Rellingen : Bundesweit die beste Bestatterin

Alltag für Johanna Wilke: Der Umgang mit dem Tod.
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Alltag für Johanna Wilke: Der Umgang mit dem Tod.

Hier liegen sie richtig: Johanna Wilke aus Rellingen gewinnt beim Bundesleistungswettbewerb des Deutschen Handwerks.

shz.de von
18. November 2013, 12:00 Uhr

Tod und Leben sind auf unausweichliche Weise miteinander verknüpft. Der Tod begrenzt das Dasein – und verleiht ihm dadurch Sinn. Die Zeit auf Erden ist limitiert, der Tod macht sie wertvoll. Und genauso wird der Tod im Bestattungsunternehmen Vieweg in Rellingen behandelt: mit Wertschätzung.

Für Johanna Wilke gehört der Tod zum Alltag. „Anfangs war das noch fremd, mit der Zeit ist der Tod im Berufsalltag aber mein Freund geworden“, sagt die ehemalige Vieweg-Auszubildende. Mit ihren 25 Jahren beeindruckt die junge Frau mit Selbstsicherheit und Eloquenz. Wilke ist Bestattungsfachkraft, die beste in ganz Deutschland. Gerade gewann sie beim Bundesleistungswettbewerb ihrer Branche und wurde Bundessiegerin.

Der Wettbewerb fand in Düsseldorf statt. Die Landessieger – alle Bestattungsfachkräfte bis zu 25 Jahren und mit einer Abschlussnote von mindestens „gut“ – mussten zum Thema „Vorsorge zu Lebzeiten“ referieren. 45 Minuten hatten Wilke und ihre sechs Mitstreiter Vorbereitungszeit für den Monolog vor der Jury. Johanna Wilke überzeugte mit ihrem Vortrag, den sie frei – nur mit ein paar Stichpunkten – hielt. Mit ihren Worten berührte sie das Publikum. Empathie, darauf kommt es an in dem Job.

Doch warum wird eine junge Frau Bestatterin? Nach dem Abitur war die gebürtige Hamburgerin für ein Auslandsjahr in Japan. „Dort schaute ich den Film ‚Nokan – Die Kunst des Ausklangs‘. Er hat mich sehr berührt und dem Thema gegenüber aufmerksam gemacht“, berichtet sie. Als Bestattungsfachkraft hilft sie Menschen, mit ihrer Trauer und Schmerzen des Verlusts umzugehen. Sie unterstützt dabei, richtig Abschied zu nehmen und klärt in Beratungsgesprächen, welche Bestattungsformen gewählt werden können. Außerdem: Sie wäscht und kleidet die Toten. Und sie lernte das Rekonstruieren und Einbalsamieren. „Denn der letzte Anblick soll friedvoll und heilsam für die Angehörigen sein.“ Für die Hinterbliebenen sei es wichtig, den Verstorbenen noch einmal zu sehen. Das helfe den Trauerprozess nicht zu verdrängen und noch schmerzhaftere Wunden zu vermeiden. „In ganz Schleswig-Holstein bieten nur vier Institute die Rekonstruktion an“, so Ausbilder Jörg Vieweg.

Während ihrer Ausbildungszeit nahm Wilke an Wochenenden zusätzlich an einer Weiterbildung teil, zur Sterbe-Amme. „Der Begriff ist noch nicht geläufig, es ist eher als Sterbebegleitung bekannt.“ Wie eine Hebamme beim Eintritt ins Leben, hilft sie als Amme beim Sterbeprozess.

Gestorben wird immer, bestattet nicht immer richtig: „Die Branche muss noch viel tun“, sagt Ex-Chef-Vieweg. Und ist stolz, eine junge Frau wie Johanna ausgebildet zu haben, der Branche damit auf den richtigen Weg zu helfen.

Sie selbst sei „dankbar für die Möglichkeit im Betrieb“. Dabei wollte sie ursprünglich Psychologie studieren. Bei der ersten Bewerbung 2009 bekam sie jedoch, aufgrund des hohen Numerus Clausus, keinen Studienplatz. Nach der Ausbildung bewarb sie sich noch einmal – und zog nach dem landes- und bundesweiten Sieg selbstbewusst ihre Uni-Bewerbung zurück. Um selbst ausbilden zu können, legte sie gerade eine schriftliche Prüfung ab. Die Praktische folgt im Dezember. Sie bleibt der Bestattungsbranche vorerst treu. „Es fühlt sich genau richtig an, das zu tun“, sagt sie.

Wilke schätzt und akzeptiert den Tod, geht respektvoll mit ihm – mit den Verstorbenen und auch den Angehörigen – um. Und gibt damit auch dem Leben seinen angemessenen Wert. Da wundert es nicht, dass die junge Frau ihre Berufswahl wie selbstverständlich Berufung nennt.

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