zur Navigation springen

Kreis Pinneberg : Das Geschäft mit der Flüchtlingskrise

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Vermieter im Kreis auf Abwegen: Immer häufiger erreichen unseriöse Angebote die Kommunen.

Kreis Pinneberg | Händeringend gesucht wird Wohnraum für Flüchtlinge in allen Städten und Gemeinden des Kreises Pinneberg. Das bietet einen wahren Tummelplatz für Vermieter, die daraus Kapital schlagen wollen – könnte man meinen. Tatsächlich haben diverse Kommunen  in Ausnahmefällen bereits fragwürdige Angebote erhalten.

Die Stadt Elmshorn hat derzeit mehr als 190 Wohnungen angemietet sowie zirka 50 möblierte Zimmer. „Grundsätzlich mieten wir nur adäquate Wohnungen an, keinen Bruch“, sagt Elmshorns Erster Stadtrat Dirk Moritz. Die Stadt setze auf dezentrale Unterbringung. Wohnungen würden nach wie vor „fleißig akquiriert“. „Allerdings erreichen uns auch unseriöse Angebote von Hamburger Unternehmern mit Liegenschaften in Elmshorn“, sagt Moritz. Da würden der Stadt Nettomietpreise im Bereich des Wuchers angeboten und 20- bis 25-jährige Laufzeiten für Mietverträge. Teilweise sei von der Stadt dann noch erwartet worden, dass sie umbaue und im Anschluss an die Mietzeit wieder zurückbaue. Zudem habe es Dienstleister gegeben, die für die Unterbringung von Flüchtlingen in angemieteten Wohnungen Tagespauschal- preise von 25 Euro pro Person verlangt hätten und dann neun Menschen in einer Wohnung unterbringen wollten. „Die wissen, dass wir mit dem Rücken an der Wand stehen“. Auch Pinnebergs Stadtsprecher Marc Trampe weiß von Vermietern, die mehr als das Doppelte der ortsüblichen Miete verlangen.

Moritz stellt klar: „Sich aus der Notlage Dritter bereichern? Da machen wir nicht mit. Wir arbeiten mit solchen Menschen nicht zusammen.“ Dieses Motto unterstreichen auch die Sprecher der Verwaltungen in Pinneberg, Schenefeld, Wedel und Quickborn. Sie haben klare Richtlinien zu Quadratmeterpreisen abhängig von Lage und Ausstattung. Orientierung bieten auch die Vorgaben zu angemessenen Unterkunftskosten, die der Kreis Pinneberg aufgestellt hat.

Dubiose Mietangebote abgelehnt

Aus Bruchbuden  Goldgruben machen: Diese Rechnung geht für Vermieter im Kreis Pinneberg auch in Zeiten des Flüchtlingszuwachses nicht wirklich auf. Auch dank einer großen  Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung, Wohnraum zu angemessenen Preisen zur Verfügung zu stellen, wie es aus den Stadtverwaltungen Elmshorn, Pinneberg, Wedel, Quickborn und Schenefeld  heißt. 

Pinnebergs Stadtsprecher Marc Trampe erläutert: „Es gibt vom Kreis festgelegte Mietobergrenzen. Daran orientieren wir uns. Das stellt uns vor große Herausforderungen, weil es schwierig ist, Wohnungen zu finden, die in diesem Segment liegen. Wir haben einen prekären Wohnungsmarkt, starken Zuzug und ein knappes Angebot. Wenn wir mehr zahlen, zahlt es die Stadt selbst.“ Es gebe dennoch sehr viele Angebote, die in „einem vernünftigen Rahmen“ liegen, zwischen sieben bis zehn Euro kalt pro Quadratmeter je nach Lage, Zustand und Alter des Gebäudes. „Es ist auch mal mehr. Das kommt im Einzelfall darauf an.“ Auf Angebote von Vermietern, die das Doppelte der ortsüblichen Miete verlangt hätten, sei die  Stadt nicht eingegangen. Renovierungsarbeiten würden teilweise von der Stadt, teilweise von Vermietern erledigt.

Auch seitens des Ersten Stadtrats Dirk Moritz aus Elmshorn heißt es: In der Regel zahle die Stadt nur angemessene Mieten, die sich an den vom Kreis Pinneberg errechneten Richtwerten orientieren. „Wir zahlen auch drüber, aber das sind Sonderfälle“, so Moritz. Und dann maximal zehn Euro kalt pro Quadratmeter für Wohnungen, die besondere Anforderungen erfüllen wie wenn eine achtköpfige Familie barrierefrei untergebracht werden müsse. „Wir differenzieren sehr stark.“ Seit Anfang des Jahres gebe es regelmäßig Gespräche mit den großen Wohnungsbauunternehmen, die freie Wohnungen melden und der Stadt ein Kontingent zur Miete zur Verfügung stellen. Würde die Stadt alles „abmieten“ wäre das ein Beitrag zum sozialen Unfrieden. „Die Bevölkerung sucht schließlich auch Wohnungen“, sagt Moritz. Angebote von Privatvermietern seien nicht ganz so häufig.

HAUS & GRUND Kommunen als zuverlässige Mieter

Immer häufiger böten Vermieter ihre Wohnungen den Städten zur Unterbringung von Flüchtlingen an, so die Einschätzung von Matthias Püschmann, Geschäftsführer von Haus & Grund Pinneberg, sowie seinem Mitarbeiter Gerd Dieken. Die Vorteile für Vermieter lägen laut Püschmann  darin, dass Städte und Kommunen  zuverlässige Vertragspartner seien, die für Schäden und Reparaturen haften und die Miete pünktlich zahlten. Doch Püschmann weiß: „Wenn eine Ware mangelt, steigt der Preis.“ Bei Geld höre das soziale Empfinden vieler Menschen auf, weiß Dieken. Dennoch habe er viele Vermieter mit gesundem sozialem Empfinden kennengelernt. In Verträgen seien Individualvereinbarungen möglich, von denen beide Seiten profitieren könnten. So sei Dieken bekannt, dass eine Kommune ein  leerstehendes Haus im Kreisgebiet im renovierungsbedürftigen Zustand angemietet habe, es wieder herstelle und dafür fünf Jahre lang keine Miete für die Unterbringung von Flüchtlingen zahle.

 

Auch Melf Kayser von der Stadt Schenefeld bestätigt: „Wir bewegen uns im Rahmen der ortsüblichen Miete, logischerweise am oberen Rahmen.“ Abhängig von der Ausstattung liege der zwischen acht Euro pro Quadratmeter kalt und einem oberen Rahmen von elf bis zwölf Euro pro Quadratmeter. Auch Renovierungsarbeiten würden von der Stadt getätigt, „wobei sich das in den Mieten niederschlagen muss“, so Kayser. Es gebe einzelne Vermieter, die versuchen, Kapital aus der Situation zu schlagen, pro Kopf-Mieten anböten. Doch Kayser sagt: „Wir haben noch keine dubiosen Angebote annehmen müssen.“ Die meisten Vermieter, die an die Stadt  herantreten, „tun das, weil sie helfen wollen.“

In Wedel werden Flüchtlingen zum Großteil in stadteigenen Gebäuden untergebracht. Trotzdem suche die Stadt weiterhin auch nach Wohnungen, so Oliver Wleklinski, Leiter des Fachdienstes Soziales der Stadt Wedel. „Es war schon immer schwer, in Wedel eine günstige Wohnung zu finden“, sagt er. Oft würden der Stadt jetzt Wohnungen angeboten, die regulär nicht auf den Markt kämen, vermutet Wleklinski. So würde die Stadt auch Renovierungsarbeiten übernehmen, mal streichen, mal einen Teppich verlegen, mal einen Elektroherd reinstellen. „Wenn die Wohnung renoviert übergeben wird, investieren wir auch gern etwas mehr in die Miete.“ Zum genauen Preisrahmen wollte er sich nicht äußern. „Geht es um Pro-Kopf-Preise oder überschreitet die Miete eine bestimmte Obergrenze, lehnen wir ab“, sagt er. Das sei bei zehn bis 15 Prozent der Angebote bisher der Fall gewesen.

Volker Dentzin, Fachbereichsleiter Einwohnerangelegenheiten der Stadt Quickborn, sagt:  „Wir sind in der oberglücklichen Lage, dass wir immer noch Mietverträge abschließen können.“ Er stellt klar: „Überteuerte Wohnungen werden nicht angemietet.“ In Mietobjekte habe die Stadt bezüglich Renovierungen bisher nicht investiert. „Für die Zukunft ist das nicht auszuschließen. Es muss sich dann aber im günstigen Mietzins widerspiegeln.“ Er weiß: „Es gibt eine große Bereitschaft, Wohnraum an die Stadt zu vermieten.“ Auch hier bewege man sich maximal an der vom Kreis Pinneberg festgelegten Obergrenze. „Ich bin ganz ganz schwer begeistert“, sagt Dentzien über die Vielzahl der Menschen, die Wohnungen aus Überzeugung anbiete. In Quickborn und Bönningstedt hätten Personen Flüchtlinge sogar kostenlos bei sich aufgenommen. 

UNTERKUNFTSKOSTEN Das zahlen Kreis und Land

Für die Unterkunftskosten eines jeden Flüchtlings kommen der Kreis Pinneberg jeweils zu 30 Prozent und das Land Schleswig-Holstein zu 70 Prozent im Rahmen der Gewährungen von Leistungen nach dem SGB II / SGB VII auf. Je nach Wohnort liegen die Unterkunftskosten beispielsweise für eine Person in einer 25 bis 50 Quadratmeter großen Wohnung zwischen 416 und 433 Euro pro Monat, für eine dreiköpfige Familie in einer 60 bis 75 Quadratmeter großen Wohnung zwischen 549 und 638 Euro pro Monat, jeweils zuzüglich Heizkosten. Abhängig vom Wohnungsmarkt werden in Elmshorn und Uetersen die niedrigsten Unterkunftskosten angesetzt, die höchsten in Quickborn, Bönningstedt, Halstenbek, Hasloh und Rellingen. Bis zu zwei Monate lang werden höhere Unterbringungskosten gezahlt, wie Kreissprecher Oliver Carstens bestätigt. Danach blieben die Kommunen auf den Kosten sitzen, wenn sie sich nicht um eine günstigere Unterkunft für die Flüchtlinge bemühen.

 
zur Startseite

von
erstellt am 01.Nov.2015 | 11:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert