Helgoland : Börteboote vor dem Aus

Passagiertransport per Börteboot vor Helgoland.
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Passagiertransport per Börteboot vor Helgoland.

Tage der „Rudder“ auf der Hochseeinsel scheinen gezählt. Anleger für LNG-Fähre geplant.

shz.de von
01. Januar 2015, 12:34 Uhr

Helgoland | Draußen peitscht der Regen gegen die Zeltwände, drinnen steht ein aufgebocktes Boot. Decksmann Robert Harms streicht über die rissige Farbe auf den mächtigen Eichenplanken. „Dem Boot vertrau' ich mein Leben an.“ Über 30 Millionen Menschen haben diesen Booten ihr Leben anvertraut, wenn sie im Sommer vor Helgoland von den großen Fähren auf die Boote umsteigen mussten, die sie zum Ufer und später wieder zurück zum Schiff brachten.

Jetzt sind die Tage der Börteboote wohl gezählt. Auf Deutschlands einziger Hochseeinsel ist der Streit über die Börteboote wieder aufgeflammt. Die einen sprechen von Tourismusbremsen, die anderen pochen auf die Tradition.

Als Helgoland 1826 Seebad wurde, hatte es keinen Hafen, sagt der ehemalige Helgoländer Brückenkapitän Erich-Nummel Krüss. Die Passagiere wurden „huckepack“ die letzten Meter durchs Wasser getragen. Später wurden dann die auf Helgoland als „Rudder“ bezeichneten Börteboote eingesetzt. Mächtige offene, an die zehn Meter lange, drei Meter breite und acht Tonnen schwere Boote mit Platz für fast 50 Menschen.

25 Jahre lang war Krüss Chef des Ausbootens. „Bis zu 20 Boote hatten wir damals am Tag im Einsatz“, erinnert sich der 82-Jährige. „An die elf Fähren lagen dann im Sommer auf Reede.“ Das war Anfang der 1970er Jahre. 1971 kamen mehr als 831  000 Menschen auf die Insel. Das hat sich dramatisch geändert. Zuletzt waren es zirka 310  000, sagt der parteilose Bürgermeister Jörg Singer. Wie viele andere macht er sich Gedanken, wie man den Trend umkehren könnte.

Der Hotelier und Gastronom Detlev Rickmers gehört zu denen, die dem Ausbooten keine Zukunft mehr geben. „Mir blutet das Herz, ich bin mit dem Ausbooten groß geworden“, beteuert er. Aber: „Über bestimmte Dinge geht die Zeit hinweg.“ Immer weniger Gäste und Reeder würden das Ausbooten akzeptieren, sagt Rickmers, der auch Vorsitzender des Business Improvement Club Helgoland ist. Er wirbt dafür, dass die Fähren künftig am Kai anlegen. Zugleich will er die Tradition bewahren. So könnte ein Schiff als Bäderschiff auch das Ausbooten im Programm haben.

Im Sommer wird die neue LNG-angetriebene Fähre der Reederei Cassen Eils den Betrieb aufnehmen. „Wir gehen davon aus, dass wir nicht ausbooten“, sagt eine Firmensprecherin. Schließlich habe Helgoland bei der Ausschreibung für das 30 Millionen Euro teure Schiff Barrierefreiheit und Frachtkapazität gefordert. Das neue Schiff erfülle die Anforderungen. „Jetzt müssen sich die Insulaner dazu positionieren.“

„Derzeit hat die Gemeinde keine eigene Anlandemöglichkeit für die neue Fähre“, sagt Bürgermeister Singer. Bis 2020 soll sich das ändern. Das Projekt werde geprüft, Baubeginn könnte 2017 oder 2018 sein. Für Bootsführer Sven Köhn ist das Ende der Helgoländer Tradition absehbar: „Das mit dem Ausbooten läuft vielleicht noch zwei, drei Jahre.“

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