Bewegendes Stück über Mobbing

Freya Wirschky (von links), Janne Wabitsch, Luke Wabitsch und Lina Neumann zeigen in der Rolle von Schülern der Schülerschule, wie der „gemobbte Gerry“ langsam zum Attentäter mutiert.
Freya Wirschky (von links), Janne Wabitsch, Luke Wabitsch und Lina Neumann zeigen in der Rolle von Schülern der Schülerschule, wie der „gemobbte Gerry“ langsam zum Attentäter mutiert.

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15. Februar 2019, 13:17 Uhr

„Es tut mir leid, dass ich dir so großen Schmerz zugefügt habe. Vielleicht solltest du wegziehen und noch einmal ganz von vorne anfangen.“ Mit solchen Worten, verpackt in einem Abschiedsbrief, lässt Attentäter Gerry (14, Luke Wabitsch) seine Mutter (Emma Steingrube) nach seinem Amoklauf an der Schule zurück.

Mit vielen Gesprächs-Szenen und einer dramaturgisch sehr gelungen entwickelten Handlung haben jahrgangsübergreifende Gruppen der Schülerschule Waldenau ihr Stück „Achtung!“ aufgeführt. Das Wort „Achtung“ soll zum einen zur Aufmerksamkeit mahnen und auf Gefahren hinweisen. Zum anderen bezeichnet es einen respektvollen und wertschätzenden Umgang mit anderen Menschen.

Diese beiden Botschaften haben die Schüler in ihrem Stück auf bemerkenswerte Weise transportiert, indem sie knappe, ausdrucksstarke Gespräche zwischen Schülern, Sportlehrern und der Mutter des Attentäters entwickelten. Die Mitwirkenden probten über ein halbes Jahr lang, um die Thematik so realitätsnah wie möglich zu präsentieren. Die Akteure unter der Leitung von Lehrerin Ute Wurst trennten das Geschehen zum schweren Stoff passend dramaturgisch einprägsam auf: In den Passagen der Gegenwart erschienen die Jugendlichen weiß gekleidet, in Szenen der Vergangenheit spielten sie in schwarzer Garderobe. Die Schüler grenzten somit deutlich das Geschehen vor und nach dem Anschlag voneinander ab. „Viele Ideen wie diese Kostümierung haben wir selbst entwickelt“, erläuterte Malte Gravert (15), der im Schauspiel den wenig sensiblen Sportlehrer verkörperte. Mit bekannten Standardsätzen und seelenlosen Weisheiten konfrontiert er die Jugendlichen. So fallen Sätze wie „Leistung wird belohnt“ und „Eine Schule muss man führen wie ein Unternehmen“.

Bei der Aufführung des Stoffs von Felix Huby und Boris Pfeiffer ging es den Schülern und Lehrerin Wurst um einen bedeutenden Appell mit dem Inhalt: „Seid im täglichen Miteinander aufmerksamer und sensibler und achtet auf scheinbare Kleinigkeiten, die rasch eine verhängnisvolle Eigendynamik mit unabsehbaren Folgen entwickeln kann.“ Im Stück mutieren die unter den Augen von Schülerschaft und Lehrern permanent gedemütigten Schüler Ben (Lisa Neumann, 15) und Gerry (Luke Wabitsch, 14) allmählich zu Tätern. Nach dem Attentat ist Gerry tot, Ben liegt im Koma und einer der Mobber geht an Krücken. Zurück bleiben traumatisierte Schüler und die alle bewegenden Frage nach dem Schuldigen. Eine eindeutige Zuweisung von Opfern und Tätern fehlt bewusst bei der Inszenierung der Schülerschule. Zahlreiche Musiktitel wie „Give a Boy a Gun“ und „Bohemian Rhapsody“ (Queen) sowie Gedichte von Gottfried Benn und Hilde Domin runden die Aufführung ab und geben ihr eine persönliche Note.

„Das Stück war sehr bewegend“, bilanzierte Schulleiterin Evelyn Hellwig. Die Jugendlichen hätten so realitätsnah gespielt, dass sie versucht gewesen sei, einzugreifen und das Geschehen aufzuhalten. Auch Elternvertreter Stefan Hüners zeigte sich beeindruckt, wie die Schüler den schwierigen Stoff umsetzten. Rahja Ramcke (15) freute sich, an ihrer Schule kein Mobbing vorzufinden. „In unserer Klassengemeinschaft macht jeder was mit jedem“, sagte sie.

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