Bilderbuch-Forschung auf der Insel

Die „Lange Anna“ ist einer der Gründe, warum Touristen immer wieder die Insel besuchen.
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Die „Lange Anna“ ist einer der Gründe, warum Touristen immer wieder die Insel besuchen.

Auf der einzigen Hochseeinsel Deutschlands wird der Begriff Forschung groß geschrieben. Nicht nur die ökologischen Wechselbeziehungen zwischen den Arten möchten Wissenschaftler besser verstehen, vielmehr sind sie dabei, ein Gesamtbild vom komplexen Ökosystem Meer zu zeichnen.

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19. Mai 2009, 11:47 Uhr

Helgoland. 60 Kilometer vom norddeutschen Festland entfernt erhebt sich ihr beeindruckendes Felsmassiv aus Bundsandstein aus dem Meer: die Insel Helgoland. Kommen Touristen meist wegen der „Langen Anna“, einem 47 Meter hohen und 25 Tausend Tonnen schwerer Felsen und wegen der rauen Natur auf die Insel, schlagen Wissenschaftler ihre Zelte anläßlich der für deutsche Küsten vielseitigen Tier- und Pflanzenwelt auf. Schließlich wird dort der Begriff Forschung groß geschrieben.

Die Biologische Anstalt Helgoland, in die Stiftung Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung eingebunden, untersucht seit Jahren die Lebensgemeinschaften in der Nordsee. „Wir arbeiten aber nicht nur an der Biodiversität (Artenvielfalt), um den Tieren und Pflanzen eine Nummer zu geben. Unser Interesse gilt diesem unglaublichen Reichtum an verschiedenen Arten, gepaart mit dem Nutzen für den Menschen und der damit verbundenen Nachhaltigkeit in Sachen Umweltschutz“, beschreibt Professor Dr. Karen Helen Wiltshire, Direktorin der Biologischen Anstalt Helgoland (BAH) und der Wattenmeerstation Sylt, die Schwerpunkte des Institutes.

Das essenzielle Bedürfnis der Menschen

Sie spricht wie auch andere Wissenschaftler damit das essenzielle Bedürfnis der Menschen an, die Nahrungsvielfalt hoch zu halten – so werden die Ressourcen der Erde nicht weniger und gerade den Meeren geht es zunehmend schlechter – bei gleich bleibender Nachfrage der Bevölkerung. Obwohl zum Beispiel die Nordsee so wichtig ist, beutet der Mensch diese seit Jahrzehnten „skrupellos“ aus. Daher gilt die Nordsee auch als stark angeschlagen, sie zeigt es nur noch nicht. „Ich bin immer wieder überrascht, wie die Nordsee es schafft, jeden Tag aufs neue zu existieren“, sagt Wiltshire weiter. Damit das zumindest auch weiterhin so bleibt, forschen jährlich mehr als 100 Gastwissenschaftler aus der ganzen Welt in den vor Ort zur Verfügung gestellten sechs Laboren an eigenen Projekten. Untersuchungen im Wasser rund um Helgoland können durch Experimente und Zuchtversuche optimal ergänzt werden. Die ständig mit frischem Meerwasser versorgten Laboratorien und Meerwasserbecken auf den Freiflächen ermöglichen auch die Haltung und Zucht von empfindlichen Mikroorganismen. Erforscht werden vor allem Algen, Krebse, Muscheln und der Borstenwurm.


Aber warum ist das Institut international so hoch angesehen? Zum einen stellt es eine Datenbank zur Verfügung, die sogar Messungen und Proben aus dem Jahr 1873 dokumentiert vorliegen hat. Zum anderen ist es eben diese Artenvielfalt. „Helgoland ist eine marine Oase, ein Zufluchtsort für die meisten Bewohner der felsigen Unterwasserwelt“, so die Direktorin. Sie existieren ausschließlich in dieser Oase – auch weil sie in den angrenzenden Schlick- und Sandböden nicht überleben können. Und genau diese Lage spielt den Forschern immer wieder neue Erkenntnisse zu. Sie bietet beispielsweise Meeresbiologen wie Dr. Onno Groß ideale Bedingungen für Forschungen. „Die Insel und das Drumherum ist einfach für jeden Wissenschaftler fantastisch“, sagt er. Durch die verschiedenen Lebensräume sei es möglich, Tiere und Umgebung bei Hoch- und Tiefwasser zu beobachten. „Im Felsenwatt etwa ist es sogar möglich, Tiere zu sichten, die Wissenschaftler ansonsten nur bei Tauchgängen zu Gesicht bekommen“, legt Groß, der auch die Meeresschutz-Initiative Deepwave in Hamburg gegründet hat, nach.

Ein Liebling kurz vorm Aussterben

Die Forscher sind dabei natürlich auf beste Technik angewiesen. Ein besonderer Hingucker ist dabei zweifelsohne der Forschungskutter „Uthörn“. Er führt die beschriebenen Mess- und Fangfahrten im Bereich der Deutschen Bucht durch. Der Kutter gehört zu einer Flotte von vier Booten, die teilweise sogar Laboren und bis zu 12 Wissenschaftlern Platz bieten.


Dass die Anstalt für den Meeresschutz wichtig ist, zeigen die bedrohlichen Zahlen der zurückgegangen Fischarten – die überall in den Weltmeeren zu verzeichnen sind. Was beispielsweise für den weltweit bedrohten Roten Thun zählt, beschreibt die Situation für den Dorsch: Dieser ist nicht nur auf der Roten Liste der Naturschutzorganisation IUCN, auf der alle bedrohten Arten aufgelistet werden, vielmehr ist dieser für viele Wissenschaftler schon längst ausgerottet. Durch die langjährigen Beobachtungen der Anstalt ist es aber möglich, das Warum besser zu verstehen – „der Dorsch scheint sich aber nicht mehr so richtig zu erholen“. So zumindest beschreibt die Direktorin etwas traurig die Situation des Dorsches. Ist er doch ein Liebling von Karen Helen Wiltshire.

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