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Zeitreise in die 1960er Jahre : Burkhard Tiemann: „ ‚King of the Road‘ in Hamburg -Nordwest“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Der Kreispräsident untewegs auf einer einer Kreidler. Als Tiemann 16 Jahre alt wurde, durfte er mit seiner Maschine fahren.

shz.de von
erstellt am 11.Nov.2015 | 10:00 Uhr

Kreis Pinneberg | Das tuckernde Motorgeräusch ist durch den Nebel rund um die Schlossinsel zu hören. Lange bevor dessen Quelle zu sehen ist. Dann tauchen plötzlich zwei Kreidler-Motorräder im Dickicht auf und rollen langsam auf das alte Gerichtsschreibergebäude zu, in dem sich heutzutage das Atelier Galerie III befindet. Die Fahrer auf den knallroten Maschinen wirken zu groß für die beiden Kleinkrafträder. Als die Motorräder zum Stehen kommen, nehmen die Fahrer die schwarzen Helme ab. Darunter stecken Manfred Baier von der Interessengemeinschaft „Rund ums Rad“ und Pinnebergs Kreispräsident Burkhard Tiemann.

„Ich habe meine erste Liebe wiedergefunden“, sagt Tiemann über die Fahrt auf dem 3,6 PS starken Kleinkraftrad aus dem Jahr 1960, das in der Farbe „Vulkanrot“ lackiert ist. Offizielle Geschwindigkeit: 65  Kilometer pro Stunde. „Meine ist damals etwa 80 gefahren“, schwärmt Tiemann. „Eine Kreidler war in meiner Jugend das A und O.“ Als Tiemann 16 Jahre alt wurde, durfte er mit seiner Maschine fahren. Vor 54 Jahren. „Das ist echte Motorgeschichte“, sagt Tiemann. Baier ergänzt: „Die Kreidler ist der Mercedes unter den Mopeds.“ Tiemann verzieht das Gesicht und korrigiert: „Kleinkraftrad. Das Wort Moped habe ich nie gern gehört. Auch heute nicht.“

Die Preise aus den 1960er Jahren kennen Tiemann und Baier ganz genau. 864 D-Mark kostete die Kreidler neu, hinzu kamen 10 D-Mark für die Weißwandreifen und 15 D-Mark für den Gepäckträger. „Ein Golf kostete damals 3300 D-Mark“, sagt Baier. 300 D-Mark zahlte Tiemann für seine gebrauchte Maschine. „Das war ja echt günstig“, wundert sich Baier. Das Modell, auf dem Tiemann Minuten zuvor auf die Schlossinsel in Barmstedt fuhr, kaufte er in Griechenland. 400 Euro kostete die Maschine im schlechten Zustand. „Die Felgen und Reifen sind neu und der Rest wurde komplett überholt. Ich hatte quasi jedes Teil einmal in der Hand“, sagt Baier. 150 Stunden Arbeit investierte er für das Schleifen, Lackieren und das Überholen des Motors. Und etwa 400 bis 500 Euro. Der aktuelle Wert der restaurierten Maschine: etwa 2800 Euro.

„Zwei Jahre war ich mit der Kreidler der ‚King of the Road‘ in Hamburg-Nordwest“, erinnert sich Tiemann. Natürlich wurde an der Maschine entsprechend geschraubt, um schneller zu werden. „Ich habe jetzt erst von Manfred Baier erfahren, dass vieles kaum etwas gebracht haben kann“, sagt  Tiemann. Dennoch kitzelte er 15 Kilometer pro Stunde mehr raus – und gewann so zahlreiche Straßenrennen. „Die gab es damals dauernd“, sagt der Kreispräsident. „Heute kommt einfach eine neue Blackbox rein. Früher mussten wir noch richtig basteln“, erinnert sich Baier.

Eingelöstes Versprechen

Vor vier Jahren lernten sich beide auf der Messe „Nordica“ in Horst kennen. Baier präsentierte seine Kreidler. „Ich bin dann drei-, viermal um den Stand geschlichen. Ich wollte nicht aufdringlich sein“, sagt Tiemann. Dennoch kamen beide ins Gespräch und Baier versprach ihm eine Fahrt auf seiner „ersten Liebe“. Dieses Versprechen löste er nun ein.

„Du kannst nicht einmal den Spiegel verstellen, ohne dass es wackelt. Das ist wie Fahrradfahren“, beschreibt Tiemann das heutige Fahrgefühl und ergänzt: „Wenn man sich erinnert wie man damals gefahren ist – so forsch fährt man heute nicht mehr.“ Baier sieht es gelassen: „Die Sicherheit kommt von allein, wenn man eine Woche damit gefahren ist.“

Für Tiemann bleibt die Ausfahrt aber einmalig. „Meine Frau sagte: ,Wenn Du Deine Trude verkaufst, kannst Du Dir die Kreidler kaufen.‘ Das fällt mir dann doch schwer“, sagt der Kreispräsident, der sonst gern eine Suzuki Intruda-Maschine fährt.

HISTORIE Kreidler Metall- und Drahtwerke GmbH

Die Kreidler Metall- und Drahtwerke GmbH wurde 1904 in Stuttgart gegründet. In den frühen 1920er Jahren sammelte Alfred Kreidler, der Sohn des Firmengründers, nach Abschluss seines Studiums an der Technischen Hochschule Stuttgart konstruktive Erfahrungen in Berlin, unter anderem in der Automobilindustrie. Einer persönlichen Neigung folgend, konstruierte, baute und verkaufte er damals auch schnelle Motorräder. Der Fokus blieben aber Mopeds, Mofas, Mokicks, Klein- und Leichtkrafträdern von 50 bis 80 Kubikmeter Hubraum, die bis in die 1980er Jahre produziert wurden. 1982 meldete das Unternehmen Konkurs an. Die Marke Kreidler wurde in den 1990er Jahren vom Fahrradhersteller Prophete übernommen. baf

 
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