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Im Johannis Hospiz Elmshorn werden die Menschen in den Tod begleitet. Es gibt eine lange Warteliste. Die Einrichtung ist nicht nur ein Ort der Trauer.

Elmshorn | Eine große, gemütliche Küche, ein geräumiger Wintergarten, fast alle Türen sind geöffnet, die Wände in hellen Farben gestrichen, vor dem Gebäude eine Terrasse, Bäume und ein Teich, auf dem Enten schwimmen – das Johannis Hospiz an der Agnes-Karll-Allee in Elmshorn wirkt wie eine Idylle im Grünen. Und ist ein Ort, um Abschied zu nehmen. Hier werden die betreut, die schwerkrank sind und keine Chance mehr haben, geheilt zu werden.

„Wir wollen ihnen das Sterben so leicht wie möglich machen“, sagt Janet Dahlmann, Leiterin des Hospizes. Das Gebäude in der Nachbarschaft des Regio-Klinikums steht erst seit 2012. Die Hospizarbeit in Elmshorn hat zwar bereits 2004 begonnen, erfolgte aber anfangs an der Hamburger Straße und ab 2007 direkt im Krankenhaus. Optimale Voraussetzungen wurden laut Dahlmann durch den Neubau geschaffen. Das  Gebäude ist etwa 750 Quadratmeter groß und wurde von den Regio-Kliniken, den Johannitern sowie den Fördervereinen Hospiz Pinneberg und Lebenszeit Elmshorn finanziert. 

„Wir haben Raum für zwölf Gäste“, sagt die Leiterin. Nicht alle bekommen einen Platz. Es gibt eine lange Warteliste. 23 Tage verbrachten die Bewohner im vergangenen Jahr durchschnittlich vor ihrem Tod in der Einrichtung. Die meisten sind zwischen 50 und 80 Jahre alt. Jeder hat ein Einzelzimmer. Dahlmann und ihr Team sprechen nie von „Patienten“, sondern nur von „Gästen“. „Wir sind kein dunkles Sterbehaus, sondern ein fröhliches, offenes Haus“, betont die Leiterin. Sie hat sich ganz bewusst für die Hospizarbeit entschieden, weil sie sich mehr Zeit für die Menschen nehmen will. Das sei im stressigen Klinik-Alltag nicht immer möglich gewesen, erklärt die frühere Krankenschwester.

Eine Rundum-Versorgung ist garantiert. Köche, Pfleger, Krankenschwestern, sozialer Dienst, Empfangspersonal und dazu die Leitung – es herrscht ein 24-Stunden-Betrieb. Die Wünsche der Bewohner werden von den 22 Mitarbeitern, dazu kommen 22 ehrenamtliche Helfer, so gut wie möglich erfüllt. Shoppen, spazieren, Ausflüge – alles ist den Gästen erlaubt. Nur Hektik ist tabu.

Das Johannis Hospiz befindet sich an der Agnes-Karll-Allee in Elmshorn.
Das Johannis Hospiz befindet sich an der Agnes-Karll-Allee in Elmshorn.
 

„Jeder kann den Tag so gestalten, wie er möchte“, sagt Dahlmann. Ausschlafen, früh aufstehen – das hält jeder so, wie er es mag. Man kann sich ins Wohnzimmer zurückziehen oder mit anderen plaudern. Ein Beispiel für die behagliche Atmosphäre ist die Küche mit dem langen Esstisch. Sie ist eines der Herzstücke des Hospizes. Hier kommen Gäste, Angehörige, Besucher, ehrenamtliche Helfer und Angestellte zusammen, um zu essen, zu reden, zu lachen und auch mal zu weinen. Auf den Tisch kommt keine karge Krankenhaus-Kost. Stattdessen gibt es leckere Menüs und kleine Köstlichkeiten wie selbst gebackenen Kuchen.

„Wir wollen den Gästen die Angst vor dem Tod nehmen“, so Dahlmann. Das Schwerste sei für sie der Einzug. Dadurch müssten sie die Hoffnung auf eine Heilung aufgeben und den baldigen Tod akzeptieren. Das falle niemandem leicht. Um darauf vorzubereiten, sei es ihr wichtig, authentisch zu sein. Floskeln wie „Alles wird gut“ sollten möglichst vermieden werden und wirkten schnell taktlos, so die Leiterin.

Janet Dahlmann leitet das Johannis Hospiz in Elmshorn, das 2012 eröffnet wurde.
Janet Dahlmann leitet das Johannis Hospiz in Elmshorn, das 2012 eröffnet wurde.
 

Die Arbeit sei ganz anders als in einer Klinik, berichtet Dorthe Mühlich, eine der Krankenschwestern im Hospiz. Im Krankenhaus gehe es um die Behandlung vieler Patienten, fast ein Stück Fließbandarbeit. Im Hospiz ist dagegen wichtig, sich für jeden einzelnen Bewohner viel Zeit zu nehmen. Massagen, Medikamente verabreichen, Kontakt zu Hausärzten und Palliativmedizinern halten – das Personal hat viel zu tun. Es gibt Früh-, Spät- und Nachtschichten, jeder Gast soll einen festen Ansprechpartner haben. Mühlich braucht aber nicht nur medizinisches Fachwissen. Sie führt viele intensive Gespräche mit den Bewohnern und muss auch verkraften, wenn die mal vor Schmerzen schreien. 

Mühlich und Dahlmann schaffen es, den täglichen Umgang mit dem Tod auszuhalten. „Das ist unsere Arbeit, die wir professionell erledigen“, sagen sie übereinstimmend. Eine gewisse Distanz sei aber zwingend notwendig, berichtet die Leiterin. Für die Arbeit im Hospiz ist aus ihrer Sicht Berufs- und Lebenserfahrung unerlässlich. Der Job sei für sie nicht in Frage gekommen, als sie noch kleine Kinder gehabt habe, erzählt  Mühlich. Trotz aller Professionalität sei die Arbeit schließlich kein Job, bei dem man die Tür hinter sich schließe und sofort alles hinter sich lasse. „Manchmal ist es sehr emotional.“ Deshalb ist es für sie so wichtig, dass sie sich auf das gesamte Team verlassen kann. „Wir passen aufeinander auf.“ Wenn jemand mal weinen muss, nimmt ihn ein Kollege in den Arm. Zudem ist es kein Problem, sich einfach mal ein paar Minuten zurückzuziehen, um sich zu sammeln.

Der Umgang mit dem Tod mag für die Mitarbeiter zwar Routine sein, ist aber auch immer wieder eine Ausnahmesituation. Um alles zu verarbeiten, können sie im „Raum der Stille“ ihre Sorgen, Ängste und Gedanken in einem Buch niederschreiben. Zudem wird nach dem Tod eines Gastes für diesen im Eingangsbereich eine Kerze angezündet. Im Alltag verhilft die Arbeit manchmal sogar zu mehr Gelassenheit.  Wer täglich mit dem Sterben konfrontiert werde, rege sich nicht mehr über lange Schlangen an der Kasse auf, sagt Dahlmann.

Im „Raum der Stille“ schreibt Krankenschwester Dorthe Mühlich nach dem Tod eines Gastes in einem Buch ihre Gedanken nieder.
Im „Raum der Stille“ schreibt Krankenschwester Dorthe Mühlich nach dem Tod eines Gastes in einem Buch ihre Gedanken nieder.
 

Auch die Angehörigen beziehen sie und ihr Team mit ein. So haben diese sogar die Möglichkeit, in der Einrichtung zu übernachten und können ihre Gefühle in einem Buch im Eingangsbereich niederschreiben. Dazu führen die Mitarbeiter viele Gespräche mit Verwandten und Freunden und laden sie zu Trauerandachten in das Hospiz ein. „Viele besuchen uns sogar nach dem Tod ihrer Verwandten“, berichtet Mühlich. Manchmal falle es den Angehörigen schwerer, Abschied zu nehmen, als den Betroffenen selbst, berichtet sie. So sei Appetitlosigkeit häufig ein Zeichen, dass es zu Ende gehe. Die Angehörigen könnten aber nur schwer akzeptieren, dass jemand nichts mehr essen könne oder wolle.

Diese Reaktionen zeigen, dass der Tod zwar Teil des Lebens ist. Aber einer, über den keiner gern spricht, weiß Dahlmann. Diese Angst wollen die Hospizmitarbeiter nehmen. Deshalb werden im großen „Raum der Stille“ nicht nur Andachten abgehalten, sondern ebenso öffentliche Klavierabende oder Bilderausstellungen veranstaltet. Wer keine Angehörigen im Hospiz hat, ist ebenfalls willkommen. Die Einrichtung soll schließlich nicht nur ein Ort der Trauer, sondern auch des Lebens sein. „Das Hospiz ist für unsere Gäste das letzte Zuhause“, erklärt Dahlmann. Sie und ihr Team tun alles dafür, dass es ein Zuhause ist, in dem sich die Betroffenen wohl fühlen.

Für seine Arbeit ist das Johannis Hospiz Elmshorn auf Spenden angewiesen. Das Spendenkonto: Johannis Hospiz, IBAN: DE36 2305 1030 0015 1390 09; BIC: NOLADE21SHO.
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erstellt am 25.Okt.2015 | 11:00 Uhr

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