Tagesthemen-Moderatorin im Interview : Caren Miosga: „Ich bin nie richtig zufrieden mit mir“

Bekanntes TV-Gesicht: Caren Miosga.
Bekanntes TV-Gesicht: Caren Miosga.

Die Hamburgerin Caren Miosga über Perfektionismus vor der Kamera, den Umgang mit Politikern und Privatheit im Alltag.

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07. April 2018, 10:00 Uhr

Hamburg | Die Nachrichtenwoche ist schon lang und die letzten „Tagesthemen“ sind erst wenige Stunden alt, als Moderatorin Caren Miosga (48) an einem Freitag früh am Vormittag entspannt und bester Laune zum Gespräch im Café „Vesper“ in Eimsbüttel erscheint. Die Moderatorin und Journalistin lacht viel, auch über sich selbst. Zum Beispiel, wenn sie sich an die Jubiläumssendung zum 40. Geburtstag der „Tagesthemen“ Anfang des Jahres erinnert, die sie gemeinsam mit ihrem 1,95 Meter großen Kollegen Ingo Zamperoni moderierte. Weil der so „wahnwitzig groß“ ist und sie sich an seiner Seite „wie Gysi neben Bartsch“ fühlt, hatte die Redaktion erwogen, sie zur Moderation auf ein Podest zu stellen. „Ich hatte nicht nur einen Italiener neben mir, sondern auch einen unter mir“, erzählt sie lachend. Denn die Podeste im Studio heißen „Italiener“. In der Sendung „schrumpfte“ sie dann doch wieder auf Normalmaß.

Caren Miosga ist eine inzwischen feste Größe bei den ARD-Tagesthemen. Seit 2007 moderiert sie die Sendung, und zwar so gut, dass sie für den Deutschen Fernsehpreis 2018 nominiert war. Vorher hatte die studierte Historikern und Slawistin unter anderem für das NDR-Medienmagazin Zapp oder für „Titel, Thesen Temperamente“ vor der Kamera gestanden. Ihre heimliche Liebe gehört nach wie vor der Slawistik, schon während des Studiums hatte sie nebenbei auch als Reiseleiterin in Moskau und St. Petersburg gejobbt. Miosga spricht russisch und liest russische Medien, aber sie würde gern mal wieder hinfahren, um sich ein eigenes Bild zu machen. „Die Massenmedien transportieren nichts anderes als die eine Sicht des Kreml, und es ist zum Teil hanebüchen, was für ein Unfug da über den Westen läuft“, sagt sie: „Gleichzeitig gibt es aber Menschen, die das auch so wollen, und die einen Vorteil darin sehen, in so einer Gesellschaft zu leben. Deren Sicht würde ich gern mehr verstehen.“
 

Frage: Haben Sie sich innerlich schon auf die Anmoderation vorbereitet, wenn der HSV aus der Bundesliga absteigt?
Caren Miosga: Innerlich noch nicht, aber es wird mir auch nicht schwerfallen. Ich bin bei Fußball völlig leidenschaftslos. Aber ich weiß, dass der fast schon berühmte Satz meines Kollegen Ingo, „der Bessere möge gewinnen“, nicht immer gut ankommt bei den Zuschauern.

Sie bezeichnen sich als „krankhaft perfektionistisch“ und verstehen eingestandenermaßen nichts von Fußball. Wer berät Sie bei solchen Themen, Ihr Mann?
Nein, mein Mann versteht auch nichts von Fußball. Aber ich habe Gott sei Dank Kolleginnen und Kollegen, die sehr viel davon verstehen. Und weil ich so wenig Ahnung davon habe, bin ich da ganz besonders penibel und informiere mich immer genau.

Wie wirkt sich das Perfektionistische bei Ihnen aus?
Ich versuche, mit meiner Leistung zufrieden zu sein. Ich könnte sicher hin und wieder einfach mal den ersten Gedanken für eine Moderation nehmen. Aber ich denke dann auch immer über den zweiten und dritten nach, und stehe mir manchmal selbst ein bisschen im Weg, weil ich nie richtig zufrieden bin.

Haben Sie schon mal eine richtige Panne erlebt?

Noch keine inhaltlicher Natur, dass ich Müll erzählt hätte. Eher technischer Art . . .

Das berühmte Video, das Sie vor der Sendung beim Schminken, Pudern und bei Tonproben zeigt und plötzlich im Netz auftauchte?
Genau, wir waren plötzlich online in einer Situation, von der wir das nicht ahnten. Das war ein bisschen wie „Verstehen Sie Spaß?“, aber ich habe ja glücklicherweise keine schmutzigen Witze erzählt. Ich habe darüber sehr gelacht und war war auch erleichtert, dass mir nichts über die Lippen gegangen war, was nicht für andere Ohren bestimmt gewesen wäre. Denn wir sind da ja manchmal schon unter Anspannung, wenn zum Beispiel Unerwartetes passiert und im letzten Moment die halbe Sendung umgestellt oder improvisiert werden muss. Dann fang ich mit Kollegen schon mal an, ein blödes Lied zu singen, damit man sich ein bisschen auflockert.

 

Als Sie zum Tod des Schauspielers Robin Williams im Studio auf den Moderatorentisch stiegen, um an den großen Film „Club der toten Dichter“ zu erinnern, waren Sie froh, dass an diesem Tag keine Bedenkenträger da waren. Gibt es die sonst?
Damit meinte ich damals das, was es üblicherweise in allen Behörden gibt, beispielsweise Feuerwehr- oder Sicherheitsbeauftragte, die darauf achten, dass keine Tische beschädigt werden. Aber es war niemand da, der sagte: Um Himmels willen, auf diesem Mobiliar darf man doch nicht mit nackten Füßen stehen.

Nach seinem Wahlsieg in Hamburg haben Sie zu Hamburgs Erstem Bürgermeister Olaf Scholz gesagt, er sei so euphorisch wie ein englischer Butler zur Tea-Time. Darf eine Moderatorin das?
Unbedingt. Wieso sollen wir Rücksicht auf die nehmen, die den ganzen Tag austeilen und auch nicht aus Zucker sind. Nun ist Olaf Scholz niemand, der mit Bösartigkeiten auffällt, aber so habe ich meine Frage auch gar nicht empfunden. Es ist meine Aufgabe, das zu formulieren, was jeder Zuschauer in so einem Moment denkt. Und es war einfach so, dass Olaf Scholz einen Sechser im Lotto hatte. Er hatte 2011 die absolute Mehrheit geholt und freute sich so, als ob gerade seine Oma gestorben wäre. Nämlich gar nicht. Das war so umso auffälliger, als er in dem Moment auch noch das Wort „Emotion“ in den Mund nahm. Er hat mir das aber überhaupt nicht krumm genommen.

Ist Ihnen das wichtig?
Ich möchte auf keinen Fall jemanden persönlich verletzen. Aber zuzuspitzen und so zu formulieren, dass es den anderen aus der Reserve lockt, das gehört zu den wichtigsten Aufgaben, die wir haben, zumal Politiker in heutiger Zeit professionell geschult sind, Medientraining haben und jedes Komma abwägen. Da muss der Interviewer zwischendurch einfach Überraschungsmomente setzen, sonst bleibt das Interview vorhersehbar und klinisch.

Bei der Verleihung Goldene Kamera 2017 wurde Caren Miosga (mitte) in der Kategorie 'Beste Information' ausgezeichnet.
Christian Charisius/dpa

Bei der Verleihung Goldene Kamera 2017 wurde Caren Miosga (mitte) in der Kategorie "Beste Information" ausgezeichnet.

Haben Sie sich an Ihr Scholz-Interview erinnert gefühlt, als Scholz nach dem SPD-Referendum zur Großen Koalition und dem Abschluss der Koalitionsverhandlungen wiederholt wie eine Spaßbremse vor die Mikrofone trat?
Wahnsinn, aber Olaf Scholz ist einfach so. Beziehungsweise ist er interessanterweise eigentlich nicht so, wenn man ihn jenseits der Kamera kennengelernt hat, dann kann er ein sehr spontaner, humorvoller und zum Teil sarkastischer Mann sein. Aber vor den Kameras verbietet er sich das Spontane konsequent. Was fast schon bewundernswert ist, wie eisern er und ja auch viele andere Politik-Profis das durchhalten, aber was andererseits aus meiner Frager-Sicht sehr schade ist, denn was könnten das für interessante Fernsehgespräche sein, wenn einer sich mal traute!

Wie sehr müssen Sie sich öffentlich politisch zurückhalten?

Naja, es gibt ja Unterschiede zwischen Meinung und Haltung. Unsere Kommentare in der Sendung sind dezidierte Meinungen, die haben so an meiner Stelle nichts zu suchen. Aber selbstverständlich kann und muss ich eine Haltung zu einem Thema entwickeln.

Ich dachte eher an Ihren Alltag, können Sie sich auf privaten Feiern oder wenn Sie auf dem Markt von der NPD angequatscht werden, offen äußern oder müssen Sie sich immer zurückhalten?

Das tue ich selbstverständlich, wie alle andere Menschen auch. Wo kommen wir denn hin, wenn ich privat nicht mehr sagen darf, wo ich stehe und wie ich denke. Aber ich sollte mich nicht für eine Partei engagieren und mich mit dezidierten politischen Statements öffentlich zurückhalten, weil mir sonst vorgehalten werden könnte, ich sei befangen, wenn ich in der Berichterstattung jemand kritisch befragen muss.

Sie engagieren sich im Kinderhilfswerk „arche“, ist das schon ein Stück politisches Bekenntnis?

Ich kenne persönlich Kinder, die wenig zur Verfügung haben, viel weniger als andere in meinem Umfeld. Mir ist das sehr nahe gegangen, und ich halte es für berechtigt und gut, meine von den Tagesthemen geliehene Prominenz einzusetzen und solchen Kindern zu helfen. Und gelegentlich dazu beitragen zu können, öffentliches Bewusstsein zu schaffen für die, die sich gegen Armut einsetzen, die Hausaufgabenhilfe geben oder Kindern Frühstück und Mittagessen anbieten.

Ärgert es Sie eigentlich, wie oft in den Medien über Ihr Lächeln, Ihre Augenbrauen oder Ihre Größe berichtet wird, und Sie so auf Äußerlichkeiten reduziert werden?
Ach ja, es nervt schon ein bisschen. Aber damit müssen wir Frauen offenbar leben. Genau die gleiche Nummer hatten wir übrigens jetzt, als das neue Kabinett vom Bundespräsidenten die Ernennungsurkunden erhielt. Als sich alle brav in Reih und Glied aufstellten, twitterten sofort Kollegen, guckt mal, die Ministerinnen Klöckner und Giffey tragen beide Königsblau. Niemandem war offenbar aufgefallen, dass sämtliche Männer die gleiche Farbe trugen, nämlich ein sympathisches Anthrazit. Was für ein Unsinn.

Wie gehen Sie damit um, immer wie auf einem Präsentierteller zu Leben?

Wenn ich inhaltliche Fehler mache, ärgert mich das sehr viel mehr, als wenn mir Zuschauer schreiben, ihnen habe das Grün der Bluse nicht gefallen, die ich getragen habe. Das ist Geschmacksache, und ich kann antworten, gucken Sie morgen wieder neu. Andererseits machen wir Fernsehen, wir sind ein visuelles Medium, da gucken die Leute genau hin. Die Kamera lässt alles erkennen, auch wenn man mal nicht so gut drauf ist, das muss man akzeptieren. Dafür hat Matthias Brandt übrigens mal einen schönen Begriff kreiert, die Kamera sei ein Gedankensichtbarkeitsapparat. Stimmt! Künstlich verstellen bringt eh nichts.

Kann Caren Miosga eigentlich in Hamburg noch unerkannt und in alter Jogginghose über den Markt oder zum Brötchenholen gehen?
Ich kann schon (lacht), aber dann müsste ich wohl viel reden. Die Hamburger sind ja eigentlich diskret, aber ich gebe zu, dass ich den ganz großen Auftritt mit alter Jogginghose nicht geben würde. Den Preis, immer das Fernsehgesicht vor mir hertragen zu müssen, zahle ich allerdings nicht. Die Leute, die mich kennen, meine Nachbarn, die wissen ohnehin, wie ich aussehe, wenn ich ungeschminkt und nicht im Fernsehen bin.

Caren Miosga persönlich

Privatleben in Hamburg ist . . . angenehm (lacht), am liebsten an der Elbe.

Abschalten kann ich am besten . . . mit den Kindern.

Meine Hobbys sind . . .  dafür habe ich leider wenig Zeit, ich lese und mache Sport.

Kino oder Theater bereiten mir . . . manchmal Schmerzen, im Kino sah ich das letzte Mal „Three Billboards“, das ist jetzt aber auch schon wieder Wochen her. Ich leide aber am meisten, dass ich so wenig ins Theater gehen kann.

Urlaub mache ich am liebsten . . .  am Meer, wo es warm ist, mit viel Sonne.

Meine Töchter finden mich . . . zu ernst (wenn ich arbeite), zuweilen peinlich (wenn ich „uncoole“ Musik höre) und manchmal sogar lustig. Die mögen überhaupt nicht das Fernsehgesicht.

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