Konzert : Bravo-Rufe für Wiener Ausnahmepianisten Paul Badura-Skoda in Rellingen

Der Wiener Ausnahmepianist Paul Badura-Skoda vor seinem geliebten Bösendorfer-Flügel, der extra für ihn in die Rellinger Kirche transportiert wurde.
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Der Wiener Pianist Paul Badura-Skoda vor seinem geliebten Bösendorfer-Flügel, der extra für ihn in die Rellinger Kirche transportiert wurde.

Beim 33. Rellinger Mai-Festival interpretiert der Kult-Pianist die letzte Werke von Franz Schubert.

shz.de von
28. Mai 2018, 16:50 Uhr

Rellingen | Es lag ein Flirren in der Luft, als die lebende Legende, Paul Badura-Skoda, auf seinem Klavierhocker Platz nahm. Alle waren gespannt auf den Ausnahmepianisten und fieberten seinem Auftritt entgegen. Besonders Kantor Oliver Schmidt hatte nach eigenem Bekunden ein Kribbeln im Bauch: „Ich bewundere Badura-Skoda schon sehr lange. Und ich freue mich, dass er sich Franz Schuberts letzte Werke für sein Konzert in der Rellinger Kirche ausgesucht hat. Die Musik verbinde ich mit meinem Großvater.“

Ein Blick in die Tiefe eines Werkes

Nicht nur Schmidt war emotional ergriffen, als Badura-Skoda die Klaviersonaten erklingen ließ. Das Publikum wirkte zeitweise geradezu hypnotisiert. Mucksmäuschenstill hörten die Festivalgäste dem Ausnahmepianisten zu – viele mit geschlossenen Augen. Der Neunzigjährige selbst spielte bemerkenswert frei und ungezwungen. Er muss niemandem mehr etwas beweisen. Badura-Skoda liebt es, hinter die Kulissen eines Werkes zu schauen. So sind Schuberts Sonaten nach seiner Meinung nicht wie bei Beethoven „gebaut“, sondern „gewachsen“. Wie auch immer, sein Spiel war sensationell. Der Wiener wurde mit Bravo-Rufen und stehenden Ovationen verabschiedet.

Wie meist bei den wirklich Großen, zeigen sie sich hinter der Bühne höflich und bescheiden. So auch Badura-Skoda, der sieben Jahrzehnte in nahezu allen Konzerthäusern der Welt gespielt hat. „Er wollte keine Extra-Behandlung“, sagte Schmidt. Der einzige Wunsch des Ausnahmepianisten sei es gewesen, in Rellingen auf seinem geliebten Bösendorfer-Flügel spielen zu können. Der Wunsch konnte ihm erfüllt werden. Wie vieles beim Rellinger Mai Festival wurde das Transportproblem durch persönliche Beziehungen geregelt. Die langjährigen, fast familiären Strukturen zwischen Organisatoren und Künstlern machen das kleine Festival außergewöhnlich: „Die zahlreichen Ehrenamtlichen und die Sponsoren nicht zu vergessen“, ergänzte Michael Schopf, Vorsitzender des Vereins zur Förderung der Musik an der Rellinger Kirche (MRK).

Musikerin ohne Noten

Luz Leskowitz, seit Anbeginn künstlerischer Leiter des Festivals, brachte am Wochenende wieder seine „Salzburger Solisten“ mit nach Rellingen. Die Musiker, die Führungspositionen in Orchestern innehaben oder als Professoren an Musikhochschulen tätig sind, haben gleich beim Eröffnungskonzert gezeigt, dass sie auf höchstem Niveau musizieren. Ingemar Brantelid (Violoncello), Vladimir Mendelssohn (Viola), Aylen Pritchin (Violine) und Solenne Paidassi (Violine) zeigten sich mit Ensemble-Chef Leskowitz in wechselnder Besetzung und präsentierten unter anderem Werke von Hummel, Schumann und Neruda. Nicht zu vergessen: die sympathische Kontrabassistin Mette Hanskov, die für Lacher sorgte, weil sie ihre Noten vergessen hatte. Ihr Rieseninstrument musste sie auf der Bühne mehrfach hin- und her tragen, bis ein Herr Mitleid hatte und von der Empore rief: „Kann ich helfen?“ Wirklich herausragend war der Dresdner Trompeter Joachim Schäfer. Und wegen Pianistin Misa Hasegawa sind sogar drei ihrer Schülerinnen extra aus Japan nach Rellingen gereist.

Der Cellist der Superklasse, David Geringas, zeigte seine große Kunst an zwei Tagen, musste aber vor dem „Grand Finale“ am Sonntag schon wieder in den Flieger steigen. „Das hat sich im Gegensatz zu früher ein wenig verändert“, meinte Festivalinitiator Günter Rosinski. „Da kamen die Künstler eher und blieben länger. Heute haben sie alle Termindruck.“




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