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Pinneberger Tageblatt

19. August 2017 | 00:53 Uhr

Des Pudels Kern : Das Leben der Anderen

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Wir müssen draußen bleiben: Mit Hund ist man plötzlich außen vor - und Kolumnist Christian Brameshuber steht vor verschlossenen Türen.

Schwimmbad, Freizeitpark, Bäckerei, Schule, Spielplatz – und plötzlich bist du draußen: Als Neu-Hundebesitzer entdecke ich einen nie für möglich gehaltenen Schilder-Verbotswald. Ich fühle mich diskriminiert. Wo mein Pudel nicht hin darf, kann auch ich nicht hin. Will ich auch gar nicht. Da bin ich ganz solidarisch mit dem Tier.

In Büsum liegt der Hundestrand ganz am Ende der Bucht. Dahinter kommt nur noch Schafweide. Die Vierbeiner flitzen vergnügt durchs Watt, die Zweibeiner suchen vergeblich einen Kiosk. Brauchen Hundebesitzer keinen Kaffee, kein Fischbrötchen, kein Eis? Mein Bruder ist mit seinen Kindern dabei – zum letzten Mal, wie mir sein Blick zweifelsfrei verrät. Neidisch gucken wir zum Hauptstrand hinüber, zum Leben der Anderen.

Ich bin jetzt ein Teil der Hunde-Community – und mache eine ganz neue Erfahrung. Wildfremde Menschen bleiben abrupt stehen, wenn sie mich und Unja sehen – auch, junge, hübsche Frauen. Letzteres ist mir früher nie passiert. „Ist der süß“, flötet die Blondine. Sie meint den Pudel an meiner Leine. Friendscout, Paarship, Elitepartner: Schüchterne Kontakt-Sucher und aufreißerische Liebes-Versprecher brauchen kein Internet – sie brauchen einen Pudel.

Ich überlege, ob ich Unja stundenweise vermieten kann. Der Hund verursacht ja auch Kosten. Doch ich zögere. Stoße ich damit in Grenzbereiche der Pudel- Prostitution vor? Ist das überhaupt legal? Und was sagt das Finanzamt? Ich werde meinen Bruder, den Rechtsanwalt, anrufen. Später, der ist noch sauer wegen Büsum.

In der Hundeschule tobt wöchentlich ein unerbittlicher Kampf – zwischen den Zweibeinern. Der Ehrgeizige zeigt grinsend beide Zahnreihen, wenn sein Jack Russel zum dritten Mal hintereinander wie an der Schnur gezogen auf Kommando kommt. Die Verzweifelte schaut verschämt zu Boden, weil ihr Shih Tzu selbst einfachste Befehle stoisch ignoriert. Und die Empfindliche schnappt sich plötzlich ihren Hund und bricht das Training entrüstet ab, weil ihre französische Bulldogge vom Trainer nicht genug gelobt wird. Menschen sind schon komisch, wenn sie Hunde haben.

Und Schülerin Unja? Unser Wunder-Pudel ist manchmal ganz schön wunderlich, aber immer wunderbar. Falscher Ehrgeiz. Unnötige Verzweiflung. Übertriebene Empfindlichkeit: Die Mensch-Hundewelt ist ganz schön kompliziert. Dabei ist alles so einfach: Es ist doch nur ein Hund.

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erstellt am 06.Okt.2013 | 17:32 Uhr

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