Rückfallprophylaxe : Beratungsstelle für sexuell auffällige junge Menschen: „Täterarbeit ist Opferschutz“

Psychologe Karl-Sören Michaelis im Gespräch mit einem 18-jährigen Klienten.
Psychologe Karl-Sören Michaelis im Gespräch mit einem 18-jährigen Klienten.

Seit zehn Jahren betreibt der Wendepunkt Elmshorn die Hamburger Beratungsstelle.

shz.de von
23. März 2018, 10:10 Uhr

Hamburg/Elmshorn | Bernd Priebe und Jan Vespermann sind ablehnende Reaktionen gewöhnt, wenn sie von ihrer Arbeit berichten. Priebe formuliert das so: „Unsere Arbeit hat nicht gerade eine große Lobby.“ Sie sind in der Hamburger Beratungsstelle für sexuell auffällige Minderjährige und junge Erwachsene im Einsatz, die seit zehn Jahren vom Elmshorner Verein Wendepunkt betrieben wird. Sie machen Rückfallprophylaxe und Täterarbeit. Das sorgt manches mal für die Frage, warum denn der Fokus auf die Täter und nicht auf die Opfer gerichtet wird. Aus Priebes Sicht liegt schon in der Formulierung ein Gedankenfehler. Denn: „Täterarbeit ist originärer Opferschutz. Je früher man dort etwas erreicht, desto mehr Opfer kann man vermeiden.“

Ausschreibung des Hamburger Senats

Vor zehn Jahren wurde die Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis zum Alter von 26 Jahren gegründet. Der Elmshorner Verein Wendepunkt hatte sich damals um die Ausschreibung des Hamburger Senats beworben und den Zuschlag erhalten. Bereits 2001 hatte die Organisation, die sich in zahlreichen Feldern mit dem Themenkomplex Gewalt und Sexualität befasst (siehe Info-Kasten), ein ähnliches Projekt mit Täterarbeit realisiert. „Das war damals das erste derartige Angebot in Schleswig-Holstein“, sagt Wendepunkt-Geschäftsführerin Ingrid Kohlschmitt nicht ohne Stolz. Mit dem Zuschlag und der damit verbundenen Regelfinanzierung durch den Hamburger Senat wurde das Projekt zu einer festen Einrichtung.

Zu 95 Prozent Männer

Jährlich kümmert sich das Team am Standort Hamburg um knapp 150 und am Standort Elmshorn um knapp 20 sexuell auffällige junge Menschen. Die Beratungsgespräche führen unter anderem Bernd Priebe, Theologe und Sexualpädagoge, sowie der Kinder- und Jugendpsychotherapeut Jan Vespermann. Die Gründe, warum die jungen Menschen – zu 95 Prozent sind es Männer – in der Beratungsstelle landen, sind vielfältig, wie Priebe erläutert: „Das reicht von Nacktfotos, die ins Netz gestellt wurden, bis hin zur Vergewaltigung.“ Manchmal kommen die Hinweise von Eltern, manchmal sind es Auflagen eines Jugendrichters. Gerade bei den Minderjährige, die zum Teil noch nicht strafmündig sind, bestehe für den Therapeuten ein Großteil der Arbeit darin, dem jungen Menschen deutlich zu machen: „Wo sind die Grenzen? Und für uns Therapeuten stellt sich die Frage: Warum ist dieser Junge nicht in der Lage, die Grenzen zu sehen beziehungsweise sie einzuhalten?“, erläutert Vespermann. In der weiteren Arbeit werde dann ein Netz aufgebaut, um zu verhindern, dass es zu im schlimmsten Fall Straftaten kommt: „Jugendamt, Eltern, Betreuer – so breit wie nötig.“

Jan Vespermann (links), Bernd Priebe und Nicole Krampe (rechts) vom Wendepunkt gestern während der Feierstunde im Bürgerhaus Wilhelmsburg mit Hamburgs Sozialsenatorin Melanie Leonhardt.
Florian Kleist
Jan Vespermann (links), Bernd Priebe und Nicole Krampe (rechts) vom Wendepunkt gestern während der Feierstunde im Bürgerhaus Wilhelmsburg mit Hamburgs Sozialsenatorin Melanie Leonhardt.
 

Am Donnerstag reiste auch das Elmshorner Team ins Bürgerhaus Wilhelmsburg. In dem Hamburger Elbinsel-Stadtteil feierte die Einrichtung zehnjähriges Bestehen. Unter anderem Hamburgs Sozialsenatorin Melanie Leonhard und die Buchautorin Mithu Sanyal hielten Grußworte und Gastvorträge. Auch darin zeige sich, so Wendepunkt-Geschäftsführerin Kohlschmitt, dass die Rückfallprophylaxe und Täterarbeit immer mehr Anerkennung finde. Nicht nur vom Umfeld: Vor allem auch von den jungen Menschen, mit denen die Beratungsstelle arbeitet. Und es sei eine Therapie, die auch manches mal ein altes Sprichwort widerlegt, wie Kohlschmitt betont: „Viele sagen ja immer: ,Man kann niemanden zu seinem Glück zwingen’.“ Wenn sie allerdings sehe, wie jemand, der zwangsweise in die Beratungsstelle kam, dem Konsequenzen drohten, wenn abbricht, und der am Anfang der Sitzungen sich nur rausredet oder ganz schweigt, am Ende von sich aus sagt: „Es gibt auch andere Möglichkeiten, einem Mädchen nahezukommen als es zu zwingen. Und es gibt andere Möglichkeiten, sich als Mann zu fühlen, als über sexuelle Macht.“ Dann zeigt sich für Kohlschmitt: „Doch – manchmal kann man Menschen zu ihrem Glück zwingen.“

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