Bühne frei für die Zukunft

Der neue Speeldeel-Vorstand plant einige Veränderungen: Jutta Wendland (von links), Christian Hinsch, Werner Flick, Bruno Gradtke und Claus-Peter Jessen.
Der neue Speeldeel-Vorstand plant einige Veränderungen: Jutta Wendland (von links), Christian Hinsch, Werner Flick, Bruno Gradtke und Claus-Peter Jessen.

Jutta Wendland ist die neue Vorsitzende vom Theaterverein Elmshorner Speeldeel /Ein Interview über Pläne und die Sprache der Heimat

shz.de von
17. August 2018, 16:00 Uhr

Seit 25 Jahren steht Jutta Wendland regelmäßig auf der Bühne des niederdeutschen Theatervereins Elmshorner Speeldeel. Nun hat die 53-Jährige den Posten der Vorsitzenden übernommen. Die Vorstandswahl war nötig geworden, weil der bisherige Vorsitzende Reinhard Glantz zurückgetreten war. Im Gespräch mit unserer Zeitung erzählt Wendland über ihre Anfänge bei der Speeldeel, die plattdeutsche Sprache und was der Verein für die Zukunft plant.

Frau Wendland, ein Kollege von uns hatte mit dem Speeldeelgeschäftsführer Werner Flick gesprochen. Der erzählte, er sei im Vorfeld der Vorstandswahl mit allen Kandidaten „durchgegangen, was auf sie zukommt“. Können Sie erzählen, was er damit meint?

Naja, es ging um die vielen Baustellen, um die wir uns kümmern müssen. Wir sind gerade in der Umbruchphase und müssen etwas verändern. Zum Beispiel haben wir ja die Kündigung der Stadt für unseren Probenraum in der Markthalle – in der wir seit 42 Jahren unser Unwesen treiben – bekommen. Zum Ende des Jahres müssen wir ganz offiziell raus und wir wissen noch nicht, wie es weitergeht.

Das ist eine Frage, die Sie in Gesprächen mit der Stadt diskutieren müssen. Aber glauben Sie, dass sich auch der Verein selbst verändern muss?

Um die Zukunft der Speedeel zu sichern, kommt eine Menge Arbeit auf uns zu. Wir sind überaltert und brauchen ganz dringend junges Blut – auch junge Leute, die kein Plattdeutsch sprechen.

Haben Sie dazu eine konkrete Strategie?

Wir müssen unser Auftreten vereinheitlichen und mehr Werbung betreiben. Wir wollen in der Stadt präsenter sein und zeigen: Es gibt diese Bühne – hier könnt ihr mitmachen! Wir freuen uns dabei über Menschen, die auf der Bühne stehen wollen. Aber wir brauchen auch Leute, die die anderen Arbeiten übernehmen. Die die Maske leiten, sich um Kleidung und Requisite kümmern, Bühnen bauen oder die Technik übernehmen. Plattdeutsch ist dabei keine Grundvoraussetzung. Diese Sprache kann einem beigebracht werden und sie ist einfach zu lernen.

Was ist bei Ihnen die Arbeitssprache? Wenn ich überhaupt kein Plattdeutsch kann, aber gerne Bühnen baue – kann ich trotzdem mitmachen?

Aber natürlich! Plattdeutsch wird hauptsächlich auf der Bühne gesprochen. Untereinander sprechen wir meist Hochdeutsch. Es gibt hin und wieder so een beten Plattdüütsch, aber wenn einer etwas nicht versteht, wird das sofort erklärt.

Wie viele aktive Mitglieder haben Sie im Augenblick?

Aktive, die wirklich nur spielen, sind maximal zehn.

Grenzt Sie das schon bei der Stückauswahl ein?

Genau. Stücke mit zehn, zwölf Personen – das ist schon schwierig. Die Jungen fehlen auch hier. Wenn die Schauspieler alle in einem Alter sind, sieht es komisch aus, wenn einer das Kind von jemanden spielen soll. Dann müssen wir die Stücke umschreiben und eine Cousine daraus machen. Auch deshalb brauchen wir die Jungen. Aber generell: Jedes Alter ist uns willkommen.

Rühren Sie doch mal die Werbetrommel: Warum sollte ich Plattdeutsch lernen?

Weil Plattdeutsch hier zu Hause ist. Das wird verkannt. Fährt man nach Bayern, ja mei, da spricht jeder Dialekt. Das ist dort ganz typisch. Aber hier müssen wir aufpassen, dass unsere Sprache nicht ausstirbt.

Man hat das Gefühl, dass in Süddeutschland die Sprache einen großen Teil der Identität ausmacht. Die Art zu sprechen erzeugt dort ein Zusammengehörigkeitsgefühl – mia san mia. Und bei uns? Manchmal wirkt es eher so, als sei das Plattdeutsche den Menschen peinlich.

Ja, das hat viel mit der Erziehung und der Schule von früher zu tun. Ich kenne Geschichten von alten Elmshornern, die zu Hause nur Plattdeutsch gesprochen und dann in der Schule ein Sprechverbot auferlegt bekommen haben – weil sie kein Hochdeutsch konnten.

Weil Plattdeutsch als hinterwäldlerisch galt?

Plattdeutsch galt als provinziell. In der Bildungsinstitution Schule wurde das Plattdeutsche deshalb nicht gerne gesehen. Und diese Verbote sitzen bei vielen heute noch ganz tief drin. Dabei ist Plattdeutsch eine schöne Sprache. Eine, für die man sich nicht schämen braucht und die zu uns gehört. Und das sage ich, obwohl ich aus Hessen komme und mit Plattdeutsch gar nicht großgeworden bin.

Woher kommen Sie ursprünglich?

Aus Rüsselsheim. Als Elfjährige bin ich hergekommen, also bin ich seit über 40 Jahren hier oben. Aber ich bin lange nicht mit Plattdeutsch in Berührung gekommen. Wenn man in der Innenstadt wohnt – da spricht das keiner.

Wie sind Sie dann zur Speeldeel gekommen?

Eigentlich wollte ich Schauspielerin werden. Aber das ist ja eine brotlose Kunst, sagten die Eltern und empfahlen: Mach lieber etwas Vernünftiges. Also bin ich Krankenschwester geworden. Doch der Wunsch nach dem Theaterspielen war noch lange präsent. Also habe ich mir gedacht, ich suche mir meine Bühne selbst. So bin ich über die Speeldeel gestolpert. Und Plattdeutsch: Ich habe mir gedacht, jede andere Sprache kann man lernen – das auch.

Wie sieht Ihr weiterer Plan für die Zukunft der Speeldeel aus?

Wir wollen ein bisschen mehr auf Wünsche unserer Zuschauer eingehen und nachforschen, was sie sehen wollen. Wir werden prüfen, ob wir unser Programm überarbeiten sollten und vielleicht mal was Kurzweiliges anbieten. Zu uns gehören auch die „Jungen Platten“, eine Gruppe von Kindern, die plattdeutsche Geschichten liest und kleine Sketche aufführt. Vielleicht können wir diese Gruppe bei uns integrieren und mitnehmen auf die Bühne. Aber das sind nur erste Ideen, die wir zusammen erarbeiten werden.

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