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Ex-CDU-Landesvorsitzender : Christian von Boetticher: „Die Bitternis war schnell verflogen“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Die Beziehung zu einer 16-Jährigen bezahlte Christian von Boetticher 2011 mit seiner politischen Karriere. Ein Interview.

Kreis Pinneberg | Am 15. August 2011 trat Christian von Boetticher als Spitzenkandidat der schleswig-holsteinischen CDU für die Landtagswahl 2012 zurück. Die „Lolita-Affäre“ beendete die politische Karriere des einstigen Hoffnungsträgers seiner Partei. Im Gespräch bekennt er, damals seine Macht nicht abgesichert zu haben. Er blicke ohne Bitternis darauf zurück.

Sie sind 2011 von ihren Posten als CDU-Landesvorsitzender und Landtagsfraktionschef zurückgetreten. Was machen Sie heute?
Christian von Boetticher: Ich bin seit drei Jahren als Anwalt in einer mittelständischen Hamburger Kanzlei tätig. Als ich angefangen habe, waren wir sieben Anwälte. Inzwischen bin ich einer von acht Partnern, wir sind mehr als 30 Anwälte an vier Standorten: Hamburg, Berlin, Hannover und Göttingen.

Welchen Schwerpunkt haben Sie in der Kanzlei?
Ich persönlich verantworte die Sparte Energiewirtschaftsrecht und berate zum Beispiel viele kommunale Unternehmen auch im Gesellschaftsrecht.

Sie sind dazu gekommen, weil Sie von Parteikollegen wegen Ihrer damals schon beendeten Beziehung zu einer 16-Jährigen zum Rücktritt gedrängt wurden. Haben Sie bereut, dass Sie sich haben drängen lassen?
Nein. Das alles hat mir im Leben neue Chancen und Möglichkeiten eröffnet. Es hat mir Lebensqualität wiedergegeben und damit mehr gegeben als genommen. Die Bitternis des ersten Augenblicks war schnell verflogen.

Aber Sie waren doch mit Leib und Seele Politiker.
Ja, ich habe das sehr gern gemacht. Ich hatte aber den großen Vorteil, dass ich in alle Ämter durch einen gewissen Zufall gekommen bin. Ich bin 1999 völlig überraschend Europaabgeordneter geworden und wurde dann nach meinem Ausscheiden 2005 von Peter Harry Carstensen ins Kabinett berufen. Das hat dazu geführt, dass ich mir eine gewisse Unabhängigkeit bewahrt habe und die Gewissheit, dass Politik eben endlich ist. In der Regel wird sie dadurch beendet, dass Menschen einen nicht mehr wählen. Manchmal wird sie aber auch dadurch beendet, dass einige Parteifreunde einen nicht mehr wollen. Dann ist aber am Ende die Bitternis deutlich geringer, als wenn man sich auf eine lebenslange Politikkarriere eingeschworen hat.

Einige von denen, die Sie nicht mehr wollten, haben jetzt wichtige Ämter. Unter anderem soll der neue Landesvorsitzende Ingbert Liebing mit die Fäden gezogen haben.
Dass Ingbert Liebing die Fäden gezogen hat, kann ich nicht bestätigen. Ich habe inzwischen eine gewisse Distanz zu den Ereignissen von damals. Ich gönne allen, die jetzt Verantwortung tragen, alles Gute. Ich weiß, wie hart ein politisches Dasein ist.

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„Ich habe nicht die richtigen personellen
Entscheidungen getroffen, um
die Macht, die ich in dem Moment
hatte, vernünftig abzusichern.“
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Macht Liebing aus Ihrer Sicht einen guten Job?
Ingbert Liebing wird mit hoher Wahrscheinlichkeit der nächste Spitzenkandidat der CDU sein, muss sich aber gerade im Süden des Landes noch bekannter machen. Wenn man sich aber die jetzige Regierung ansieht, weiß ich, dass Ingbert Liebing den Job besser machen wird.

Wie kommen Sie darauf?
Herr Albig ist ein freundlicher Mensch. Ich habe immer einen guten Kontakt zu ihm gehabt und ein menschlich angenehmes Miteinander. Aber das Regieren hat er Herrn Stegner überlassen. Und da muss ich als Christdemokrat sagen, auch wenn ich nicht immer mit allen Parteifreunden zufrieden war: Politisch ist alles besser, als ein Land, das von Ralf Stegner regiert wird.

Wenn Herr Albig freundlich ist, wie bewerten Sie denn Herrn Stegner, mit dem Sie ja am Kabinettstisch gesessen haben?
Auch der kann menschlich durchaus angenehme Züge aufweisen, obwohl er sich das meist nicht anmerken lässt. Nach meinem Rücktritt habe ich eine sehr persönliche und bewegende SMS von ihm bekommen. Aber er ist ein Political Animal. Er spielt die Politik hart und er spielt sie links, obwohl er gar kein Linker ist.

Wie meinen Sie das?
Ich habe nicht den Eindruck, dass er politisch wirklich irgendwo zu verorten ist. Er ist da, wo er für sich den größten Nutzen sieht. Und er hat erkannt, dass der SPD links eine Identifikationsfigur fehlt. Die füllt er aus. Dem geht es um den Weg nach oben.

Noch mal zu den eigenen Leuten: Eine treibende Kraft bei Ihrem Rücktritt war der jetzige Landtagsfraktionschef Daniel Günther. Wie beurteilen Sie seine Rolle damals und seine Arbeit heute?
Ich höre, dass er aus Sicht der Fraktion einen durchaus vernünftigen Job macht.

Und wie sehen Sie seine Rolle bei Ihrem Rücktritt?
Ich könnte jetzt eine ganze Menge über den Charakter von Daniel Günther sagen. Ich will das aber nicht. Ich muss heute nicht nachtreten. Die Fraktion hat entschieden, wer sie führt. Ich hoffe, die Partei wird richtig entscheiden, wer sie als Spitzenkandidat in die Wahl führen soll. Aber alles andere ist Geschichte.

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Es gab viele Telefonate und einige
Journalisten wurden gezielt mit falschen Informationen
versorgt. So wird das Spiel gespielt.
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Wer soll CDU-Spitzenkandidat werden. Sehen Sie eine Alternative zu Liebing?
Nein, für 2017 gibt es meiner Ansicht nach im Land keine Alternative zu Liebing. Und ich sehe auch keine Bestrebungen, jemanden von außen zu holen. Also läuft alles auf den Landesvorsitzenden hinaus.

Liebing ist bereits Ihr dritter Nachfolger. Ist das ein Zeichen dafür, dass der Union im Norden gute Leute fehlen?
Nein, problematisch ist nur: In der schleswig-holsteinischen CDU gab es immer eine sehr starke Seilschaft, die verhindern wollte, dass jemand anderes außer ihnen nach oben kommt. Auch das ist einer der Gründe, warum ich hoffe, dass Ingbert Liebing jetzt durchhält.

Warum?
Weil ich glaube, dass er zu denen, die seit vielen Jahren Strippen ausschließlich im Eigeninteresse ziehen, eine vernünftige Alternative ist.

Hat es eigentlich mal mit den Leuten, die bei Ihrem Rücktritt eine eher unrühmliche Rolle gespielt haben, eine Aussprache gegeben oder hat sich einer entschuldigt?
Meistens ist es ja so, dass Menschen, die einem von hinten das Messer in den Rücken rammen, einen von vorn freundlich anlächeln. Die meisten, die opportunistisch handeln, sind ein Stück feige, weil sie sich zur offenen Konfrontation nie getraut haben. Es gab viele Telefonate und einige Journalisten wurden gezielt mit falschen Informationen versorgt. So wird das Spiel gespielt.

Das ist ziemlich abstoßend.
Das ist aber leider in allen Parteien so. Und wenn es um hohe Posten geht, läuft das in der Wirtschaft nicht anders. So sind Menschen nun mal. Wenn man das nicht abkann, darf man keine Politik machen. Je höher man in der Politik kommt, desto härter werden die Bandagen, mit denen, zum Teil menschlich enttäuschend und falsch, gespielt wird. Das sehe ich heute klarer als ich es damals gesehen habe. Ich sage aber auch klar: ohne Bitternis.

Im Nachhinein betrachtet: Haben Sie damals auch Fehler gemacht?
Ich habe extreme Fehler gemacht. Man hat als Partei- und Fraktionsvorsitzender eine große Machtfülle. Das erste, was man tun muss – und das kann ich Ingbert Liebing nur raten – ist, die Schaltpositionen, die für die interne Organisation und den Wahlkampf wichtig sind, mit verlässlichen Unterstützern zu besetzen. Keine Ja-Sager. Es braucht auch Leute, die den Mumm haben, einem zu widersprechen. Aber es braucht Leute, die eine persönliche Loyalität empfinden und nicht Menschen, die darauf warten, dass man einen Fehler macht, um den dann auszunutzen und an die Presse zu spielen. Darauf habe ich nicht genug geachtet.

Sie hatten doch viel Unterstützung von der Basis.
Ich hatte eine breite Unterstützung der Basis, auch durch meine Zeit als Umwelt- und Landwirtschaftsminister. Ich hatte einen Ministerpräsidenten, der mich gefördert hat. Ich hatte aber eben nicht die volle Unterstützung der Abgeordneten meiner Partei im Landtag.

Weshalb nicht?
Da gab es Leute, die seit 17 Jahren im Landtag saßen und nur fragten: Was werde ich. Und mit deren Vernetzung und aggressiver Ablehnung vom ersten Tag an habe ich nicht gerechnet. Ich habe nicht die richtigen personellen Entscheidungen getroffen, um die Macht, die ich in dem Moment hatte, vernünftig abzusichern. Das habe ich völlig unterschätzt. Ich war naiv und habe gedacht: Wir sind die Union, wir sind ein Team, wir ziehen alle am selben Strang. Diese Naivität habe ich durch meinen Sturz sehr offenbart bekommen. Man lernt so fürs Leben.

Sie sagen, dass Peter Harry Carstensen Sie sehr gefördert hat. Aber als Sie gestürzt werden sollten, hat er Sie nicht unterstützt. Wie ist ihr Verhältnis zu ihm heute?
Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu Peter Harry Carstensen. Wir begegnen uns sehr herzlich und freundschaftlich. Ich war während der Phase meines Rücktritts etwas irritiert über seine Rolle. Heute kenne ich die Hintergründe und verstehe, dass er so gehandelt hat. Das war auch ein Stück Selbstschutz. Meine innerparteilichen Gegner waren viel zu eng vernetzt. Zwischen uns ist aus dieser Geschichte aber überhaupt nichts übriggeblieben. Im Gegenteil: Uns verbindet ein langjähriges Miteinander und ich habe ihm persönlich sehr viel zu verdanken.

Es gibt viele CDU-Mitglieder, die sich wünschen, dass Sie noch einmal Verantwortung an vorderster Front übernehmen. Wie sieht’s aus?
Ich habe eine Kanzlei mit aufgebaut, die sehr erfolgreich ist. Wir sind immer noch im Wachstum begriffen. Es bringt mir viel Spaß in einem tollen, jungen Team zu arbeiten, Erfolg zu haben und auch mal einen entspannten Abend zu genießen, was ich 13 Jahre in der Berufspolitik so gut wie nie konnte. Ich will das in der augenblicklichen Phase meines Lebens ungern aufgeben.

Also Rückkehr ausgeschlossen?
Ich sage zwar immer: sag niemals nie. Ich habe aber den Luxus, dass ich mir jetzt die Voraussetzungen aussuchen kann. Wenn es mal irgendwo ein christdemokratisches Team gibt, in dem viele gemeinsam dasselbe erreichen wollen und es nicht nur darum geht: wer wird was, sondern darum, etwas Inhaltliches zu bewegen, könnte ich darüber nachdenken. Ich muss dann nicht mal die erste Geige spielen. Aber das kommt für mich derzeit nicht in Frage. Und was die Zeit bringt, wird man sehen.

Christian von Boetticher (44) war Vorsitzender des Pinneberger CDU-Kreisverbands, Kreistagsmitglied,  Europaabgeordneter, CDU-Landesvorsitzender, Chef der Landtagsfraktion sowie Umwelt- und Landwirtschaftsminister.
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erstellt am 30.Aug.2015 | 08:36 Uhr

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