Bettelbrief nach Amerika geschickt

Die Christuskirche aus Sicht der Künstlerin.
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Die Christuskirche aus Sicht der Künstlerin.

Serie: Denkmäler im anderen Licht / Der lange Weg zur Christuskirche / Kirchbauverein leiht sich Geld

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26. Juli 2018, 11:06 Uhr

Der Wasserturm, die Drostei, die Paasch-Halle, die Christuskirche an der Bahnhofstraße und der Bahnhof selbst – wie oft geht man an diesen denkmalgeschützten Gebäuden in Pinneberg vorbei, ohne sie wahrzunehmen oder zu wissen, was hinter diesen Mauern ist. Die Künstlerin Imke Stotz (Foto) hat die denkmalgeschützten Gebäude in Aquarellfarben festgehalten. Stotz’ Tochter Helen Stotz (Foto, links) liefert als Kontrast zu den bunten Bildern jeweils streng komponierte Fotos von den Originalbauwerken in klassischem Schwarz-Weiß. Elf Pinneberger Gebäude werden im Laufe der Serie vorgestellt.

Unter all den modernen, schnörkellosen Zweckbauten mit den rechten Winkeln sticht sie heraus: die Christuskirche mit ihrem 46 Meter hohen Turm. Der rote Backsteinbau mit den großen Rundbogenfenstern, den Spitzbogen, den zwei kleinen Türmchen rechts und links und dem mit Schieferplatten gedeckten Dach wirkt ein wenig verspielt. Seit 123 Jahren steht sie an der Bahnhofstraße in Pinneberg direkt am Waldrand, nur wenige Meter vom Bahnhof und seiner hektischen Betriebsamkeit entfernt. Ein Ruhepol in dieser schnelllebigen Zeit.


Widerstand aus Rellingen

Für die Gründung einer eigenen Kirchengemeinde und die Errichtung ihrer eigenen Kirche haben die Pinneberger Christen viele Jahre lang gegen den Widerstand Rellingens kämpfen müssen. Sie gründeten 1849 eigens einen Kirchbauverein, schrieben Bittgesuche und sammelten 40 000 Goldmark. Selbst bei deutschsprachigen protestantischen Gemeinden in Amerika baten sie um finanzielle Unterstützung, handelten sich aber so manche Abfuhr ein. Vom Pastor aus Altamont bekam der Verein 1884 folgende Antwort auf seinen Bettelbrief: „Meine an 250 Seelen zählende und größtenteils aus Arbeitern bestehende Gemeinde hat sich erst jüngst aus eigenen Mitteln eine Kirche erbaut. Wenn nun eine alte 3000 Seelen starke Gemeinde solches nicht fertigbringt, so ist dies kein gutes Zeugnis für ihren kirchlichen Sinn.“

Als Pinneberg 1875 die Stadtrechte erhielt, setzte es sich schließlich gegen Rellingen durch. Nach einer Verfügung des Konsistoriums durfte Pinneberg am 1. Juni 1890 eine eigenständige Kirchengemeinde gründen und Pastor Hugo Wurmb ins Amt einführen. Die Gottesdienste fanden in einem ehemaligen Möbelmagazin in der Bahnhofstraße 23 statt, denn es gab weder Pastorat noch Gotteshaus. Schließlich erhielt der Kirchbauverein vom königlichen Konsistorium 20  000 Goldmark und von der Regierung 22 000 Goldmark für den Bau einer Kirche. Da die Baukosten 92 000 Goldmark betrugen, musste der Kirchbauverein das fehlende Geld leihen. Am 17. Juni 1894 war die feierliche Grundsteinlegung. Eingeweiht wurde das Gotteshaus mit dem Namen Kirche zu Pinneberg, das vom Hamburger Architekten Grothoff im neugotischen Stil entworfen wurde, am 31.  März 1895. Zwei Jahre später wurde das Pastorat fertiggestellt.

Kaiserreich, Erster Weltkrieg, Weimarer Republik, die NS-Zeit, der Zweite Weltkrieg – der Sakralbau hat die bewegten Zeiten scheinbar unbeschadet überstanden. Lediglich das Mauerwerk wurde 1961 neu verfugt sowie Dachrinnen, Regenrohre und die Blitzschutzanlage erneuert. Nach einem Sturm wurden 1988 Schieferplatten auf dem Dach ausgetauscht. 1941 gab es allerdings eine große Veränderung: Die Kirche zu Pinneberg wurde in Christuskirche umbenannt, als die alte Kapelle auf dem Friedhof am Kirchhofsweg den Namen Lutherkirche erhielt. Durch die Flüchtlingsströme als Folge des Zweiten Weltkriegs stieg die Einwohnerzahl Pinnebergs, so dass neue evangelische Kirchengemeinden gegründet wurden.

1966/67 beauftragten die Kirchenvorstände den Pinneberger Architekten Hans-Joachim Meier damit, den Innenraum der Christuskirche heller und freundlicher zu gestalten. Die neugotischen Spitzbögen wurden zugemauert, die alten Bemalungen der Rundbögen überstrichen, die Kathedralfenster ausgetauscht beziehungsweise zugemauert und die Emporen mit Schieferplatten verkleidet. Der alte Holzaltar und die Kanzel wurden entfernt.

35 Jahre später empfand man diese radikale Umgestaltung des Innenraums als Bausünde. Der Originalzustand sollte wieder hergestellt werden. Unter der Leitung des Architekten Gunnar Seidel wurden die aufwendigen Rückbauarbeiten vorgenommen. Darüber hinaus wurde eine moderne Heizanlage im Boden installiert. Der alte Holzaltar, die Kanzel und die alten bleigefassten Kathedralfenster konnten nicht wieder eingebaut werden, weil deren Verbleib nicht geklärt werden konnte. Insgesamt beliefen sich die Kosten des Umbaus auf 470 000 Euro.

Eine Renovierung des Pastorats ist allerdings dringend notwendig. Nach ersten Schätzungen wird es eine halbe Million Euro kosten, das neugotische Gebäude wieder instand zu setzen.

Quelle: „Pinneberg – historische Streiflichter“, VHS-Geschichtswerkstatt, Pinneberg 2003

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Am Mittwoch, 1. August, steht der Wasserturm im Mittelpunkt der Serie.





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