Baumschulland ohne Baumschulen?

Prägen die Landschaft: Gehölze einer Baumschule zwischen Kummerfeld und Tornesch.
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Prägen die Landschaft: Gehölze einer Baumschule zwischen Kummerfeld und Tornesch.

Zahl der Betriebe während der vergangenen Jahre deutlich zurückgegangen / Branchenverband kritisiert jedoch mangelhafte Statistik

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09. Januar 2018, 16:00 Uhr

Die Region Pinneberg wirbt schon seit längerem mit dem Titel „Baumschulland“ für sich. Es soll sich um das größte zusammenhängende Baumschulgebiet der Welt handeln. Ist dieses Markenzeichen in Gefahr? Die Zahl der Betriebe geht kontinuierlich zurück, wie das Statistikamt Nord gestern mitteilte. Demnach sank die Zahl der Baumschulen in der Region von 239 im Jahr 2012 auf 199 im vergangenen Jahr. Die Anbaufläche schrumpfte demnach von 3350 Hektar auf 2932 Hektar. Hielte dieser Trend an, gäbe es in 25 Jahren keine Baumschulen mehr.

Das Statistikamt hat die Daten für ganz Schleswig-Holstein erhoben. Demnach sank die Zahl der Betriebe landesweit von 298 auf 249, die Anbauflächen schrumpften von 3895 auf 3354 Hektar. 1965 waren es noch 1545 Baumschulen. Die größte Anbaufläche wurde 1995 mit 4941 Hektar registriert. Die Baumschulwirtschaft spielt allerdings im Rest des Landes kaum eine Rolle. Etwa 87 Prozent der norddeutschen Anbauflächen liegen im Kreis Pinneberg.

Frank Schoppa (kleines Foto), Geschäftsführer des Landesverbands Schleswig-Holstein im Bund deutscher Baumschulen (BDB), ärgert sich über die Zahlen der Statistiker. „Es gibt massive Mängel in der Erhebung. Und das sind systematische Fehler“, kritisiert der Baumschulfunktionär, der gestern auf dem Weg zur großen BDB-Wintertagung im niedersächsischen Goslar war auf Anfrage unserer Zeitung. Das Befragungsraster der Statistiker seien verändert worden und die Zahlen damit nicht vergleichbar. „Anzucht unter Folientunneln etwa wurde nicht berücksichtigt. Das wird bei den Baumschulen besonders in der Zucht empfindlicher Pflanzen aber immer beliebter. Außerdem wurde die Mindestgröße erhobener Flächen nach oben gesetzt. So fallen kleine Flächen durchs Raster“, sagt Schoppa. Das Thema solle nun während der Wintertagung diskutiert werden. In Goslar treffen sich etwa 250 Branchenvertreter aus ganz Deutschland.

Schoppas Einschätztung nach hat sich zwar die Zahl der Betriebe verringert. Die Gesamtanbaufläche und damit die Bedeutung für die Region dagegen nicht. „Ich vermute eher einen Effekt wie in anderen Zweigen der Landwirtschaft. Die verbleibenden Baumschulen wachsen, die durchschnittliche Flächengröße nimmt dabei zu.“ Die Methoden der Statistiker zeichneten jedoch ein verzerrtes Bild der tatsächlichen Lage.

Unbestritten ist aber auch laut Schoppa, dass die Zahl der Baumschulen kleiner geworden ist. „Es gibt einen Strukturwandel. Das ist normal. Außerdem beobachten wir eine europaweite Entwicklung: den Abbau von Überkapazitäten“, sagt Schoppa. Massive Sturmschäden in der Vergangenheit und ein florierender Markt in Ostdeutschland, wo in zahlreichen Straßenbauprojekten Gehölze gepflanzt wurden, hätten zu einem Boom geführt. „Daran konnten viele Anbieter gut verdienen. Betriebsschließungen sind jedoch auch ein natürlicher Marktmechanismus.“, sagt Schoppa. Trotzdem gebe es auch weltwirtschaftliche Einflüsse. Dem Export nach Russland etwa machten Wirtschaftssanktionen und ein schwacher Rubel zu schaffen.

Insgesamt besteht laut Schoppa aber kein Grund zur Sorge. „Wir haben die Talsohle durchschritten. Gehölze sind immer gefragt. Und bei den Rosen registrieren wir inzwischen wieder steigende Preise. Ein Banker aus der Region hat mir zudem gesagt, dass die Baumschulen ihm in Sachen Liquidität keinen Kummer machten“, sagt der BDB-Chef.

Trotzdem gibt er den Unternehmen Hausaufgaben mit. „Betriebe müssen heute schnell sein und Service sowie Lieferkette tipptopp.“ Im Privatkundengeschäft gehe der Trend zu kleinen Pflanzen, die keinen Pflegeaufwand mehr mit sich brächten. „Außerdem sollten die Baumschulen darüber nachdenken, auch Dienstleistungen wie Baumpflanzungen anzubieten. Vielen Kunden fehlt dafür inzwischen das nötige Fachwissen.“

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