Reportage : Besuch beim Tüv: Freie Fahrt dank einer kleinen Plakette

Objekt der Begierde: Jeder Kunde wünscht sich, am Ende der Prüfung eine neue Plakette zugeteilt zu bekommen.
Objekt der Begierde: Jeder Kunde wünscht sich, am Ende der Prüfung eine neue Plakette zugeteilt zu bekommen.

Geprüfte Sicherheit von der Dieselameise bis zum Lamborghini: In der Tüv-Station Pinneberg entscheidet sich, welches Vehikel eine Straßenzulassung bekommt.

shz.de von
19. Juli 2015, 11:00 Uhr

Pinneberg | Auto fängt bekanntlich mit A an und hört mit O auf. Und spätestens, wenn die letzte Hauptuntersuchung des eigenen Kraftfahrzeugs mal wieder fast zwei Jahre zurück liegt, macht sich bei dem ein oder anderen Verkehrsteilnehmer ein Gefühl breit, als müsste er zum Zahnarzt. Schließlich ist das Auto immer noch des Deutschen liebstes Kind. Und wenn das „Kind“ auf einmal kränkelt, ist es auch um die Laune seiner „Eltern“ nicht mehr zum Besten bestellt.

Ob der „Medizincheck“ positiv verläuft, oder eine Überweisung zum Auto-Doktor erforderlich ist, entscheidet sich dann spätestens bei der Visite durch eine „staatlich anerkannte Prüforganisation“ wie der Dekra, Gtü, Küs oder dem Technischen Überwachungsverein (Tüv). Wo nicht die Damen und Herren in Weiß, sondern ganz in Blau das Sagen haben. Wie auch beim Tüv Nord in Pinneberg, dessen Station die größte ihrer Zunft im Kreisgebiet ist. Auch hier fährt man besser mit Termin. „Ansonsten muss man halt schon mal ein wenig im Wartezimmer Platz nehmen“, weiß Stationsleiter Björn Seelig (34), der seit 2012 als Ingenieur und „Amtlich anerkannter Sachverständiger“ die Geschicke an der Flensburger Straße leitet.

Bereits am Vormittag ist schon einiges los rund um den lichtdurchfluteten Warteraum, in dem  Kunden von Tüv-Mitarbeiterin Kerstin Nofz in aller Freundlichkeit und mit der Frage nach einem Becher Kaffee begrüßt wird.  Mehr als 12.000 Halter von Personenkraftfahrzeugen, Anhängern, Wohnmobilen, Lastkraftwagen oder Bussen werden jährlich allein beim Tüv in Pinneberg vorstellig.

 „Momentan ist sozusagen Hauptsaison. Denn in den Sommermonaten ist allein schon wegen der vielen Kurzzeit- und Saisonzulassungen deutlich mehr Betrieb“, erklärt Seelig, als er gerade einer Kundin grünes Licht gibt. Nach einem mängelfreien Befund klebt er dem Opel Corsa der glücklich dreinschauenden jungen Frau die begehrte Prüfplakette auf das Kennzeichen.

Auch diese betagte „Dieselameise“ aus dem Jahre 1963, die Andreas Kirstein  aus Elmshorn gehört, bestand die Untersuchung. (Foto: Hoppe)
Auch diese betagte „Dieselameise“ aus dem Jahre 1963, die Andreas Kirstein aus Elmshorn gehört, bestand die Untersuchung. (Foto: Hoppe)
 

Danach hofft ein besonderes Gefährt auf Absolution: Als nächster „Prüfling“  ist Andreas Kirstein aus Elmshorn mit seiner nostalgischen „Dieselameise“ – ein LKW-Multicar aus dem Jahre 1963 – an der Reihe. „Das ist schon mal ein ganz besonderes Vehikel. Genauso wie so mancher Oldtimer oder Lamborghini, der hier im Jahresverlauf vorstellig wird“, sagt der gelernte Kfz-Mechaniker Seelig schmunzelnd, der auch bei diesem top-gepflegten Fahrzeug keine Beanstandungen anzumelden hat. Kurz darauf stuft er es für zwei weitere Jahre als verkehrssicher ein. „Es ist ein Liebhaberstück, mein Hobby. Damit nehme ich immer wieder mal an Ausstellungen teil“, sagt Kirstein.  Sie freut sich über den unkomplizierten Check und das nun für jedermann sichtbare, erneuerte Prüfzeichen.

Ein Glücksgefühl, von dem sich auch Ilka-Angelika Lange aus Dänemark nur allzu gerne ummanteln lassen hätte. Doch der schwarze Jeep Cherokee, den sie gerade erst aus Portugal überführt hat, um ihn an ihre   Prisdorfer Freundin Annelene Bremer weiterzugeben, wollte ihr das erleichternde Erfolgserlebnis einfach nicht vergönnen. „Es wurde ein Defekt an den Querlenkern festgestellt. Dazu eine klappernde Gummiaufhängung, ein Ölleck und eine lockere Schraube an einer Radkastenverkleidung“, so Lange. Sie  spricht von einem „echten Dilemma“. „Ich verstehe das nicht. In Portugal war der Wagen erst vor wenigen Wochen zum Check und hat ihn anstandslos bestanden“, so die Ex-Pinnebergerin, die  nun ihren ganzen  Tagesplan umstellen und  erst einmal eine Autowerkstatt konsultieren muss.

„Bei unseren Untersuchungen in und außerhalb der Prüfhalle halten wir uns an die vorgegebenen Richtlinien, welche günstigstenfalls eines Tages auch EU-weit gelten sollen. Wir prüfen nach Vorschrift und auf Sicherheit. Aber nicht nach Schönheit“, macht Seelig deutlich, keinen Ermessensspielraum zu haben.

Thomas Schön während einer „Paragraf-21-Prüfung“. (Foto: Hoppe)
Thomas Schön während einer „Paragraf-21-Prüfung“. (Foto: Hoppe)
 

Unterdessen herrscht in der Prüfhalle an allen Ständen reges Treiben. Ob Abgasmessung, Rollenprüfstand, Grube oder Hebebühne. Die Tüv-Mitarbeiter Marco Scalise und Ingo Wagner, beides Ingenieure, haben gut zu tun. Genauso wie der Kfz-Sachverständige Thomas Schön, der gerade an einem dänischen Fahrzeug die so genante Paragraf-21-Prüfung zur Erlangung einer deutschen Betriebserlaubnis durchführt.

Aber auch, wer ein Gebrauchtfahrzeug erwerben will, ist beim Tüv, Dekra & Co. in guten Händen. „Wir bieten unseren Kunden einen speziellen Service-Check an, damit der potenzielle Käufer am Ende nicht die Katze im Sack kauft“, sagt  Seelig. Er kann an diesem Tag   Ruben Hansen aus Barmstedt in Sicherheit wiegen, dessen zum Kauf beabsichtigter Mercedes C220 auf der Hebebühne keine Beanstandungen zu Tage fördert.

Zurück im Büro, gibt Seelig dann noch einige allgemeine Informationen. „Zunächst einmal ist es uns hier sehr wichtig, mit dem Kunden zu sprechen. Wir erklären ihm genau, was wir machen. Und wenn es Mängel gibt, zeigen wir diese zusammen mit den daraus resultierenden Konsequenzen auch genau auf“, so der Stationsleiter. Auch ihm sei es am liebsten, die Plakette aufzukleben. Gerade bei Menschen, die augenscheinlich von ihrem Pkw sehr abhängig sind. „Nur geht das eben aber nur, wenn eben alles auch okay ist. Andernfalls kann keine Zuteilung erfolgen oder müssen manchmal sogar Kraftfahrzeuge auf Grund erheblicher Mängel still gelegt werden.“

Was die Zukunft betrifft, drehe sich immer mehr, vor allem bei Neufahrzeugen, um die Elektronik. „Für die hier von den Herstellern entwickelten neuen Techniken gehen unsere Mitarbeiter ständig zu Weiterbildungen, um immer auf dem neusten Stand zu sein. Und auch die betriebseigene Technik in Form von Prüfgeräten würde sich gerade beim Auslesen von Fehlerspeichern ständig den neuen Gegebenheiten anpassen.

Kurz vor  Feierabend verlassen die letzten Fahrzeugbesitzer den Betriebshof der Pinneberger Tüv-Station. Es bleibt der Eindruck, dass das Verhältnis zwischen Kunden und den von ihnen auserwählten Prüforganisationen irgendwie an das in einer intakten Familie erinnert. Denn eins ist ja sicher: Früher oder später sieht man sich wieder.

Die am 1. Dezember 1951 eingeführte Hauptuntersuchung stellt sicher, dass keine Kraftfahrzeuge mit Sicherheitsmängeln am Straßenverkehr teilnehmen. Untersuchungspflichtig sind alle zulassungspflichtigen Kraftfahrzeuge und Anhänger, mit Ausnahme von Fahrzeugen mit roten Kennzeichen sowie von Bundeswehr und -polizei. Die Untersuchungsintervalle variieren zwischen zwölf Monaten für schwere LKW und Omnibusse sowie 36 Monaten für Pkw-Neuzulassungen. Für einen herkömmlichen Pkw beträgt die Untersuchungsgebühr inklusive Abgasmessung zirka 100 Euro. Im Schnitt weisen laut aktueller Tüv-Statistik 25 Prozent der untersuchten Fahrzeuge erhebliche Mängel, 20 Prozent geringe und 55 Prozent gar keine Mängel auf.
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