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Pinneberger Tageblatt

24. Oktober 2017 | 06:46 Uhr

Das große Videotheken-Sterben

vom

shz.de von
erstellt am 22.Mai.2013 | 01:14 Uhr

Kreis Pinneberg | "Räumungsverkauf". Der Pinneberger "Videopalast" an der Ecke Prisdorfer und Elmshorner Straße schließt. Hinter den lange nicht mehr geputzten Scheiben sind kleine, quietschgelbe Plakate zu sehen. Brad Pitt gibts derzeit im Sonderangebot: fünf Euro Kaufpreis für den Thriller "Killing Them Softly". Der Filmtitel scheint sich derzeit auf die gesamte Branche zu beziehen - es ist das große Videothekensterben in Gang. Gab es in Schleswig-Holstein 2008 noch 127 Ausleihstellen für DVDs, sind es heute noch 99, wie der "Interessenverband des Video- und Medienfachhandels in Deutschland e.V." (IVD) jetzt gezählt hat. Bundesweit kann bereits von einem Massensterben gesprochen werden - im gleichen Zeitraum schrumpfte der Videothekenbestand von einst 3508 auf derzeit 2208. Das macht 37 Prozent Verlust in vier Jahren.

IVD-Geschäftsführer Jörg Weinrich glaubt allerdings nicht, dass der Grund für die traurige "Marktbereinigung" Video on Demand (VoD) heißt, also die Möglichkeit, via Internet, per Anruf oder postalisch Filme zu bestellen und abzuspielen. Weinrich: "Nach unseren Recherchen und laut der Marktbeobachtung beispielsweise durch die Gesellschaft für Konsumforschung wanderten in den vergangenen Jahren lediglich vier Prozent der verlorenen Kundschaft in Richtung Video on Demand, doch 60 Prozent bedienen sich illegaler und damit kostenloser Downloads im worldwide web."

Er kenne schließlich niemanden, der liebgewonnene Gewohnheiten wie den gemütlichen Gang in die Verleihstelle, wo man schließlich auch eine kompetente Beratung bekomme, einfach so aufgibt. "Es sei denn, ich habe dafür einen triftigen finanziellen Grund", so Weinrich.

So sieht die Situation weitestgehend auch Christoph Bartels, Mitinhaber des Schenefelder Unternehmens "World of Video": "Bei uns laufen die Geschäfte genauso schlecht wie bei allen anderen. Etwa fünf Jahre gebe ich uns noch, dann müssen wir uns etwas Neues einfallen lassen." Im Gegensatz zu Verbandschef Weinrich würden allerdings die Raubkopien nach seiner Ansicht keine große Rolle spielen: "Die Qualität ist unglaublich schlecht. Wer sich bei uns eine Blu-ray ausleiht, wird sich damit nicht zufrieden geben." Der Online-Vertrieb würde da ganz andere Lücken reißen. Zum Glück habe "World of Video" immer noch viele Stammkunden, die den Umsatz einigermaßen stabil hielten.

Bartels kritisiert vielmehr die Geschäftspolitik der großen Produktionsfirmen wie beispielsweise "Warner". "Alle drei Monate erhöhen die ihre Preise um einen Euro. Und während Sie bei Media Markt die gleiche CD für 7,90 Euro bekommen, muss ich für sie derzeit 23 Euro bezahlen. Das macht für uns natürlich keinen Sinn." Bei einem Verleihpreis von 3,50 Euro könne man sich selber ausrechnen, wie lange das noch gut geht.

Dass der Einzelhandel und die Video on Demand-Unternehmen wie "Lovefilm" (siehe auch Info-Kaste unten) im Gegensatz zu den Besitzern der Verleihstellen hervorragende Umsätze und damit ordentliche Gewinne generieren, bestätigt der Bundesverband audiovisuelle Medien e.V. (BVV). Der stellvertretende Geschäftsführer, Oliver Trettin: "Die deutsche Videobranche hat 2012 mit 1,71 Milliarden Euro das zweitbeste Ergebnis in der Geschichte des Home-Entertainment-Marktes erzielt - nur das Jahr 2004 sah mit 1,747 Milliarden Euro noch besser aus. Das Blu-ray-Geschäft verzeichnete eine Umsatzsteigerung von 28 Prozent, Video on Demand sogar 71 Prozent. Im letztgenannten Bereich wurde erstmalig die 100-Millionen-Umsatz-Grenze deutlich überschritten."

Und BVV-Vorstandsvorsitzender Dirk Lisowski vom Marktgiganten Universal Pictures komplettiert: "Bei aller Begeisterung für das Video on Demand-Wachstum sollten sich Industrie und Handel aber weiterhin bewußt sein, dass etwa 93 Prozent des gesamten Branchenumsatzes mit dem Verkauf der physischen Produkte DVD und Blu-ray erwirtschaftet wurden".

Das hilft Wolfgang Embacher, Chef der Elmshorner Videothek "Fox Empire Home Entertainment", auch nicht weiter. Und in diesem Fall sagen wenige Worte dann eben alles: "Wir haben kein Interesse daran, darüber eine Aussage zu machen."

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