Das Sonntagsgespräch : „Das Freistoßspray ist Kaspertheater“

Wilfred Diekert leitet den Schiedsrichterausschuss des Hamburger Fußball-Verbands.
Wilfred Diekert leitet den Schiedsrichterausschuss des Hamburger Fußball-Verbands.

Heute mit Wilfred Diekert. Er ist Vorsitzender des Schiedsrichter-Ausschusses des Hamburger Fußball-Verbands.

shz.de von
10. Mai 2015, 16:00 Uhr

Appen | Wilfred Diekert aus Appen ist vor kurzem beim Hamburger Fußball-Verband in seinem Amt als Vorsitzender des Schiedsrichter-Ausschusses bestätigt worden. Im Sonntagsgespräch erklärt er, was er sich von den Vereinen wünscht und warum es sich lohnt, Schiri zu werden.

Was ärgert Sie als Vorsitzender des Verbands-Schiedsrichter-Ausschusses?
Ich bin erstaunt, wie wenig die Vereine über das Schiedsrichterwesen wissen. Es wird als selbstverständlich angesehen, dass jede Woche ein Schiedsrichter kommt, mit dem sie machen können, was sie wollen. Wie sich manche Eltern, Zuschauer und sogar Vereinsvertreter benehmen, spottet jeder Beschreibung. Es wird über angebliche Fehler gepöbelt, obwohl man selbst gar nicht gesehen hat, was auf dem Platz passiert ist. Den Vereinen sollte bewusst sein, dass nur die Unparteiischen Spiele leiten, die sie zu unseren Lehrgängen schicken. Wir können die Schiris aus- und weiterbilden. Für die Auswahl sind die Vereine verantwortlich, nicht wir.

Gibt es denn im Bereich des Hamburger Fußball-Verbandes genügend Referees?
Derzeit ja. Es ist aber leider so, dass uns gerade in den ersten Jahren viele Schiedsrichter wieder abspringen. Das liegt auch an der Auswahl der Vereine. Die denken häufig, es reicht irgendjemanden zu den Lehrgängen zu schicken. Vielen scheint gar nicht bewusst zu sein, was für eine komplizierte Aufgabe es ist, ein Spiel zu leiten. Man geht nicht einfach auf den Platz und pfeift drauf los. Gerade die ersten Pfiffe sind für jeden Anfänger ganz schwierig.

Sind die Schiedsrichter in den vergangenen Jahren aus Ihrer Sicht besser oder schlechter geworden?
Das Niveau ist gleich geblieben. Es hat immer Diskussionen über Schiedsrichterentscheidungen gegeben, und daran wird sich auch nichts ändern. Das gehört zum Fußball genauso dazu wie der Blinde, der aus drei Metern das leere Tor verfehlt.

Sie haben in den 1980-ern selbst in der Bundesliga gepfiffen. Was hat sich seitdem verändert?
Durch den Einsatz vieler Fernsehkameras ist es für die Schiedsrichter schwieriger geworden, da jede Entscheidung genau unter die Lupe genommen wird. Wobei die Entscheidungen des Unparteiischen häufig auch bestätigt werden. Ich bin immer wieder erstaunt, welche sensationellen Leistungen gerade die Assistenten an den Seitenlinien abliefern und selbst bei ganz engen Abseitsentscheidungen fast immer richtig liegen.

Was halten Sie von technischen Hilfsmitteln wie dem Videobeweis oder der Torlinientechnik?
Die Torlinientechnik halte ich für gut. Wenn ein Tor gefallen ist, sollte es auch anerkannt werden. Alles andere halte ich für völlig daneben, weil es den Fußball nicht weiter bringt.

Und das Freistoßspray?
Das Freistoßspray ist Kaspertheater. Die Schiedsrichter haben es früher auch ohne Spray geschafft, für den nötigen Abstand zwischen Mauer und Schützen zu sorgen. Deshalb macht es keinen Sinn, die Unparteiischen jetzt auf dem Fußboden herumkrabbeln zu lassen.

Was darf ein Schiedsrichter auf keinen Fall?
Wenn ein Schiedsrichter zu denken anfängt, ist seine beste Zeit vorbei. Er muss spontan und intuitiv entscheiden und darf auf keinen Fall überlegen, welche Konsequenzen ein Pfiff hat. Dann kommt es zu Fehlern. Und bei Pöbeleien heißt es: Ohren zu und weiter. Es hat keinen Sinn, sich darüber aufzuregen, weil sich dadurch nichts ändert. Wobei die Zuschauer meistens erträglich sind. Es sind vor allem Manager und Trainer, die sich wie die Wahnsinnigen aufführen. Von denen lassen sich etliche Schiris zu viel gefallen.

Es heißt immer, dass der Fußball früher brutaler war. Ist das  tatsächlich so?
Ich glaube nicht. Früher war das Spiel einfach langsamer. Da blieben brutale Fouls eher in Erinnerung. Heute geht alles so schnell, dass man als Zuschauer vieles gar nicht mitkriegt. Wir hatten gerade im Schiedsrichter-Ausschuss die Diskussion, ob die Tätlichkeiten gegen Schiris zugenommen haben. Wir hatten den Eindruck, dass das der Fall ist. Laut Statistik sind die Zahlen gleich geblieben.

Warum lohnt es sich, Schiedsrichter zu werden?
Es gibt keine bessere Möglichkeit, seine Persönlichkeit zu entwickeln und das Selbstvertrauen zu stärken. Man lernt, Entscheidungen zu treffen und durchzusetzen. Man lernt Menschen kennen und einzuschätzen. Das sind Fähigkeiten, die nicht nur auf dem Fußballplatz helfen. Gute Schiedsrichter sind fast immer auch im Beruf erfolgreich.

Wilfred Diekert (66) ist seit 16 Jahren Vorsitzender des Schiedsrichter-Ausschusses beim Hamburger Fußball-Verband und ist damit auch für den Kreis Pinneberg zuständig. Diekert ist außerdem Vorsitzender des TuS Appen.
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