Neuer Blick auf Altbekanntes : Cap Polonio in Pinneberg: Von der Erfolgsgeschichte eines Hotels

Die Inneneinrichtung des Hotels stammt vom Ozeanriesen „Cap Polonio“.
Die Inneneinrichtung des Hotels stammt vom Ozeanriesen „Cap Polonio“.

Das Cap Polonio steht seit 1908 am Pinneberger Fahltskamp. Es überdauerte alle Widrigkeiten der beiden Weltkriege.

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10. August 2018, 12:00 Uhr

Pinneberg | Der Wasserturm, die Drostei, die Paasch-Halle, die Christuskirche an der Bahnhofstraße und der Bahnhof selbst – wie oft geht man an diesen denkmalgeschützten Gebäuden in Pinneberg vorbei, ohne sie wahrzunehmen oder zu wissen, was hinter diesen Mauern ist? Die Künstlerin Imke Stotz hat die denkmalgeschützten Gebäude in Aquarellfarben festgehalten. Stotz’ Tochter Helen Stotz liefert als Kontrast zu den bunten Bildern jeweils streng komponierte Fotos von den Originalbauwerken in klassischem Schwarz-Weiß. Elf Pinneberger Gebäude werden im Laufe der Serie vorgestellt.

Kaum verändert: So wie die Künstlerin Imke Stotz das Cap Polonio malte, sah es schon zur Entstehungszeit aus.
Imke Stotz
Kaum verändert: So wie die Künstlerin Imke Stotz das Cap Polonio malte, sah es schon zur Entstehungszeit aus.
 

Um sich die Stadt Pinneberg von früher vorzustellen, braucht es schon etwas Fantasie. Die jetzige Boom-Town mit modernen Gebäuden, vielen aktuellen Bauprojekten und daraus resultierenden Verkehrsbehinderungen war zur Kaiserzeit ein hübsches beschauliches Örtchen mit 4000 Einwohnern. An den Sommerwochenenden kamen die Städter aus Hamburg und Altona, um sich im Fahlt und in den vielen umliegenden Gaststätten und Pensionen zu erholen. Es muss an manchen Tagen einer Invasion geglichen haben – denn jährlich besuchten 100 000 Gäste den Naherholungsort Pinneberg.

Kein Wunder, dass ein Hotel am Fahlt zur Jahrhundertwende als sichere Investition in die Zukunft galt. Doch die Welt veränderte sich. Das zeigte sich auch am Beispiel von Vollborns Gasthof „Stadt Hamburg“, dem Vorgänger des Hotels Cap Polonio. Der Gasthof brannte 1901 aus, wurde 1908 unter Leitung des Architekten Theodor Sievers neu aufgebaut und hatte dann wechselnde Eigentümer, die sich alle mit kleineren und größeren Finanzsorgen herumschlugen. In diese Zeiten fiel der Erste Weltkrieg, der 17 Millionen Menschen das Leben nahm und 700 000 Deutschen den Hungertod brachte. Eine Zukunft für das schöne Gebäude, das seine Fassade bis in die Gegenwart nicht verändert hat, gab es erst ab 1935 wieder.

Ein modernes Haus

Da kaufte Otto Olbers der Stadt Pinneberg das damals moderne Haus ab. Der zweigeschossige Putzbau mit Backsteingliederung und Jugendstilanklängen macht etwas her, die Giebel mit ornamentalem Fachwerk sind noch heute prächtig anzusehen. Ungewöhnlich war allerdings, dass sich Olbers, der in jungen Jahren als Leitender Ingenieur auf dem Ozeanriesen „Cap Polonio“ gearbeitet hat, bereits vor dem Kauf eines Hotels die dazugehörige Innenausstattung besorgt hatte. Olbers bekam die zündende Idee für ein Hotel im maritimen Stil, als die „Cap Polonio“ abgewrackt werden musste. Die edle Einrichtung des Luxusliners stand zur Disposition und Olbers kaufte ein. Er übernahm alles – 65 Einzelfuhren mit Möbeln, Heizkörperverkleidungen aus Messing, Ledertapeten, Lampen, wertvollen Wandvertäfelungen aus Rosenholz und vielem mehr kamen am Pinneberger Hafen an. Die Anwohner staunten nicht schlecht, als sie die über Monate nicht enden wollende Möbelkarawane sahen. Überliefert ist, dass sie gesagt haben sollen: „Da ziehen Verrückte in unsere Stadt.“

Flair des Luxusliners

Doch die „Verrückten“ erwiesen sich als ausgesprochen clever, weil Olbers und seine Ehefrau Christine passend zur noblen Innenausstattung bald ein sehr schönes Hotel am Fahltskamp 48 fanden, erwarben und folgerichtig Cap Polonio tauften. Das Flair des Luxusliners, das die goldenen 1920er Jahre in sich trägt, konnten sie durch diesen Coup in die Räume ihres neuen Hauses hinüberretten. Das maritime Cap Polonio wurde schnell zur Institution. An den Feierlichkeiten zur Eröffnung am 1. August 1935 nahm auch Commodore Ernst Rolin teil. Der Kapitän navigierte den Ozeanriesen schon während einer verspäteten Jungfernfahrt 1922 über den Atlantik. Nach ihm wurde 2004 auch das hoteleigene Restaurant benannt.

Als der Zweite Weltkrieg begann, waren die Glanzzeiten des Hotels schnell wieder vorbei. Das „Polonio“ diente als Reservelazarett, als Ersatzbleibe für ausgebombte Hamburger und als Herberge für britische Besatzungssoldaten. Das Ehepaar Olbers konnte das Hotel trotz aller Widrigkeiten durch die schwierigen Kriegs- und Nachkriegsjahre hinüberretten. Nach dem Krieg hat die Familie es geschafft, an die frühen, guten Zeiten anzuknüpfen. Ständige Investitionen in den Aus- und Anbau gewährleisteten später eine höhere Aufnahmekapazität von Gästen und einen Standard auf der Höhe der Zeit. Das Hotel ist bis heute ein Familienbetrieb, jetzt in vierter Generation, bei dem alle mit anpacken. Mit dem dekorierten Koch Marc Ostermann ist aktuell sogar die Leitung der Küche in Familienhand. Das unter Denkmalschutz gestellte Gebäude dokumentiert noch heute die große Bedeutung Pinnebergs als Ausflugsort zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Zu der Serie gibt es fünf Postkarten jeweils mit den Motiven Ernst-Paasch-Halle, Wasserturm, Drostei, Christuskirche und der Bahnhof in der Geschäftsstelle des A. Beig-Verlags, Damm 9-19, zu kaufen. Eine Postkarte kostet 1,20 Euro, ein Satz mit fünf Karten fünf Euro.

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