Lastwagenfahrer übersieht Radlerin : Bewährungsstrafe für Unfallverursacher

Die 79 Jahre alte Radlerin starb im April 2017 nach dem Unfall auf der Hauptstraße. Der Fahrer muss nun 600 Euro zahlen.

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14. März 2018, 11:30 Uhr

Pinneberg/Rellingen | Es sind nur wenige Sekunden. Tödliche Sekunden. Am 28. April 2017 übersieht ein Lastwagenfahrer in Rellingen eine 79 Jahre alte Radlerin. Der Lkw stößt die Frau um. Sie stürzt und verletzt sich so schwer am Kopf, dass sie zwei Tage später in einer Klinik stirbt. Der 43 Jahre alte Kraftfahrer wurde deswegen am Dienstag vor dem Amtsgericht Pinneberg zu einer Zahlung von 1400 Euro auf Bewährung und einem Bußgeld von 600 Euro verurteilt.

Anklage wegen fahrlässiger Tötung

Die Staatsanwaltschaft hatte den 43-Jährigen aus Hamburg wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Nach Darstellung der Ankläger wartete der Hamburger am Unglückstag mit seinem Lastwagen auf dem Baumschulweg in Rellingen. Er wollte nach links auf die Hauptstraße abbiegen. Als er losfuhr, ereignete sich der folgenschwere Zusammenstoß. Die 79-Jährige schlug mit dem Kopf auf die Straße und erlitt das tödliche Schädel-Hirn-Trauma.

Der Angeklagte bestätigte am Dienstag vor Gericht den Unfallhergang. „Es gab einen Stau auf der Hauptstraße. Ein Bus hat angehalten und mich auf die Straße gelassen. Auf der anderen Seite stoppte ein Müllwagen. Ich habe nach links und rechts geschaut und mich auf die Straße vorgetastet. Dann habe ich plötzlich einen Kopf vor der Scheibe gesehen. Und dann ist die Frau auch schon auf die Straße geknallt“, sagte der Mann. „Es tut mir unheimlich Leid. Mein Mitgefühl gehört den Angehörigen. Man kann nicht in Worte fassen, was passiert ist.“

Kritik an Ermittlungsarbeit

Anhand von Skizzen und Bildern versuchte Richterin Dagmar Trüller, den Fall zu rekonstruieren. Der Sachverständige Thomas Hilker bemängelte die Ermittlungsarbeit der Polizei. „Es gibt nur sehr rudimentäre Aufnahmen. Die Sichtverhältnisse wurden nicht dokumentiert“, sagte Hilker. Auch seien der Unfallort nicht richtig vermessen und der digitale Fahrtenschreiber des Lasters nicht ausgelesen worden.

Der Busfahrer, der gestoppt hatte, sagte als Zeuge, die 79-Jährige sei mit ihrem Elektrorad „recht zügig“ in Richtung Pinneberg unterwegs gewesen. Der Lkw habe die Frau „berührt“ und sie sei auf die Straße gestürzt. Wie schnell sie tatsächlich unterwegs war, ließ sich nach Angaben des Sachverständigen nicht mehr sagen. Entscheidend war das aber nicht. Denn Hilker stellte auch fest: „Die Sichtverhältnisse ließen es zu: Wenn der Fahrer sorgfältiger geschaut hätte, hätte er die Frau erkennen können.“

Sorgfaltspflicht verletzt

Laut Staatsanwaltschaft gibt es keine Zweifel, dass der Fahrer seine Sorgfaltspflicht verletzt hatte. Sie forderte eine Strafe von 1400 Euro. Rechtsanwalt Henry Brendel dagegen sagte: „Es war eine Situation, wie wir sie alle kennen. Es war ein Augenblicksversagen. Mein Mandant leidet darunter, dass er so großes Leid über andere gebracht hat.“ Er forderte 700 Euro Strafe und brachte den selten angewandten Paragraphen 59 des Strafgesetzbuchs ins Spiel. Er ermöglicht einen Schuldspruch unter Vorbehalt, eine Art Bewährung für Geldstrafen.

Diesem Vorschlag folgte Trüller. Sie erkannte auf fahrlässige Tötung und legte die Strafe auf 1400 Euro fest – allerdings ausgesetzt zur Bewährung. Der Lastwagenfahrer muss aber ein Bußgeld von 600 Euro zahlen. Trüller berücksichtigte, dass der 43-Jährige in psychiatrischer Behandlung ist, seinen Job verlor und Reue zeigte. Trüller sagte: „Der Unfall hätte nicht passieren dürfen. Sie können das nicht wieder gut machen. Aber eine Verwarnung reicht.“

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