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Der Engel in der Wohngruppe : Brasilianerin macht ihren Bundesfreiwilligendienst in Prisdorf

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Die 22-jährige Brasilianerin Anna Paula Martin Santoz betreut Menschen mit Behinderung in Prisdorf.

shz.de von
erstellt am 08.Jun.2016 | 15:00 Uhr

Prisdorf | Lange Traumstrände, riesige Regenwälder, und Millionenstädte, Caipirinha, Karneval und Samba: Die Brasilianerin Anna Paula Martin Santoz aus Sao Paulo hat ihre Heimat hinter sich gelassen, um im beschaulichen Prisdorf ihren Bundesfreiwilligendienst zu absolvieren. Vorher hatte sich die 22-Jährige als Au-Pair ein Jahr lang um die Kinderbetreuung einer Hamburger Familie gekümmert. Weil sie ihre Deutschkenntnisse weiter verbessern wollte, kam der Vertrag mit der Großstadt-Mission Hamburg-Altona zustande, die unter anderem in Prisdorf eine Wohngruppe für Menschen mit Behinderungen betreut.

Der Bundesfreiwilligendienst umfasst in der Regel ein  Jahr (bis zu 1,5 Jahren mit Sondergenehmigung) und kann in verschiedenen Bereichen absolviert werden. Die Einsatzzeit ist abhängig von den Arbeitszeiten der jeweiligen Einsatzstelle. In Prisdorf sind es 40 Stunden. Auswärtige Bewerber benötigen ein Visum und Sprachkenntnisse. Die Großstadt-Mission zahlt ein Taschengeld von 154 Euro und einen Verpflegungskostenzuschuss von 229 Euro. Das Essen in der Wohngruppe ist kostenfrei. Zudem ist freies Wohnen in einer kleinen Wohnung in Prisdorf möglich. Die Sozialversicherungsbeiträge zahlt der Arbeitgeber. Das Jahr beinhaltet regelmäßige Fortbildungstage beim Diakonischen Werk. Interessierte können sich bei Heike Jordan unter Telefon 04101-72187 informieren. Alle Einsatzstellen im Bundesgebiet und weitere Details zum Bundesfreiwilligendienst finden sich auch im Internet.

Martin Santoz unterstützt dort das vierköpfige Betreuerteam . Zehn erwachsene Bewohner arbeiten tagsüber in einer Werkstatt. Gegen 15.45 Uhr empfangen die Mitarbeiter sie und unterstützen sie im Alltag. „Ziel ist es, den Menschen trotz Behinderung möglichst viel Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen. Selbstständigkeit soll gefördert und gefordert werden“, erklärt Betreuer Bert Nagor.

In der Praxis bedeutet dies beispielsweise, dass die Brasilianerin dabei hilft, die Betten zu beziehen oder die Räume zu putzen – sie nimmt ihnen die Arbeit aber nicht ab. Eineinhalb Jahre lang war die 22-Jährige Ansprechpartnerin, Seelentrösterin und Mitspielerin beim „Mensch ärgere dich nicht“. Dadurch, dass sie sich voll den Menschen widmen kann, wurden die anderen Betreuer entlastet. Nagor ist voll des Lobes über die Brasilianerin: „Die Bewohner haben sie alle ins Herz geschlossen. Sie ist unser Engel der Wohngruppe.“

Martin Santoz hatte bereits in Brasilien für eine Organisation gearbeitet, die Kinder aus armen Vierteln fördert. Die Arbeit mit Menschen mit Behinderung sei eine Herausforderung gewesen, die sie aber gern angenommen hat. „Ich wollte wissen, wie das ist. Erst wenn wir länger mit diesen Menschen arbeiten, wissen wir es und können sie verstehen“, sagt die 22-Jährige. „Man kann von Menschen mit Behinderung lernen, mit weniger zufrieden zu sein und sich nicht so viel zu beschweren.“ Die Handicaps sind vielfältig. Unter den Bewohnern sind Autisten, Menschen mit Down-Syndrom oder anderen geistigen Behinderungen.

Martin Santoz gefällt sowohl die Arbeit als auch Deutschland. „Hier geht alles schneller als in Brasilien. Und ich habe viel mehr Möglichkeiten, zu lernen.“ Das Ausbildungssystem und die Universitäten seien besser. In ihrem Heimatland hingen die beruflichen Möglichkeiten stark vom Geldbeutel ab. „Wer nicht genug Geld für eine Privatschule hat, für den ist das schlimm“, sagt sie. Das Niveau der staatlichen Schulen sei niedriger als das der privaten. An die Uni könne man damit nicht.

Übermäßig pünktlich

Zunächst sei die übermäßige Pünktlichkeit der Deutschen für sie ungewohnt gewesen. „Am Anfang habe ich oft etwas verpasst“, erinnert sie sich und lächelt. „Aber jetzt liebe ich die gute Organisation und die Pünktlichkeit.“ Ihre Familie, das gute Wetter und die Lebensfreude der Menschen in Brasilien vermisse sie aber schon. Zudem gebe es viel mehr Sorten Obst und Gemüse in ihrer Heimat. Eine Mischung aus den Vorzügen beider Ländern wäre perfekt, findet sie.

Etwas brasilianisches Flair hat sie bei einem von ihr ausgerichteten Fest nach Prisdorf geholt. Die Bewohner seien begeistert gewesen, schildert Betreuer Nagor. „Sie hat so viel Lebensfreude in die Gruppe gebracht. Vorher haben wir gar nicht mehr ,Mensch ärgere dich nicht’ gespielt, jetzt machen wir das wieder.“

In diesen Tagen endet ihre Zeit in Prisdorf. Dann beginnt sie eine Ausbildung als Krankenschwester in Hamburg, will aber langfristig zurück nach Südamerika. Die Großstadt-Mission hofft, einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin zu finden. Noch ist die Stelle unbesetzt. Martin Santoz rät, offen zu sein für die Bewohner. „Man muss wirklich mit Menschen arbeiten wollen. Aber es lohnt sich. Es ist eine wunderschöne Arbeit.“

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