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Weltautismus-Tag : Betroffene aus dem Kreis Pinneberg berichten aus ihrem Leben

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Zum Alltag der Mitglieder der Elmshorner Autismus-Selbsthilfegruppe gehören Ausgrenzung und Optimismus.

Kreis Pinneberg | Eine Kindheit durchzogen von Mobbing, Ablehnung, Einsamkeit: Arne (29) war immer ein wenig anders, wurde anders behandelt, und wusste lange Zeit nicht, warum. Er ist Autist. Er hat das Asperger-Syndrom, gekennzeichnet von einer Beeinträchtigung in der Interaktion, Kommunikation und ein sich wiederholendes Repertoire von Interessen und Aktivitäten. In der Selbsthilfegruppe Autismus-Elmshorn, die Betroffenen und Angehörigen eine Möglichkeit zum Austausch bietet, sprechen nicht nur er und seine Mutter offen über ihre Erfahrungswelten. Mehr als 30 Teilnehmer aus dem Kreis Pinneberg kommen dort regelmäßig zusammen. Da einige der Interviewpartner anonym bleiben möchten, werden im Text auf Wunsch nur die Vornamen genannt.

Schon im Kindergarten habe Arne immer allein gespielt, habe sich abgesondert, sagt seine Mutter Lisa (68). „Da bin ich darauf aufmerksam gemacht worden.“ Erst mit zwei Jahren habe er angefangen, zu sprechen, sofort in grammatikalisch richtigen Sätzen mit einem großen Wortschatz. „Die Grundschullehrerin hat gesagt: ,Wenn ich mit Ihrem Sohn rede, dann habe ich das Gefühl, ich spreche mit einem Hochschulprofessor.‘“

Der 29-Jährige, inzwischen ausgebildeter Elektroniker, schildert weitere Erlebnisse: „Die anderen Kinder haben immer abweisend auf mich reagiert, mich ausgegrenzt.“ Mit seinen Spezialinteressen, technische und philosophische Themen, stand er allein da. „Ich war aber auch etwas begriffsstutzig. Die anderen haben mich verarscht.“

Arne sagt: „Ich habe mich immer vor den Aggressionen anderer Kinder nach drinnen geflüchtet. Das hat mich einerseits traurig gemacht, andererseits wütend, weil ich in die Gesellschaft rein wollte.“ Er sei ein leichtes Opfer gewesen, oft naiv, leicht in Panik zu versetzen. Mitschüler bedrohten ihn, schubsten ihn einmal vor ein fahrendes Auto, hielten ihm ein anderes Mal mit den Worten „Ich stech’ dich ab“ ein Messer an die Kehle.

Als Baby bereits auffällig

Auch Conny (48) und ihr Sohn Christopher (18) sind bei den regelmäßigen Treffen der Elmshorner Selbsthilfegruppe dabei. Die Mutter berichtet: „Er war bereits als Baby auffällig, schmerzunempfindlich, hat nicht so den Kontakt zu mir und zu anderen Kindern gesucht. Später im Heidepark sind andere Kinder mit den Bahnen gefahren. Christopher hat die Sitze an der Piraten-Arena gezählt.“ Der Kinderarzt habe immer gesagt: „Es verwächst sich.“ Erst mit 16 Jahren kam die Diagnose. „Erleichtert war ich nicht. Ich wusste ja im Prinzip, dass etwas nicht stimmt“, so die 48-Jährige. „Vorher hatte man aber immer die Hoffnung, dass er irgendwie normal und gut durchs Leben kommt. Man geht immer von sich aus und denkt: Das kann ihm doch gar nicht gefallen.“ Er sei in der Grundschule gemobbt und getriezt worden, ohne dass die Lehrerin reagiert habe. Er habe bei Schulfeiern immer alleine da gestanden. „Das war schon bedrückend“, sagt Conny. Ihr Sohn ergänzt: „Eigentlich bin ich viel zu nett zu anderen. Ich merke gar nicht, wenn ich ausgenutzt werde.“

Wenn man den 18-Jährigen heute erlebt, hat man jedoch das Gefühl, dass er seinen Frieden mit dem Thema Autismus gemacht hat. Er hat seinen Realschulabschluss mit der Note 1,9 gemacht und eine schulische Ausbildung zum kaufmännischen Assistenten begonnen. „Es macht mir nichts aus, Autist zu sein. Das Leben ist wunderbar.“ Einige Dinge habe er sich auch durch Therapien „antrainieren müssen, um in dieser komischen Welt zu überleben“, wie er sagt. Emotionen in den Gesichtsausdrücken bei anderen Menschen deuten beispielsweise.

Der Weltautismus-Tag wird seit 2008 in den Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen am 2. April begangen. Weltweit leiden nach UN-Angaben Millionen von Menschen mit Autismus unter Diskriminierung und Verletzung ihrer Menschenrechte. Betroffen sei  etwa ein Prozent der Weltbevölkerung,  rund 70 Millionen Menschen. In  einer Selbsthilfegruppe in Elmshorn tauschen sich Betroffene und Angehörige  jeden dritten Freitag im Monat aus.  Infos gibt es unter Telefon (04121) 7014755 und E-Mail: mail@autismus-elmshorn.de.

Arne stimmt ihm zu und ergänzt: „Wenn jemand sagt, dass abends die Bürgersteige hochgeklappt werden, dann habe ich ich mich gefragt: Hoppla, wie sollen den Bürgersteige aus Stein hochgeklappt werden?“ Solche Ausdrücke habe er verstehen lernen müssen. „Aber Schwierigkeiten sind dazu da, überwunden zu werden.“ Auch falle es ihm schwer, Sarkasmus einzuordnen. Derzeit ist er auf der Jobsuche auf dem sogenannten ersten Arbeitsmarkt. Am Herzen liegt ihm mehr Aufklärung für Arbeitgeber, um Berührungsängste abzubauen.

Wichtig seien im Umgang mit Autisten klare Formulierungen und strukturierte Tagesabläufe, betont Cornelia (38), die die Elmshorner Autismus-Selbsthilfegruppe mit Claudia Beetz (45) vor zwei Jahren ins Leben gerufen hat. Beide haben Kinder, die sich im weiten Spektrum der Autismus-Störungen bewegen. Sie kämpfen wie Löwinnen für ihre Kinder, für bessere Aufklärung an Schulen, gegen Vorurteile. Beetz sagt: „Ich hatte einen anonymen Anruf, ich solle doch mein beklopptes Kind von der Schule nehmen. Das würde die Entwicklung der normalen Kinder massiv beeinträchtigen.“ Ihr kommen die Tränen, als sie davon erzählt.

Mutterliebe, Kampf und Verzweiflung liegen bei vielen Angehörigen der Autisten nah beieinander. Immer wieder habe Beetz das Thema Autismus in der Schule thematisiert. „Es ist eine sehr sozial engagierte Grundschule, die Mobbing nicht duldet“, sagt sie. Nicht alle Betroffenen haben trotz der verordneten Inklusion in Schulen so viel Glück. Solche Probleme finden in der Selbsthilfegruppe Raum. „Man muss sich in der Gruppe nicht verstellen, nicht allein fühlen“, so Beetz. „Ich habe keine Angst vor der Zukunft mit meinem Sohn. Die Angst nimmst Du Dir durch den Kontakt mit den Erwachsenen im Autismus-Spektrum, wenn Du schaust, was für tolle Menschen das geworden sind.“

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