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Pinneberger Tageblatt

11. Dezember 2017 | 07:29 Uhr

Kreis Pinneberg : Bilder auf der Haut

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Besuch im Tätowierstudio: Gemacht wird alles, was gewünscht und erlaubt ist. Eine alte Kunst. Schon bei Gletscher-Mumie Ötzi wurden eingebrachte Zeichen entdeckt.

shz.de von
erstellt am 28.Sep.2014 | 10:00 Uhr

Kreis Pinneberg | „Die erste künstlerische Tat des Menschen war, zu schmücken und vorzüglich seinen eigenen Leib zu schmücken. Im Schmuck, der Erstgeborenen der Künste, finden wir den Keim aller anderen“, wusste bereits der spanische Philosoph, Soziologe und Essayist José Ortega y Gasset (1883 – 1955) vor etlichen Jahrzehnten zu verkünden.

Dass zum Körperschmuck der heutigen Zeit immer öfter auch Tätowierungen zählen, erkennt man nicht nur im Rahmen der Live-Übertragung eines Fußballspiels recht zügig. Dabei sind Tattoos natürlich alles andere als eine Neuerfindung, sondern eine Sitte, die sich in den zurückliegenden Jahrtausenden innerhalb verschiedenster Völker rund um den Globus unabhängig voneinander entwickelt hat.

So fanden Forscher nicht nur auf dem Körper der weltberühmten rund 5000 Jahre alten Gletscher-Mumie Ötzi mehrere mit Nadeln und kleinen Einschnitten eingebrachte Zeichen: Auch im Norden Chiles wurden über 7000 Jahre alte mumifizierte Körper mit Tätowierungen an Händen und Füßen gefunden. Der Kult um den Körperschmuck hält an. Seit 2008 betreibt Timo Kube (39) sein eigenes Tätowierstudio „Inked Culture“ in Pinneberg. Sein beruflicher Werdegang verlief über Umwege. Zunächst schloss er eine Tischlerlehre ab, studierte dann Design und Innenarchitektur. „Ursprünglich wollte ich eigentlich mal im Bereich Dekoration oder Messebau arbeiten. Doch dann kam irgendwie am Ende alles anders“, erzählt der Heavy-Metal-Fan mit Langhaarschnitt. Genau wie sein gleichaltriger Kollege Lars Laufer ist er im schwarzen Fan-Shirt zur Arbeit erschienen.

„Nimm doch Platz. Ich hole uns einen Kaffee“, so der sympathische Vollbartträger Kube, der es zu Beginn unseres Gesprächs erst einmal gemütlich angehen lässt. Schließlich sollen noch einige Augenblicke vergehen, bis sein heutiger Vormittagstermin laut knatternd mit dem Motorrad vorfährt, zur Tür herein marschiert und klar und deutlich „Moin“ sagt.

Es ist Stefan aus Appen. Er trägt ein lederlastiges Bikeroutfit, auf seiner Schulter prangt ein Löwenkopf, den er sich heute von Kube ausmalen lassen will. Der selbstständige Betonbauer ist entspannt. „Macht erst mal. Ich habe noch ein bisschen Zeit“, raunt er.

Aus der im Hochparterre gelegenen Tattoo-Werkstatt kehrt gerade eine Mutter (46) mit ihrem 17-jährigen Sohn über die kleine Treppe in den Wartebereich zurück. Die beiden Pinneberger haben sich gerade ein Zitat aus dem Kinderbuch „Weißt Du eigentlich, wie lieb ich dich hab“ unter die Haut stechen lassen. Damit wollten sie nach eigenem Bekunden ihre Verbundenheit zueinander schriftlich festhalten lassen.

„Ja, unser Kundenkreis ist so vielfältig wie die Auswahlmöglichkeiten der Motive“, sagt Kube, als er mit dem Kaffee zurückkehrt und ihn auf den gläsernen Couchtisch stellt, unter dessen Tischplatte dutzende Fachmagazine zur Einsichtnahme bereitliegen. „Da hinten liegen ansonsten aber auch noch einige große Mappen mit etlichen weiteren Vorlagen“, sagt Kube und weist auf eine weitere Ablage hin, die gleich neben einem prall gefüllten Bücherregal platziert ist.

„Von Alice im Wunderland über Bandnamen bis hin zu unterschiedlichsten Symbolen tätowieren wir alles, was gewünscht ist. Und rechtlich okay ist“, erklärt Kube weiter. Dann lässt er sich auch auf der schwarzen Ledercouch nieder. Schmunzelnd erinnert er sich daran, dass er einem Postboten mal die Worte „Ding Dong“ auf dessen Finger gestochen hat. Natürlich wunschgemäß.

Doch: Noch bevor die Tätowiernadel in die Hand genommen wird und König Kunde auf Liege oder Stuhl Platz nimmt, würden alle Mitarbeiter ihrer Verantwortung nachkommen und zunächst ein Kennenlern-Gespräch mit dem Kunden führen, betont Kube.

Das beginne gegebenenfalls mit einem Alterscheck und ende hin und wieder auch schon einmal in einem prüfenden Dialog, in dem die Mitarbeiter herausfinden möchten, ob sich der tätowierungswillige Gast seiner Sache auch wirklich sicher ist. Denn: „Ein Tattoo ist etwas Bleibendes. Darüber muss sich jeder im Klaren sein. Genau das ist ja aber auch das Faszinierende daran, etwas Bleibendes in einer schnelllebigen Zeit zu besitzen“, fährt Kube fort.

Solche Gespräche finden mit „Oile“ nicht mehr statt. Denn der 34-jährige Bremer ist ein Stammkunde . Und hat scheinbar mehr tätowierte als weiße Hautstellen an seinem Körper vorzuweisen. „Gehen wir mal hin“, sagt Kube und führt dann in die Heiligtümer seines Studios, die Tattoo-Werkstatt. Die wirkt wie eine Mischung aus Kunstatelier, OP-Saal und Theater-Maske. Ob Spiegel, Lichter, Farbtuben, Sitz- oder Liegegelegenheiten: Ohne die ähnlich einem Zahnarztbohrer surrende Tätowier-Nadel läuft natürlich gar nichts an diesem Ort.

Bei Kubes Kollegen Laufer liegt sie in guten Händen. Mit der nötigen Ruhe verewigt er das nicht unbedingt freundlich dreinschauende Iron Maiden-Maskottchen „Eddie“ auf „Oiles“ rechte Wade Das geht unter die Haut. Im wahrsten Sinne des Wortes. Einige Stunden werden noch vergehen, bis das Monster mit dem Hackebeil komplett übertragen ist. Und ein Heilungsprozess beginnen kann, der unter regelmäßiger Zuhilfenahme von Wund- und Heilsalbe letztlich mehrere Wochen dauert. Denn: Die regelmäßige Pflege des frischen Kunstwerks sei laut Kube wichtig. Und trage genauso zur Gesunderhaltung des Kunden bei, wie die strengen Hygiene-Vorschriften, die im Tattoo-Studio eingehalten werden müssen.

Auch Kube hat seinen Kaffee nun gelehrt. Und Betonbauer Stefan und sein Löwenkopf sind an an der Reihe. So farblos wie ich gekommen bin, verlasse ich das kreative Geschäft. Ob ich selbst mal ein Tattoo haben möchte, vermag ich auch heute nicht zu sagen. Aber ich habe sie kennengelernt: Menschen, denen Tattoos auf ihrer zweiten Hautschicht oft viel bedeuten. Ein Leben lang.

Für den einen sind es Kunstwerke auf der Haut, für den anderen noch viel mehr: „Tattoos“ erfreuen sich auch hierzulande immer größer werdender Beliebtheit. Mittlerweile gibt es in fast jeder Kleinstadt mindestens ein Tätowierstudio. Wer sich stechen lassen will, sollte sich jedoch im Vorwege über Risiken und Pflegehinweise informieren. Zum Beispiel auf der Webseite des Bundesverbands Deutscher Tätowierer (DOT).
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