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Julia-Niharika Sen im Interview : Das Gesicht des Hamburg-Journals verrät: „Ich habe ein Abenteuer-Gen in mir“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

NDR-Fernsehmoderatorin Julia-Niharika Sen über ihr unkonventionelles Leben, die Pflicht zur Aufrichtigkeit und Indien, das Heimatland ihres Vaters.

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erstellt am 21.Okt.2017 | 10:00 Uhr

Hamburg | Julia-Niharika Sen (50) wurde in Kiel geboren und hat mit ihren Eltern abwechselnd in Kiel und in Hamburg gelebt, zeitweise auch in Pinneberg, wo ihre Großeltern wohnten. Ihre Mutter ist Deutsche, ihr Vater stammt aus Kalkutta und machte sich im Jahr 1965 acht Wochen über den Ozean auf nach Hamburg. Julia-Niharika Sen lebt im Hamburger Stadtteil Ottensen und hat zwei erwachsene Kinder. Sie ist christlich getauft, glaubt aber vor allem an „eine göttliche Kraft“ und an „das Gute in der Welt“. Neben den Moderationen für den NDR (u.a. „Hamburg-Journal“) und bei Events bezeichnet sie das Talkformat „Wahnsinn trifft Methode“, das sie gemeinsam mit Uni-Präsident Dieter Lenzen im Thalia Theater moderiert, als ihre „Spielwiese“. Eine neue Reihe startet am 30. November mit der Themen-Triade „Frei.Körper.Kultur“. In dem Format treffen Wissenschaftler und Menschen aus dem echten Leben aufeinander. Für die Veranstaltung am 30. November, 20.30 Uhr, im Nachtasyl im Thalia Theater gibt es Karten für sieben Euro im Theater oder im Unikontor, Allendeplatz 1.

Frage: Sie sind das Gesicht des täglichen Hamburg-Journals im NDR-Fernsehen, moderieren mit „Weltbilder“ und „Rund um den Michel“ zwei weitere NDR-Sendungen und sind gern gebuchte Moderatorin für Events. Wie bekommen Sie all das unter einen Hut?
Julia-Niharika Sen: Es ist viel, aber ich habe gern viel um die Ohren. Zwischendurch gönne ich mir kurze Pausen wie Urlaub, einen Besuch bei meiner Tochter in Berlin oder 14 Stunden Schlaf. Danach bin ich wieder total entspannt.

Wo liegt Ihre wichtigste Stärke, um all das zu bewältigen?
Beruflich wie privat liebe ich die Herausforderung und: Ich mag es wild – schon immer. Schon mit 16 Jahren bin ich zuhause ausgezogen, habe drei Jahre mit meinem Freund in einem Waldhaus gelebt, mit 20 Jahren meine Tochter und zwei Jahre später meinen Sohn bekommen. Dann habe ich angefangen zu studieren, zehn Jahre nebenbei als Model gearbeitet und so die Familie ernährt. Ich habe immer schon ein unkonventionelles Leben geführt. Ich mag Dinge, die anders sind; und ich liebe die Veränderung, auch weil jedem Anfang ein Zauber innewohnt wie Hermann Hesse ja schon gesagt hat. Ich habe ein Abenteuer-Gen in mir.

Macht es für Sie einen Unterschied, vor Publikum in einem Festsaal zu moderieren oder vor Fernsehkameras und Tausenden Zuschauern, die Sie aber nicht sehen?
Klar, es ist schon etwas anderes, wenn man direkt die Gesichter im Publikum sieht. Aber: Wenn ich im Fernsehstudio moderiere, habe ich auch immer eine imaginäre Zuschauerin vor Augen, die ich stellvertretend für unsere Zuschauer gedanklich anspreche.

Das Hamburg-Journal ist die populäre Lokal-TV-Sendung. Werden Sie häufig in Hamburg auf der Straße erkannt und angesprochen?
Ich werde häufig erkannt, aber nicht so oft direkt angesprochen. Ich spüre, etwa in der S-Bahn, oder auf der Straße, dass Leute gucken, sich aber nicht sicher sind oder aber sich nicht trauen, mich anzusprechen. Oft suchen Zuschauer, die mich erkennen aber im Geschäft oder Café das Gespräch.

Kurz nach der Amtseinführung des US-Präsidenten Donald Trump haben Sie sich zum Hamburger Presseball, den Sie moderiert haben, das Statement „No alternative facts“ auf Ihr Dekolleté geschrieben. Warum?
Schon früh in meinem Leben habe ich mich politisch engagiert und bin der Auffassung, dass man für seine Überzeugung manchmal kämpfen muss. Ich bin mit 16 Jahren gegen das Wettrüsten im kalten Krieg auf die Straße gegangen. Beim Presseball hatte US-Präsident Donald Trump kurz zuvor behauptet, es seien mehr Menschen zu seiner Amtseinführung gekommen als zu der von Barack Obama. Dass das nachweislich nicht stimmt, wie man auf Fotos sehen konnte, wurde von Trumps Pressesprecherin abgetan mit der Formulierung, der Präsident präsentiere eben „alternative facts“ – alternative Fakten. Das hat mich empört. Mein Statement sollte ausdrücken, dass wir als Journalisten für Wahrheit und Aufrichtigkeit kämpfen müssen und ich fand, dass der Presseball, der richtige Ort war, um bei diesem Thema Haltung zu zeigen. Es ging aber nicht nur um Trump, sondern auch um andere internationale Politiker, deren zweifelhafter Umgang mit der Wahrheit eine Gefahr ist für kritische Berichterstattung.

 

Auf ihrer Homepage findet man nur wenig über Ihr Privatleben. Halten Sie das bewusst aus der Öffentlichkeit heraus?
Ich finde das nicht so wichtig und interessant für andere und rede am liebsten nur mit Freunden über Privates.

Verraten Sie uns trotzdem ein wenig über ihr Privatleben.
Ich habe eine 30-jährige Tochter, einen 27-jährigen Sohn, und: Ich bin glücklich liiert. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Sie sind gerade 50 Jahre jung geworden. Welche Bilanz ziehen Sie?
Für mich ist der 50. Geburtstag kein Anlass, Bilanz zu ziehen. Ich fühle mich immer noch wie mit 28 und lebe in dem Gefühl, dass fast das gesamte Leben noch vor mir liegt. Es wird bestimmt noch viel passieren und ich freue mich über jede neue Herausforderung. Die Zahl 50 klingt für mich noch total fremd, aber ich habe kein Problem damit.

Haben Sie Ihre Karriere geplant?
Überhaupt nicht. Ich bin keine Karriereplanerin. Ich glaube, das Wichtigste ist: Tue das, wofür du brennst. Das rate ich Schülern in der Oberstufe, wenn sie mich fragen, und das ist auch mein Lebensmotto. Ich glaube, man kann nur gut und glücklich sein, wenn man etwas leidenschaftlich tut.

Sie tragen einen deutschen und einen indischen Vornamen. War das ein Kompromiss zwischen Ihrer deutschen Mutter und Ihrem indischen Vater?
Einen Kompromiss würde ich das nicht nennen. Meine deutsche Mutter und mein indischer Vater haben beide einen Namen beigesteuert. So wie andere Jens-Uwe heißen, heiße ich Julia-Niharika. In meinem Freundeskreis nennt mich die eine Hälfte Julia, die andere Niharika.

Was bedeutet Niharika?
Sternengefunkel.

Haben Sie eine typisch indische und eine typisch deutsche Seite?
Ich selbst glaube das nicht, aber meine Freunde ordnen gewisse Charakterzüge der einen oder der anderen Seite zu. Da ist etwa von meiner indischen Gelassenheit die Rede. Mir soll das recht sein, aber ich glaube nicht wirklich daran, weil ich in Deutschland aufgewachsen bin und erst mit 20 Jahren zum ersten Mal in Indien war. Vielleicht liegt meine Gelassenheit auch darin begründet, dass mein Vater mir, bei allem, was ich getan habe, immer Zuversicht und Zutrauen vermittelt hat. Und meine Mutter auch.

Was war, als Sie mit 20 zum ersten Mal nach Indien gereist sind, der erste Eindruck?
Ich wusste sehr wenig über Indien, weil mein Vater nie viel erzählt hat. Zuerst war ich schockiert und sprachlos über die schlimme Armut und konnte es kaum ertragen. Aber ich war und bin sehr neugierig und habe das Land mit all seinen Seiten inzwischen intensiv kennengelernt. Mich wühlt vieles in Indien auf, etwa das Kastensystem, die Kinderarbeit oder die chaotischen und gefährlichen Verkehrsverhältnisse. Andererseits fühle ich mich auch zuhause, vielleicht weil ich es ja selbst auch wild und chaotisch mag. Vielleicht ist das ja meine indische Seite (lacht). Außerdem liebe ich die indische Musik. Mein Vater hat immer viel gesungen.

Sie sind Mitbegründerin des Vereins „Freundeskreis Tara for Children“, der stark benachteiligte Frauen und Kinder in Indien in lokalen Hilfs- undSchulprojekten unterstützt. Wie sieht diese Hilfe aus?
Die Arbeit vor Ort in Indien betreut eine alte Schulfreundin von mir. Wir unterstützen arme und benachteiligte Kinder, die keine Möglichkeit haben, ans Lesen und an kreatives Arbeiten herangeführt zu werden – zum Beispiel Kinder in Waisenhäusern und Kinder in den Slums. Viele dieser Kinder haben unfassbare Schicksale, und unsere Kunst- und Lernprojekte helfen ihnen, Selbstwertgefühl zu entwickeln.

Haben Sie Hoffnung, dass sich die Situation für Mädchen und Frauen in Indien in den nächsten Jahren verbessert?
Ja, es tut sich etwas. Manchmal nur im Kleinen. Wir unterstützen z.B. Frauen in einem Slum dabei, eigenes Geld zu verdienen. Insgesamt ist die Situation für viele Mädchen und Frauen weiter eine schwierige, aber gleichzeitig gibt es auch eine Menge starker indischer Frauen. Aber das Thema Frauenrechte bleibt weiter ein wichtiges. Ich habe eine Reportage in meiner eigenen indischen Familie dazu gedreht mit dem Titel: „Freiheit adé? Die Hochzeit meiner indischen Cousine“. Es geht um arrangierte Hochzeiten, die immer noch sehr verbreitet sind.

Julia-Niharika Sen ... persönlich
In Hamburg wollte ich längst mal... mit einem eigenen Boot durch die Kanäle schippern.

Typisch hanseatisch... ist nur ein Klischee.

Glücklich war ich zuletzt... jetzt!

Am besten kann ich entspannen, ... wenn ich weit weg bin.

Mein Lieblingsplatz in Hamburg... überall da, wo die Elbe fließt...

Meine Schwäche... ich sage zu selten Nein.

Meine Stärke... ich sage auch zu scheinbar unmöglichen Dingen Ja!

Angst macht mir... im Moment zum Glück fast nichts.

Geld  ausgeben... gern! Für gutes Essen.

Gut verzichten könnte ich... auf Stress.

Heimat... ist für mich Hamburg. Was sonst?

Ich wohne gern in Ottensen, weil... das Viertel trotz vieler Veränderungen an vielen Ecken noch das alte ist. Schon vor über 30 Jahren hab ich dort gewohnt in einer WG. Heute mag ich die Mischung aus  netten Cafés, kleinen Läden und die immer noch lebendige Stadtteilkultur. Und: Es ist nicht weit zur Elbe.

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