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Das Sonntagsgespräch : „Betroffenheit hat nur eine kurze Halbwertszeit“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Heute mit Axel Vogt, Behindertenbeauftragter des Kreises Pinneberg.

shz.de von
erstellt am 24.Jan.2016 | 15:00 Uhr

Pinneberg | Kreis Pinneberg Axel Vogt ist der erste ehrenamtliche Behindertenbeauftragte des Kreises Pinneberg. Im Sonntagsgespräch erklärt er unter anderem, wie ein Aktionsplan die Situation Behinderter im Kreis verbessern soll.

Die UN-Behindertenrechtskonvention soll die Situation für behinderte Menschen verbessern. Wie sieht es mit deren Umsetzung aus?
Ich habe das Gefühl, dieses Thema ist in unserer Gesellschaft noch nicht angekommen. Deshalb habe ich den Antrag gestellt, einen Aktionsplan zu erarbeiten, der auf Kreisebene die Umsetzung der Konvention ermöglicht. Im März wird sich entscheiden, ob der Kreistag dafür Mittel zur Verfügung stellt.

Was soll dieser Plan enthalten?
Unter Beteiligung der Betroffenen soll herausgearbeitet werden, was am dringendsten benötigt wird und was bisher am wenigsten bei der Umsetzung der Konvention berücksichtigt wurde. Integration in der Arbeitswelt und in den Schulen, der Übergang von Schule in den Beruf, die Teilhabe am kulturellen Leben und an Freizeitaktivitäten, ausreichender Wohnraum für Menschen mit Handicaps – es sind viele Themen, die zu berücksichtigen sind. Auch der öffentliche Personennahverkehr steht auf dem Prüfstand. Ziel ist, eine Liste zu erstellen, die zusammenfasst, was zu tun ist, um die Konvention tatsächlich umzusetzen. Manche Änderungen können schnell erfolgen, weil sie kein Geld kosten und es sich um Probleme handelt, die bisher einfach keiner auf der Rechnung hatte. In einigen Fällen müssen Prozesse angepasst werden. Ein Beispiel könnte die Zusammenarbeit zwischen Krankenkassen, Verwaltung und Arbeitsagentur sein. Es werden aber auch Investitionen erforderlich sein.

Wieso engagieren Sie sich als Behindertenbeauftragter?
Ich habe einen behinderten Sohn, der im kommenden Jahr zwölf wird. Seitdem wir ihn haben, wissen wir überhaupt erst, wie schwierig es ist, als Behinderter in unserer Gesellschaft akzeptiert zu werden und sein Leben zu organisieren. Wir haben zudem erfahren, wie viele Menschen nicht für ihre Rechte eintreten können. Sie haben schon genug damit zu tun, ihren Alltag zu bewältigen. Meine Motivation ist, für sie zu kämpfen und einzustehen.

Hat die Integration von Menschen mit Behinderung einen ausreichenden Stellenwert?
Das Thema wird in der Gesellschaft nicht ernst genommen. Jeder räumt ein, dass einiges zu tun sei. Die Betroffenheit hat aber nur eine kurze Halbwertszeit. Um wirklich etwas zu verbessern, muss man auch mal die eigene Komfortzone verlassen. Dazu sind viele nicht bereit. Nur, weil jemand behindert ist, ist er nicht minderwertig. Er ist nur anders. Das sollte allen bewusst sein.

Ein Dauerthema ist die Inklusion. In welchen Bereichen funktioniert sie, in welchen nicht?
Im Berufsleben funktioniert sie eher nicht, in der Schule dagegen schon deutlich besser. Der Übergang von Schule in den Beruf ist ein großes Problem. Grundsätzlich sollte doch klar sein, dass auch Menschen mit Behinderungen voll akzeptiert werden wollen. Eigentlich sollte es selbstverständlich sein zu akzeptieren, dass es Menschen gibt, die körperlich und geistig nicht so leistungsfähig sind wie der Durchschnitt der Bevölkerung. Der Wert eines Menschen definiert sich nicht über seine Leistungsfähigkeit.

Wie erleben Sie persönlich den Umgang mit behinderten Menschen?
Ich merke, dass etliche Behinderte an ihre Grenzen stoßen, weil sie zu viel kämpfen müssen. Es fehlt an Empathie, Offenheit und Unterstützung durch die Gesellschaft. Meine Familie kann damit ganz gut umgehen. Aber wir können uns im Notfall auch wehren. Diese Möglichkeit hat nicht jeder. Vielen Menschen ist gar nicht bewusst, dass  Behinderte ihr Geld häufig dafür ausgeben müssen, um ihre behindertenbedingten Nachteile zu kompensieren. Wenn ein Behinderter und ein Nichtbehinderter jeweils 2000 Euro verdienen, müssen sie die Möglichkeit für einen gleichen Lebensstandard haben. Das ist momentan nicht gewährleistet. Es ist Aufgabe des Staates dafür zu sorgen, dass keiner benachteiligt wird. Gleichberechtigung wird häufig mit Gleichbehandlung verwechselt. Behinderte müssen gerade ungleich behandelt werden, damit sie gleichberechtigt am Leben teilnehmen können.

Wird mit behinderten Menschen unbefangen umgegangen?
Es ist immer eine gewisse Unsicherheit da, weil viele nicht wissen, wie sie in bestimmten Situationen reagieren sollen. Soll man einen Rollstuhlfahrer oder einen Blinden ansprechen, der an einer roten Ampel steht? Unbefangen wäre, einfach auf die Menschen zuzugehen und sie zu fragen, ob sie Hilfe brauchen.

Axel Vogt (56) ist seit März 2015 Behindertenbeauftragter des Kreises Pinneberg. Der verheiratete Vater dreier Kinder wohnt in Pinneberg und arbeitet bei der Investitionsbank Schleswig-Holstein.
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