Beklagter belastet barsche Beamte

<strong>Am Amtsgericht Pinneberg  </strong>ging es gestern um einen Polizeieinsatz  auf dem Weinfest. <foto>kmV</foto>
Am Amtsgericht Pinneberg ging es gestern um einen Polizeieinsatz auf dem Weinfest. kmV

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11. Dezember 2012, 01:14 Uhr

Pinneberg | Dieses Urteil ist zumindest ein Rüffel für die Staatsgewalt: Gestern stellte das Amtsgericht Pinneberg das Verfahren gegen einen 22 Jahre alten Studenten aus Borstel-Hohenraden ein, der nach dem Pinneberger Weinfest im Juli mit Polizeibeamten aneinander geraten war. Beleidigung, Widerstand und Körperverletzung wurden ihm vorgeworfen. Jannes W. jedoch drehte den Spieß im Verfahren soweit um, dass selbst der Amtsanwalt einräumte: "Die Beamten scheinen barsch mit dem Angeklagten umgegangen zu sein."

Jannes W. war im dunklen Anzug zum Prozess erschienen. Ruhig hörte er sich die Ausführungen von Richter Jens Woywod an, der ausführte, 1,98 Promille Alkohol seien nach der Tat im Blut des Angeklagten festgestellt worden, zwei Polizeibeamte hätten Verletzungen erlitten - einer eine Schwellung im Gesicht, ein anderer am Schienbein. Jannes W. verweigerte zunächst auf Anraten seines Anwalts eine Aussage und blieb gefasst, als die Verhandlung gleich zu Beginn mehrmals unterbrochen werden musste, weil zwei wichtige Zeugen nicht gekommen waren. Richter Woywod ordnete deren polizeiliche Vorführung an und hörte sich zunächst die Schilderung der Polizeibeamten an, die in der Nacht des 1. Julis zu einer Schlägerei auf das Weinfest gerufen wurden.

Sie berichteten, wie sie vor Ort nur das Opfer der Schlägerei, ein als Intensivtäter bekannter Mann aus dem Kongo, antrafen und vernahmen. Laut Darstellung der Polizeibeamten habe Jannes W. seinem Freund Ramazan A. zur Hilfe eilen wollen, als dieser am Rande der Vernehmung vor der VR-Bank eine Polizistin unsittlich angesprochen und diese ihm daraufhin einen Platzverweis erteilt habe. Jannes W. habe die Vernehmung gestört, pausenlos herumgeschrien, die Beamten beleidigt und mehrmaligen Platzverweisen nicht Folge geleistet. Als die Beamten versucht hätten, den Platzverweis zu vollziehen, habe Jannes W. zugeschlagen und getreten. Die Tritte und einen Schlag konkret gesehen zu haben, bestätigte im Prozessverlauf allerdings nur einer der Polizeibeamten. Sein im Urlaub weilender Kollege, der hauptsächlich in das Gerangel mit Jannes W. verwickelt war, konnte nicht gehört werden.

Nach den Aussagen von drei Pinneberger Polizeibeamten sah es für den jungen Studenten auf der Anklagebank nicht sehr gut aus . Auch die Aussage des inzwischen von der Polizei vorgeführten Ramazan A. brachte nicht viel Erhellendes. Nur so viel, dass Jannes W. keineswegs sein Freund war, die beiden sich gar nicht kannten und nur zufällig an dem Abend aufeinander trafen.

Doch dann zückte Anwalt Bernd Nagel seinen Trumpf aus dem Ärmel. Der Bruder des Angeklagten wolle aussagen. Ebenso ein Freund, der mit auf dem Weinfest war, und Jannes W. selbst. Was die drei jungen Studenten dann schilderten, brachte den Amtsanwalt zum Nachdenken.

Bruder Hendrik W. konnte sich sehr gut an die Nacht erinnern. Er hatte damals nichts getrunken, weil er am nächsten Tag arbeiten musste, und hatte nach dem Vorfall direkt ein Protokoll der Geschehnisse angefertigt. Er schilderte detailgetreu, wie er gegen 2 Uhr gemeinsam mit seinem Bruder und dem Freund das bereits beendete Fest verlassen wollte, Jannes W. noch einmal zur Toilette gehen wollte und man sich daher trennte, um sich später an den Fahrrädern wiederzutreffen. Als Jannes W. nicht aufgetaucht sei, habe er ihn gesucht, während der Freund an den Rädern wartete. An der VR-Bank sei Hendrik W. dann auf seinen Bruder und die Polizeibeamten getroffen. Jannes W. habe eine Aussage machen wollen, weil er die Schlägerei zuvor gesehen habe. "Die Beamten sagten nur: ,Halt die Fresse und verpiss dich!", erinnerte sich Hendrik W. Sein Bruder habe daraufhin verlangt, dass sie vernünftig mit ihm reden sollten, er nur eine Aussage machen wolle. Von einem Platzverweis sei keine Rede gewesen. Lediglich ein Beamter habe Jannes W. aufgefordert, den Platz zu verlassen, wenn er nichts weiteres zu sagen habe. "Irgendwann hat einer der Polizeibeamten dann gesagt: ,So, jetzt reichts und ist auf Jannes zugestürmt. Er hat ihn hart gegen die Glastüren der VR-Bank geschleudert", berichtete Hendrik W.. Als Jannes daraufhin nach Namen und Dienstnummer des Beamten gefragt habe, habe der Polizist ihm ins Gesicht geschlagen. Mehrere Beamte hätten Jannes W. dann zu Boden gedrückt, sich auf seinen Rücken gekniet, ihm Handschellen angelegt und schließlich abgeführt. "Ich habe noch die zwei Polizeibeamten am Rande gefragt, warum einer, der eine Aussage machen will, geschlagen wird. Daraufhin hat mir eine Beamtin den Finger auf die Brust gedrückt und gesagt: ,Ich lasse mir hier heute Nacht nicht auf die Fresse hauen", schilderte Hendrik W. Er habe zudem ebenfalls einen Platzverweis erhalten, als er nach Name und Dienstnummer des übergrifflichen Beamten gefragt habe.

Widerlegen konnte auch der Freund, der an den Fahrrädern gewartet hatte, einige Aussagen der Polizeibeamten. Diese hatten berichtet, es sei laut gewesen auf dem auslaufenden Fest und Jannes W. habe mindesten fünf bis zehn Minuten herumgeschrien und gepöbelt. "Ich war nur 30 Meter von dem Geschehen entfernt. Es war leise, das Fest beendet. Ich hätte gehört, wenn jemand geschrien hätte", sagte der Freund aus.

Jannes W. bestätigte die Aussagen der beiden Studenten. Er berichtete dann noch, wie es ihm nach dem Vorfall auf dem Pinneberger Polizeirevier ergangen sei. Da er immer noch nicht zu seinem Toilettengang gekommen sei, habe er auf dem Revier darum gebeten, austreten zu dürfen. "Ich erhielt keine Antwort. Eine Dreiviertelstunde später habe ich es nicht mehr ausgehalten und musste in die Zelle urinieren", sagt Jannes W. aus. Zudem seien die Beamten seiner Bitte nach einem Pflaster für seine blutende Wunde lange nicht nachgekommen. "Wer in die Zelle pinkelt, bekommt kein Pflaster", hätten die Polizeibeamten ihm gesagt, so der 22-Jährige.

Nach dieser Aussage zögerte Amtsanwalt Neubauer nicht lange, schlug die Einstellung des Verfahrens wegen Geringfügigkeit vor. Richter Woywod folgte dem Vorschlag. Die Verfahrenskosten trägt die Landeskasse, Der zuvor strafrechtlich nicht in Erscheinung getretene Jannes W. trägt lediglich seine Auslagen.

Trotzdem blieb angesichts des fehlenden Freispruchs ein bitterer Beigeschmack: "Was lehrt uns das?", fragte Hendrik W. nach dem Prozess. Und gab selbst die Antwort: "Künftig wegsehen und nichts sagen."

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